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WIDERSTAND IST NICHT ZWECKLOS

Filmemacher Imre Azem zeichnet ein düsteres Bild für die Zukunft seines Landes. Nur eines macht ihm Hoffnung.

Die „Hayir“-Kampagne machte Stimmung für ein „Nein“ zu Erdogans Referendum © TMK

Als der Kellner kommt, müssen Imre Azem und seine Frau Gaye Günay nicht lange überlegen. Sie bestellen Wein und Bier. „Es ist unser letzter Abend in Berlin, das müssen wir feiern“, sagt Azem. Einen Monat lang haben sie hier ihren Film „Türkei: Ringen um Demokratie“ fertiggestellt. Das Thema des Films bietet allerdings weniger Anlass zum Feiern als zur Sorge: Azem hat ein knappes Jahr lang seine Freunde begleitet – Akademiker, Journalisten, Aktivisten, die seit dem Putschversuch zunehmend unter Druck geraten.

ARTE Magazin: Wie ist die Idee entstanden, einen Film über den demokratischen Widerstand in der Türkei nach dem Putschversuch zu drehen?

Imre Azem: Die Türkei befindet sich am Rande eines Abgrunds. Sie kann hineinfallen oder sich langsam davon wegbewegen. Als 2016 der Putschversuch passierte, wussten wir: Das wird die türkische Politik grundlegend verändern. Es war wichtig für uns, diesen Punkt der Geschichte zu dokumentieren, und zwar aus Sicht der demokratischen Opposition.

Kennen Sie all Ihre Protagonisten persönlich?

Gaye Günay: Ja. Aber sie stehen jeweils repräsentativ für die Gruppen, die seit der Verhängung des Ausnahmezustands am meisten unter Druck stehen: Journalisten, Akademiker, Umwelt- und urbane Aktivisten, Frauen.

„Die Realität spielt keine Rolle mehr“

In welche Richtung bewegt sich die Türkei gerade?

Imre Azem: Von außen sieht es so aus, als mache die Türkei einen politischen und gesellschaftlichen Transformationsprozess durch. Das ist wahr. Aber von innen sieht man noch etwas anderes: eine Art moralische Korruption, moralische Dekadenz, die sich durch alle Schichten der Gesellschaft frisst.

Was meinen Sie mit dem Begriff „moralische Korruption“?

Imre Azem: Die Realität spielt keine Rolle mehr. Menschen können lügen, Zeitungen können lügen, der Staat kann lügen – und so tun, als entsprächen die Lügen der Wahrheit. Diese Vermischung von Wirklichkeit und Fiktion ist besorgniserregend. Damit einher geht eine Normalisierung von Gewalt, eine Taubheit gegenüber unethischem Verhalten.

Gaye Günay: Das ist allerdings kein rein türkisches Problem. Wir sehen das auf der ganzen Welt, etwa auch in den USA: Die Wahrheit spielt keine Rolle mehr.

Die Unterdrückung zettelt weitere Proteste an“

Wer leidet am meisten unter dem derzeitigen Zustand?

Imre Azem: 150.000 Menschen wurden von heute auf morgen ihres Amtes enthoben oder gekündigt. Mehr als 40.000 kamen ins Gefängnis. 37 von ihnen haben Selbstmord begangen. Wenn man die dazugehörigen Familien mitzählt, ergibt das eine riesige Summe von Menschen, die einfach auf die Straße geworfen wurden. Sie finden keine neue Arbeit, ihre Sozialleistungen und Renten werden gestrichen. Sie sind gefangen in dieser furchtbaren Situation. Zwei Akademiker, Nuriye Gülmen and Semih Özakça, haben monatelang bei der Menschenrechtsstatue in Ankara gegen diesen Zustand demonstriert. Vor vier Monaten gingen sie in den Hungerstreik. Nun wurden sie inhaftiert, da die Regierung der Meinung ist, ihr Protest werde eine größere Revolte anzetteln. Was sie nicht versteht, ist, dass ihre Unterdrückung weitere Proteste anzettelt.

Steckt eine bestimmte Botschaft in Ihrem Film?

Imre Azem: Ja. In der Türkei herrscht derzeit ein mittelalterliches Verständnis von Demokratie: Erdogan denkt, dass er tun kann, was er will, weil er 51 Prozent der Stimmen hat. Doch seit dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung der Vereinten Nationen wird Demokratie anders verstanden; sie basiert auf der Achtung der Menschenrechte. Diese Rechte wurden in Verfassungen mit aufgenommen, sie schützen die Minderheit vor der Tyrannei der Mehrheit. Diese Rechte sind nicht veräußerbar. Die wesentliche Spaltung in der Türkei ist die zwischen diesen beiden Verständnissen von Demokratie.
arte: Auch das Ergebnis des Verfassungsreferendums war 51 Prozent.

Imre Azem: Ja, das unterstreicht unseren Punkt. Zunächst einmal glaube ich, dass Erdogan nicht gewonnen hat. Aber selbst, wenn man akzeptiert, dass er gewonnen hat: Man kann solche großen Verfassungsänderungen, die das Leben jedes einzelnen Bürgers betreffen, nicht mit 51 Prozent beschließen.

Wie schaffte es Erdogan überhaupt, die Mehrheit zu bekommen?

Imre Azem: Ich denke, das Referendum sollte für ungültig erklärt werden. Es gab Wahlbetrug, es gab die unglaubliche Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, auch ungestempelte Wahlzettel zu zählen. Wichtiger ist aber, dass im Zuge dieses Referendums sehr klar geworden ist, dass Erdogan keine Vision für die Türkei mehr hat.

„Gezi ist Erdogans Albtraum – und die Hoffnung der Türkei“

Wie meinen Sie das?

Imre Azem: Früher hat er eine klare Vision angeboten. Er war glaubwürdig mit seinem Demokratisierungsprojekt, weil seine Vorgänger so korrupt waren. Wir kannten seine Vergangenheit und glaubten ihm nicht. Aber die türkischen Liberalen und die internationale Gemeinschaft glaubten ihm. Ihre Unterstützung ebnete den Weg für sein autoritäres System. Heute hat er nichts mehr anzubieten, außer religiöse Rhetorik, Betrug und Gewalt.

Haben Sie Hoffnung für die Zukunft Ihres Landes?

Imre Azem: Ich bin pessimistisch, was die nahe Zukunft angeht. Aber es gibt vieles, das Hoffnung macht. Wir hatten die Gezi-Erfahrung; Gezi war wie eine Blume, aus der viele weitere Bewegungen entstanden. Die Menschen haben gesehen, dass sie zusammen etwas erreichen können. Gezi ist Erdogans größter Albtraum – und genau deshalb die Hoffnung der Türkei.

Das Interview führte Carla Baum

ARTE Highlight: Türkei: Ringen um Demokratie

Geopolitische Doku

Die Dokumentation erzählt zum ersten Mal aus innertürkischer Perspektive von den Umbrüchen in der Türkei und was es bedeutet, dort Teil der Opposition zu sein. Filmemacher Imre Azem begleitet ein Jahr lang vier Protagonisten in einer Türkei, die sich im Ausnahmezustand befindet: Fatih Polat, Journalist und Chefredakteur der linken Tageszeitung „Evrensel“, die vom Staat entlassene Akademikerin und ehemalige Dozentin Gül Köksal, den Aktivisten Deniz Özgür und Mücella Yapici, die „Mutter“ der Gezi-Proteste und Vorstandsmitglied der Architektenkammer Istanbul.

Dienstag, 11. Juli, 22.10 Uhr

Online bis 10. August

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Kategorien: Juli 2017