Bayrische Staatsoper, Oper, Tannhäuser, Wagner

VON ALLEN SINNEN

Am 9. Juli zeigt ARTE Wagners Tannhäuser unter der Leitung von Kirill Petrenko aus der Bayerischen Staatsoper. Ein Probenbesuch vorab.

Gewagter Einsatz: Klaus Florian Vogt alias Tannhäuser klettert an Pfeilen die Bühne entlang © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper am Tag sechs vor der Premiere von Richard Wagners „Tannhäuser“. Noch ist die Bühne leer, die Anspannung allerorten zu spüren. Stimmengewirr dringt aus dem Orchestergraben, nervös eilen junge Frauen mit Kopfhörern und Mappen unterm Arm umher. Pünktlich um 14 Uhr heißt es von der Bühne: „Wir können anfangen!“ Es wird dunkel im Saal. Das Vorspiel beginnt, der Vorhang geht auf. Ein Dutzend barbusiger Amazonen mit Pfeil und Bogen defiliert über die Bühne und schießt auf eine überdimensionale Augenprojektion.

10 Minuten später: Das Auge ist zum Ohr mutiert. Plötzlich drehen sich die Amazonen um und richten ihre Waffen gegen das Publikum. Ein Schelm, der Böses denkt. Und nicht der letzte Gag des italienischen Regisseurs Romeo Castellucci. In der 12. Parkettreihe hat er sich eingerichtet und verfolgt am Monitor das Geschehen auf der Bühne. Jetzt muss dort Klaus Florian Vogt alias Tannhäuser an den Pfeilen entlang hochklettern. Viele Meter hoch. Wagner-Sänger leben gefährlich, wie man vom ersten Tristan-Darsteller Ludwig Schnorr von Carolsfeld weiß, der nur wenige Wochen nach der Uraufführung starb.

Oper mit Gruselfaktor

14.26 Uhr. Zweite Szene: Ein Fleischberg aus hautfarbener Glitschmasse tut sich auf. Die Venusgrotte, bei Castellucci wohl kein Paradies der Wollust. Bis zur Brust steckt Elena Pankratova als Oversize-Venus im schleimigen Fettklumpen und singt sich die Kehle aus dem Leib. „Stopp!“, heißt es jetzt von der Bühne. Etwas mit dem Bühnenbild scheint nicht zu stimmen „Es war so knapp. Wir sind kaum hinterhergekommen!“, ruft jemand. Mindestens 164 Ensemble-Proben standen Wagner 1861 für seine „Tannhäuser“-Premiere in Paris zur Verfügung. Ganze sechs Wochen hat die Bayerische Staatsoper. „Dieser enge Zeitrahmen ist wie ein Käfig“, sagt Castellucci.

Regisseur Romeo Castellucci (r., stehend) und Klaus Florian Vogt bei den Proben © Wilfried Hösl

Wenige Minuten später kann es weitergehen ohne Unterbrechungen bis zur vierten Szene: rot gewandete, maskierte Figuren tauchen auf, schleifen einen blutenden Hirsch herein. Wie eine kreisende Wunde dreht sich im Hintergrund eine Scheibe, die langsam den Boden mit Theaterblut durchtränkt. Christian Gerhaher, alias Wolfram, erscheint. „Hört man ihn?“, fragt Petrenko. „Die Hörner sind zu laut“, kommt es aus dem Parkett. Petrenko will gleich weitermachen. Doch von der Bühne heißt es jetzt, es müsse „saubergemacht werden, sonst rutschen die Sänger aus“.

Ein gelber Staubsauger wird über die Bühne gefahren, Hunderte Pfeile von der Leinwand abmontiert. Petrenko wischt sich den Schweiß von der Stirn. Heiß ist es im Orchestergraben, wo sich über hundert Musiker wie Sardinen in der Dose drängen. Akribisch und präzise gilt es hier zu arbeiten, mit kleinsten Gesten die größte Intensität zu erreichen. Wagner-Brunst und -Schwulst scheinen ohnehin nicht Petrenkos Sache. Ganz im Sinne des Wagner-Kritikers Hector Berlioz, der seinerzeit auch über die „scheußlich jaulende Streicherfigur“ schimpfte, die angeblich „142 Mal“ in der Ouvertüre vorkomme.

Zu früh gefreut

Zweiter Aufzug: Auftritt für Münchens Primadonna Anja Harteros als Elisabeth. „Seid mir gegrüßt!“, jubiliert sie. Wolfram tritt hinzu, als weiß gewandeter japanischer Zen-Meister. Jedes Wort ist zu verstehen. Mit Wagner kann man Deutsch lernen, sagt mancher Sänger. Ineinanderfließende Gazevorhänge lassen einen Hauch von Magie und Poesie aufkommen. Plötzlich quietscht es. Etwa 20 Schuhleisten – aus dem Fundus der „Meistersinger“? – rollen über die Bühne. Für einen Moment verliert Harteros die Fassung, schaut irritiert. Nicht der letzte Gruselfaktor der Inszenierung.

Der Vorhang fällt. Zu früh gefreut. „Bitte alle wieder auf die Bühne“, befiehlt Petrenko. „Es geht nicht, Romeo“, ruft er Castellucci zu. „Die Balance stimmt nicht, wenn die Sänger da so stehen.“ Zweite Pause. Techniker hantieren an den Schuhleisten, sichern Bühnenobjekte. Mit fast 2.500 Quadratmetern hat die Bayerische Staatsoper eine der größten Bühnen der Welt. Kein ungefährliches Pflaster: Nach unten blickt man auf ein gähnendes Inferno mit Hebe- und Senkmechanismen. Nach oben auf Stangen, Oberlichter, Haken und Rohre, Eisenbrücken, Wendeltreppen und Vorrichtungen aller Art.

Von den Arbeitsgalerien aus auf über acht Metern Höhe bedienen die Techniker die Maschinerie, auf halbem Wege zwischen Himmel und Erde, wo Legionen hängender Dekorationsteile darauf warten, in einem Akt ihre Rolle zu spielen. Ein eigenes Alarmsystem signalisiert, ob etwas von oben, von der Seite oder von unten kommt. Ganze zwei Sekunden braucht der zwölf Tonnen schwere Vorhang, um die Bühne vom Zuschauerraum abzutrennen.

Dirigent Kirill Petrenko © Wilfried Hösl

Die Pause ist vorbei. Langsam finden sich alle ein. Ein Flötist übt an einer Bach-Sonate seine Wendigkeit. Gerhaher lacht amüsiert über das Kostüm von Anja Harteros, auf das ein nackter Körper gemalt ist. Mittlerweile ist es 20.45 Uhr. Seit fast fünf Stunden volle Konzentration. Schlimmer als im OP, dürfte sich Gerhaher denken, der mal Arzt werden wollte. Er blickt auf sein Smartphone. Im Cuvilliés-Theater nebenan soll er heute den Bayerischen Staatspreis für Musik verliehen bekommen. Doch die Probe ist noch lange nicht zu Ende.

Teresa Pieschacón Raphael

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg

Oper

Wagner in München: Die Übertragung aus der Bayerischen Staatsoper ist Teil des Festivalsommers 2017 auf ARTE.

Sonntag, 9. Juli, 21.50 Uhr

Kategorien: Juli 2017