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ABSCHIED VON DER DEMOKRATIE

Ein Jahr nach dem gescheiterten Putsch führt Recep Tayyip Erdoğan die Türkei immer mehr in die Autokratie. Der türkische Journalist Can Dündar lebt im Exil in Berlin – und organisiert von dort eine journalistische Opposition.

© TMK

Ich habe über Jahre Dutzende Dokumentarfilme für das türkische Fernsehen gedreht. Mein Wunschtraum war stets, einmal eine gemeinsame Dokumentation mit ARTE machen zu können. Und siehe da, eines Tages klopfte dieser Glücksfall bei mir an – und Thema war ich selbst. Mit „ich“ meine ich natürlich mein Land, die Türkei. Und die von den Repressionen der jüngsten Zeit in alle vier Winde ins Exil getriebenen Menschen. Dass es so kommen würde, ahnten manche schon, als sie den Namen Erdoğan zum ersten Mal hörten. Andere merken es erst jetzt. 

Erdogan wandelte die Türkei in ein Gefängnis um

Als ich eines Abends im vergangenen Juli in Spanien den Fernsehapparat einschaltete, ahnte ich nicht, dass, was ich sah, den Verlauf meines Lebens verändern sollte. Der Bildschirm zeigte einen Umsturzversuch – der jedoch kläglich scheiterte. Der Coup, der Erdoğan stürzen sollte, war durch eine Denunziation aufgedeckt worden. Und der nutzte die Geschehnisse für seinen großen Trumpf. Erdoğan verkehrte den Putschversuch in die Gelegenheit, sich seiner Widersacher zu entledigen, blies zur Hexenjagd und wandelte die Türkei in ein Gefängnis um.

Ich hatte Glück. Ich kehrte nicht zurück, sondern beschloss, meinen Beruf als Journalist, der in der Türkei schon länger nur noch stark eingeschränkt ausgeübt werden kann, in Deutschland weiter zu verfolgen. Um den Stimmen meiner inhaftierten Kollegen, die nicht so viel Glück hatten wie ich, Gehör zu verschaffen. Und um zu schreiben, was in der Türkei nicht mehr geschrieben werden konnte.

Gegen mich laufen sechs Prozesse

Hierfür gründete ich gemeinsam mit dem Portal „Correctiv“ die Plattform „Özgürüz“ und machte mich zusammen mit einer Handvoll Kollegen daran, den Freiheitskampf in der Türkei durch ein Exilmedium zu unterstützen. 

Unsere Website ist heute in der Türkei gesperrt. Die Manager und Autoren meiner Zeitung sind inhaftiert. Gegen mich laufen sechs Prozesse. Europa betrachtet die Türkei, der es 60 Jahre lang die Aufnahme in die Union verweigerte, weiterhin als guten Soldaten, der seine Grenze bewacht, als despotischen Wächter, der die Flüchtlinge festhält, als geräumigen Markt, auf dem man Waren verkaufen kann. Wenn das so weitergeht, wird sich sehr bald zu den religiösen Diktaturen in der Region eine weitere hinzugesellen und die problematische Ehe zwischen Islam und Demokratie am Ende sein.

Beim Schreiben der letzten Zeilen für das Skript zur gemeinsamen ARTE-Dokumentation mit Katja Deiss beschlich mich das Gefühl, mein eigenes Finale zu schreiben. Wie sehr hätte ich mir ein Happy End gewünscht. Und wünsche es mir nach wie vor.

Can Dündar

Den vollen Artikel von Can Dündar lesen Sie in der Juli-Ausgabe des ARTE Magazins.

ARTE Highlight: Exil Deutschland – Abschied von der Türkei

Gesellschaftsdoku

Er ist das Symbol für den Kampf um Pressefreiheit und Demokratie in der Türkei: der Journalist Can Dündar. Zusammen mit der deutschen Autorin Katja Deiß erzählt er exklusiv und persönlich, was es bedeutet, allein in einem fremden Land zu leben. „Nicht wir haben die Türkei verlassen, die Türkei hat uns verlassen“, beschreibt Can Dündar die Stimmung der Exilanten. Es gebe keinen Flecken im Land, wo mehr Intellektuelle versammelt seien als im Gefängnis von Silivri, heißt es in der Türkei. So flüchten vor allem Akademiker, Journalisten und Künstler. Die Türkei vertreibt ihre geistige Elite.

Dienstag, 11. Juli, 21.15 Uhr

Online vom 11. bis 18. Juli

Kategorien: Juli 2017