O.J. SIMPSON: SCHWARZ-WEISS

Der Jahrhundertprozess gegen O. J. Simpson ist ein Lehrstück über Amerikas Kapitulation vor allgegenwärtigem Rassismus. Eine oscarprämierte Doku zeigt: Das Thema ist erschreckend aktuell.

Damals: O.J. Simpson hatte eine Bilderbuchkarriere in der Profiliga NFL © ARTE/RB GettyImages

Das schwarze Amerika jubelt, als Orenthal James „O. J.“ Simpson am 3. Oktober 1995 vor dem Superior Court von Los Angeles freigesprochen wird. Und die Weißen: sind zutiefst geschockt. Eine mehrheitlich afroamerikanisch besetzte Jury hat Simpson für nicht schuldig des Mordes an seiner Ex-Frau Nicole und einem Kellner befunden. Trotz gewalttätiger Vorgeschichte und erdrückender Beweise.

Der „Trial of the Century“ polarisiert die US-Gesellschaft, und er fasziniert sie bis heute. Schon deshalb, weil Simpsons Anwälten vor Gericht schier Unmögliches gelingt: Aus einer millionenschweren Ikone des American Football, die sich stets aus allen ethnischen Fragen herausgehalten hat, formen sie eine geradezu religiös aufgeladene Identifikationsfigur der schwarzen Community.

Allgegenwärtiger Rassismus

„Eine Ironie“ nennt das Regisseur Ezra Edelman. Sein fünfteiliges Epos „O. J. Simpson: Made in America“, in diesem Jahr mit dem Oscar für die beste Dokumentation ausgezeichnet, seziert den Fall vor dem Hintergrund alltäglicher rassistischer Auseinandersetzungen in den USA. Ironie, weil ausgerechnet ein O. J. Simpson diese Metamorphose durchlaufen hat. Der Mann, der nach einer Bilderbuchkarriere in der Profiliga NFL als erstes schwarzes Sportidol seine Popularität mit Werbung für Limousinen, Autovermieter und Mineralwasser vergolden kann. Und der damit den Boden für andere bereitet, etwa Basketball-Legende Michael „Air“ Jordan oder Golfstar Tiger Woods.

Fest steht: Simpson ist seinen Weg nicht im Bewusstsein gegangen, sich für Afroamerikaner stark zu machen. Mit seinem Credo „Ich bin nicht schwarz. Ich bin O. J.“ ist er meilenweit entfernt von einem Muhammad Ali, der trotzig gegen Rassendiskrimierung boxt und der radikalen Bewegung „Nation of Islam“ beitritt.

Die für den Prozessausgang entscheidende Sichtbarmachung des schwarzen O. J. hat eine Vorgeschichte. Los Angeles steht noch im Schock bürgerkriegsartiger Rassenunruhen mit 53 Toten. Die „Riots“ sind Folge eines anderen Freispruchs: den für vier weiße Polizisten, die 1991 den Afroamerikaner Rodney King fast totgeprügelt haben. Durch O. J. Simpson nimmt das schwarze Amerika nun Rache, wie ein damaliges Jurymitglied Edelman gegenüber offen bekennt.

Ein ganz tiefer Fall

Der Übergriff auf King reiht sich ein in eine beschämende Tradition. Und die Blutspur von Rassismus und Gewalt reicht bis in die Jetztzeit. Nicht einmal ein schwarzer US-Präsident hat daran etwas geändert. Ferguson, Baltimore – die Liste ließe sich lange fortsetzen. Das verleiht Edelmans Doku erschreckende Aktualität.

Und O. J.? Wird 1997 in einem Zivilprozess wegen des Doppelmordes zur Zahlung von 33,5 Millionen US-Dollar verurteilt. Seit 2007 sitzt er wegen eines bewaffneten Raubüberfalls in Las Vegas im Gefängnis, bis heute. Ein ganz tiefer Fall.

O.J. Simpson: Made in America

Dokuserie

Eines schon mal gleich vorweg: Man muss nicht in den Finessen des Football-Sportes bewandert sein, um sich von dieser Serie fesseln zu lassen. Im Gegenteil: Sport spielt nur eine untergeordnete Rolle, es ist vielmehr ein Ausflug in die (aller-)jüngste amerikanische Vergangenheit, in der der Rassismus noch gehörig grassiert. Der tiefe Fall des O.J. Simpson ist auch die Geschichte eines Schwarzen, der es sich erlaubt hat, in der „weißen“ Paradedisziplin American Football zu brillieren.

ab Freitag, 7. Juli, 20.15 Uhr

Online bis 13./14. Juli

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Kategorien: Juli 2017