Durch die Nacht mit, Friedenspreis, Navid Kermani, Neapel, Syrien

AUF INTELLEKTUELLEM STREIFZUG MIT NAVID KERMANI

Der deutsch-iranische Schriftsteller zieht mit Schauspielerin Martina Gedeck durch die Nacht in Neapel – und wird von ARTE dabei begleitet. Auf den Spuren eines besonderen Gelehrten.

Navid Kermani © imago

Navid Kermani gehört zu der Sorte Intellektueller, die sich nicht damit begnügt, ihr Wissen nur an eifrige Studenten weiterzugeben. Er will vermitteln, Brücken schlagen. Seine Mittel: Wissen, Charme und Humor. Genussvoll widmet sich der 49-jährige Deutsch-Iraner etwa in seinem Buch „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“ (2015) der christlichen Bildwelt – heitere Seitenhiebe aus der muslimischen Perspektive inklusive.

Kermani ist überzeugt, dass Religion an sich nichts Schlechtes ist, im Gegenteil. Er bezeichnet sich selbst als „verwestlichten Muslim“ und sieht es als Problem, dass besonders in der westlichen Welt immer mehr religiöses Wissen verloren geht – das führe zu einer „grundlegenden Verarmung der Gesellschaft“. Er wünscht sich nicht die Abkehr von Religion, sondern die Toleranz und Offenheit unter und zwischen den Religionen.

Für ein entschlosseneres Handeln in Syrien

Schon als junger Mann war für Kermani, der in Siegen als Sohn iranischer Eltern aufwuchs, klar, dass er nicht in die Fußstapfen seines Vaters und seiner älteren Brüder stapfen wollte – die alle Ärzte sind. Er schrieb als Jugendlicher für die „Westfälische Rundschau“, nach dem Abitur studierte er Orientalistik, Philosophie und Theaterwissenschaft in Köln, Bonn und Kairo. Mit einem Stipendium von der Studienstiftung des deutschen Volkes schrieb er seine Dissertation. Sie trägt den Titel: „Gott ist schön“.

Kermani versteht es, sich nicht in einem Elfenbeinturm der Wissenschaft zu verstecken, sondern immer auf gesellschaftlich relevante Themen Bezug zu nehmen. So äußert er sich auch oft konkret zu politischen Themen. In der Vergangenheit sprach er sich etwa für ein entschlosseneres Handeln im Syrienkrieg aus und zog dabei auch einen militärischen Eingriff in Betracht. „Den größten Fehler begehen wir, wenn wir weiterhin nichts oder so wenig gegen den Massenmord vor unserer europäischen Haustür tun“, sagte er etwa bei der Verleihung des Friedenspreises.

„Die Liebe zum anderen setzt die Liebe zu sich selbst voraus“

Die Liste der Preise, die ihm für sein Engagement und sein literarisches Werk schon verliehen wurden, ist lang – Hannah-Arendt-Preis, Kleist-Preis, Cicero-Rednerpreis, Gerty-Spries-Literaturpreis. 2015 erhielt er eine ganz besondere Auszeichnung – den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. In seiner bewegenden Dankesrede sagte er: „Die Liebe zum Eigenen – zur eigenen Kultur wie zum eigenen Land und genauso zur eigenen Person – erweist sich in der Selbstkritik. Die Liebe zum anderen – zu einer anderen Person, einer anderen Kultur und selbst zu einer anderen Religion – kann viel schwärmerischer, sie kann vorbehaltlos sein. Richtig, die Liebe zum anderen setzt die Liebe zu sich selbst voraus.“

Auf ARTE streift Kermani mit Schauspielerin Martina Gedeck durch Neapel. Die beiden kennen sich, haben sich aber vor ihrem Treffen in Italien viele Jahre nicht gesehen. Beim ersten Aperol Spritz geht es um die Unterschiede zwischen Film und Schriftstellerei. Kermani gibt zu, dass es ihm unangenehm ist, auf Schritt und Tritt gefilmt zu werden: „Vor der Kamera bin ich viel aufgedrehter.“ Außerdem zitiert er die weisen Ratschläge einer Freundin für die gefilmte Nachttour: „Werd’ nicht zu privat.“ Und: „Trink nicht zu viel.“

Carla Baum

ARTE Highlight: Durch die Nacht mit … Martina Gedeck und Navid Kermani in Neapel

Der Schriftsteller Navid Kermani und die Schauspielerin Martina Gedeck verbringen einen Abend voller Gegensätze in Neapel. Sie treffen Pater Don Antonio Loffredo in der Katakombe von San Gaudioso und den Tangolehrer Ali Namazi, der Martina Gedeck das Tangotanzen beibringt. Sie sprechen über Liebe, Leidenschaft, Literatur und über die Magie der Kamera.

Sonntag, 2. Juli, 23.50 Uhr

Kategorien: Juli 2017