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KÄTHE KOLLWITZ – DER SOZIALE BLICK

Ihr Vater entdeckte früh ihr Talent und förderte sie, später wurde sie berühmt für die soziale Perspektive in ihrer Kunst. Der Lebensweg einer ungewöhnlichen und talentierten Frau.

Käthe Kollwitz Ende der 30er Jahre vor einem Entwurf ihrer Pietà © Nachlass Kollwitz

Im Kunstfeld von einer Gleichberechtigung der Geschlechter zu sprechen, wäre wohl zu viel gesagt. Immer noch sind Werke von Frauen in Museen in der Unterzahl. Doch zumindest eine Ausbildung zur Künstlerin steht jungen Frauen heute in gleicher Weise offen wie Männern. In Kunst-Leistungskursen und Kunstakademien sind Frauen heute sogar öfter vertreten als Männer.

Als Käthe Kollwitz in den 1870er und 1880er Jahren in Königsberg aufwuchs und das Zeichnen für sich entdeckte, war es noch alles andere als üblich, dass junge Frauen eine Karriere als Künstlerin anstrebten. Die junge Käthe hatte Glück: Ihr Vater, ein von liberalen und sozialdemokratischen Ideen inspirierter Maurer, erkannte ihr Talent schon früh und förderte sie. Er verschaffte ihr Zeichenunterricht und riet ihr, sich als Künstlerin zu verwirklichen.

Interesse für soziale Fragen

Mit 19 Jahren brach Kollwitz aus Königsberg gen Westen auf: In Berlin lernte sie den Schriftsteller Gerhart Hauptmann kennen, dessen Drama „Die Weber“ sie später zu einer Reihe von Werken inspirieren würde. Sie begann ein Kunststudium und lernte zunächst in Berlin bei Karl Stauffer-Bern, später bei Ludwig Herterich in München.

Nach ihrem Studium kehrte sie zurück nach Königsberg. Dort heiratete sie den Arzt Karl Kollwitz. Ihr Vater sah das nicht gern – er hatte Angst, die anfängliche künstlerische Karriere seiner Tochter würde durch die Heirat beendet. Doch der junge Arzt hatte kein Interesse an einer Frau, die nur zu Hause hinterm Herd stand. Er wusste wohl auch, dass ein solches Leben mit Käthe Kollwitz nicht zu führen war. Das Ehepaar zog nach Berlin, in den Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg. Käthe Kollwitz begann, sich als Künstlerin mit sozialen Fragen zu beschäftigen. Nicht zuletzt die Arbeit ihres Mannes brachte sie dazu. Täglich sah er als Arzt das Elend der Armen, die Krankheiten, die unter ihnen grassierten.

Durchbruch: „Der Weberaufstand“

Kollwitz begann, sich in ihrer Kunst immer mehr auf die sozial Schwachen und menschliches Leiden zu konzentrieren. Als junge Mutter zweier Söhne gelang ihr der Durchbruch als Künstlerin: 1898 nahm sie an der Großen Berliner Kunstausstellung teil, wo ihre Radierfolge „Der Weberaufstand“ gezeigt wurde. Schon nach der Uraufführung von Hauptmanns „Die Weber“ im Jahr 1893 hatte Kollwitz mit der Werkreihe angefangen. Der Künstler Max Liebermann war extrem beeindruckt von Kollwitz und ihrer kritischen Perspektive und schlug sie kurzerhand für die kleine goldene Medaille vor. Von Kaiser Wilhelm II. wurde das jedoch brüsk zurückgewiesen – „Orden und Ehrenzeichen gehören auf die Brust verdienter Männer“, begründete er seine Entscheidung. Überhaupt war er kein Freund der modernen Kunst.

Kollwitz wurde auch ohne die Gunst des Kaisers bald international bekannt. Sie trat der Künstlergruppe „Berliner Sezession“ bei – damals eine der wenigen, die überhaupt Frauen aufnahm – und stellte Anfang des 20. Jahrhunderts in London, Paris, Wien und Moskau aus. Besonders ihre Porträts – von Hunger leidenden Kindern, von Frauen der Arbeiterklasse – waren beliebt. Auch revolutionäre Ideen fand Kollwitz interessant. Doch dann starb ihr erst 18 Jahre alter Sohn Peter im Ersten Weltkrieg. Kollwitz zog aus ihrer Trauer auch eine politische Konsequenz. Von radikalen Revolutionsideologien zog sie sich zurück und vertrat fortan eine streng pazifistische Position. Noch heute sind ihre Plakate gegen den Krieg einem breiten Publikum bekannt.

Als „Entartete Kunst“ gebrandmarkt

Kein Wunder also, dass Kollwitz auch gegen den aufkeimenden Faschismus Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre aufbegehrte. Von den Nazis gezwungen, musste sie 1933 aus der Preußischen Akademie der Künste austreten, weil sie ein Manifest für den Widerstand gegen den Faschismus unterschrieben hatte. Ihre Werke wurden als „Entartete Kunst“ deklariert und durften in Deutschland nicht mehr ausgestellt werden.

Den Frieden nach dem Zweiten Weltkrieg, ihren großen Wunsch, erlebte Kollwitz nicht mehr. Sie starb wenige Tage vor dem Ende des Krieges auf Schloss Moritzburg in der Nähe von Dresden, wo sie ihre letzte Wohnung hatte.

Ob ihr die Welt heute, 150 Jahre nach ihrer Geburt, gefallen hätte? Sicher hätte sie die Frauenbewegungen des 20. Jahrhunderts, auch in der Kunst, unterstützt und willkommen geheißen. Doch die Schere zwischen Arm und Reich wird weiter, die wachsende soziale Ungleichheit hätte Kollwitz sicher künstlerisch auch heute noch umgetrieben.

Carla Baum

ARTE Highlight: Kollwitz – Ein Leben in Leidenschaft

Käthe Kollwitz gilt als die bedeutendste Künstlerin Deutschlands. Die großen Museen in aller Welt zeigen ihre Werke. Ihre Zeitgenossen zog sie durch ihre charismatische Erscheinung in den Bann. Die Dokumentation erzählt Leben und Werk dieser außergewöhnlichen Frau und zeigt viele bislang unbekannte Details ihrer Biografie. Anlässlich des 150. Geburtstags der Künstlerin am 8. Juli 2017 begibt sich ARTE auf Spurensuche nach einer der charismatischsten Frauenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, in einem Leben, dass vor allem geprägt war von unbändiger, nie nachlassender Leidenschaft.

Mittwoch, 5. Juli, 22.05 Uhr

Kategorien: Juli 2017