Fotografie, Iran, Magnum, Newsha Tavakolian
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NEWSHA TAVAKOLIAN: FOTOS AUS DEM IRAN, FÜR DEN IRAN

Seit sie 16 ist, arbeitet Newsha Tavakolian als Fotografin im Iran – trotz all der Widrigkeiten, die der Beruf in ihrer Heimat mit sich bringt. Eine ARTE-Dokumentation begleitet sie und andere iranische Fotografinnen.

Die iranische Fotografin Newsha Tavakolian © Alle Rechte vorbehalten

Als Kind liebte Newsha Tavakolian das Singen. Sie träumte davon, vor Menschen aufzutreten, im Rampenlicht zu stehen. Doch in ihrem Heimatland, dem Iran, ist das für Frauen nicht so einfach: Einer Sängerin sind Solo-Auftritte vor einem Publikum verboten, in dem sich auch Männer befinden.

Der Beruf, den sie stattdessen wählte, ist ebenfalls von gesellschaftlichen und politischen Restriktionen betroffen: Tavakolian wurde Fotografin. Sie machte schon mehrmals die Erfahrung, ihren Beruf nicht frei ausüben zu können. Als 1999 im ganzen Land Studenten auf die Straße gingen, weil die Zeitung „Salam“ geschlossen worden war, war Tavakolian als 18-Jährige mit ihrer Kamera mittendrin. Die Fotos wurden in Zeitungen abgedruckt. Später wurden sie benutzt, um Protestierende zu identifizieren – ein einschneidendes Erlebnis für Tavakolian.

Kriege und Konflikte

Mit nur 20 Jahren ging sie als Kriegsfotografin in den Irak. Internationale Zeitungen wurden auf sie aufmerksam, kauften ihre Bilder. Unruhen und Konflikte ziehen sich wie ein roter Faden durch Tavakolians Arbeit in den 2000er Jahren.

Im Jahr 2009 sollte sie für die „New York Times“ die Unruhen im Zusammenhang mit der Präsidentschaftswahl fotografieren. „Es war damals nicht einfach, mit einem Fotoapparat durch die Checkpoints zu kommen“, erzählt sie in der ARTE-Doku „Iranparadox“. „Eine Kamera wurde als Spionagewerkzeug angesehen.“ Tavakolian wollte das, was sich in den Straßen abspielte, dokumentieren. Doch sie wollte sich und andere dabei nicht in Gefahr bringen.

Ein Jahr Überzeugungsarbeit

Frustriert zog sich Tavakolian zurück. Sie wusste, dass sie sich vom Fotojournalismus abwenden musste, um im Iran weiter als Fotografin tätig zu sein. In dieser schwierigen Phase besann sie sich auf ihre Vergangenheit – und den Traum, den sie als Kind gehabt hatte: Sängerin zu werden. Sie beschloss, nun ihren Blick auf diejenigen zu richten, die den Beruf trotz aller Widrigkeiten ausübten. Die sich als Backgroundsängerinnen oder als Entertainerinnen auf Hochzeiten mit nur Frauen im Publikum durchschlugen.

Sie fand Frauen, lernte sie kennen, doch sie zögerten, sich fotografieren zu lassen. Über ein Jahr lang musste Tavakolian die Sängerinnen davon überzeugen, sich vor die Kamera zu stellen.

So entstand Tavakolians Fotoserie „Listen“. Sie zeigt die Frauen singend, vor einem glitzernden Vorhang. „Ich habe ihnen gesagt, dass sie die Augen schließen sollen und sich vorstellen sollen, vor einem großen Publikum zu stehen“, sagt Tavakolian. Es wurden stille, kraftvolle und emotionale Bilder. Doch sie reichten Tavakolian nicht, sie wollte den Sängerinnen etwas mit auf den Weg geben. Deshalb schoss sie weitere Bilder und designte CD-Umschläge – die die Frauen eines Tages, wenn sie CDs veröffentlichen, benutzen können.

Kein westlicher Blick

Iranische Frauen sind seither ein Fokus in Tavakolians Arbeit. Dabei geht es ihr explizit nicht darum, Fotos für westliche Medien und Galerien anzufertigen, die den Menschen dort die Bedingungen im Iran näherbringen sollen. Sie möchte, dass ihre Bilder für die Iraner und Iranerinnen Sinn ergeben. Einen hochdotierten Fotojournalismus-Preis des französischen Investmentbankers Edouard Carmignac lehnte sie 2014 gar ab, weil dieser ihr Fotoprojekt nach ihren Angaben in eine kontroverse, verfälschende Richtung biegen wollte.

Internationale Anerkennung erfährt Tavakolian seither trotzdem: Vor zwei Jahren wurde sie von der renommierten Fotoagentur Magnum als Fotografin aufgenommen.

Carla Baum

Focus Iran – Wagemut in Kunst und Kultur

Der Iran fasziniert – und bleibt doch ein Land voller Kontraste. Zwischen Tradition und Moderne begeben sich kreative und mutige junge Fotografen auf eine künstlerische Gratwanderung zwischen Erlaubtem und Verbotenem. Von Teheran bis zum Urmiasee begleitet der Film fünf dieser Fotografen bei der Arbeit und taucht ein in die islamische Republik jenseits der Klischees.

Sonntag, 9. Juli, 17.30 Uhr

Online vom 9. Juli bis 12. August

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Kategorien: Juli 2017