DEUTSCHLAND, FRANKREICH, Humor, TYPISCH FRANKREICH

SCHLÜPFRIGER SPOTT

Humor soll Menschen verbinden. Nur zwischen Franzosen und Deutschen klappt das nicht so recht. Ein Ausflug in die Abgründe des Gelächters.

© Martin Haake

Angela Merkel sitzt lächelnd auf der Kloschüssel und liest in einer Zeitschrift. Dazu die Überschrift „Charlie Hebdo wirkt befreiend – jetzt auch in Deutsch“. Die Titelseite der ersten deutschen Ausgabe des französischen Satiremagazins, erschienen Ende 2016, hat mich an meinen ersten Kontakt mit französischem Humor erinnert: Bekannte hatten mir zum Geburtstag ein Büchlein geschenkt; der Titel: „In Caca veritas“, eine Hommage an die Exkremente nebst Typologie der verschiedenen Ausscheidungsformen.

Ein anderes Thema verspricht sogar noch mehr Erfolg: la grivoiserie, la gaillardise, la paillardise, la polissonnerie, la gaudriole, la gravelure, oder einfach: la gauloiserie. Alle diese schönen wie unübersetzbaren Begriffe meinen dasselbe: die wunderbare französische Tradition des schlüpfrigen Spottes. Franzosen sprechen eigentlich ständig über Liebe und Sex und machen gerne Späße, die sich unterhalb der Gürtellinie abspielen.

Darf man über Andersgläubige lachen?

Das heißt nicht, dass sie dreckige Stammtischwitze reißen. Vielmehr geht ihre plaisanterie auf die erotische Dichtung des Mittelalters zurück, bei der das Derbe der höfischen Liebe entgegengestellt werden sollte. Wohl nur in Frankreich konnte daher eine Comicfigur wie „Pervers Pépère“ (perverser Opa) von Zeichner Marcel Gotlib populär werden – ein alter Lustmolch, der mit sadistischer Freude sowohl Frauen als auch Kindern nachstellt. Karikaturisten wie er machen keine Schmuddelspäße, sondern gelten als Erben von Rabelais. Der französische Humor ist für die empfindsame deutsche Seele schwer verdaulich, wohl auch, weil er so herrlich anarchistisch ist und vor nichts und niemandem Halt macht. Ob Präsident oder Prophet – jeder wird ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten durch den Kakao gezogen.

Da stellt man sich als Deutscher schon mal die Frage, ob man über Andersgläubige lachen darf. Vielleicht sind wir Deutschen über den Humor unserer Nachbarn aber auch nur erschrocken, weil wir, wie der jüdische Komiker Oliver Polak meint, „humorbehindert“ sind. Uns geht einfach alles ab, was man auf Französisch second degré nennt.

Macht jemand eine ernst gemeinte rassistische Bemerkung (premier degré) wie „Mit den muslimischen Einwanderern kommen immer mehr Terroristen ins Land“, antwortet ein Franzose nicht selten mit einer ironischen Bestätigung (second degré): „Genau, die können Bomben auch prima unter der Burka verstecken.“ Natürlich muss man nicht immer alles witzig finden. Respekt verdient jedoch, dass die Franzosen in ihrem Spott stets égalité walten lassen. Ihr Humor ist zutiefst demokratisch.

Zur Autorin: Sabine Klüber

Die Journalistin lebt seit 2009 mit französischem Mann und zwei Töchtern in Straßburg.

Karambolage

Magazin

Samstags, 18.55 Uhr

arte.tv/karambolage

DVD-Tipp: „Karambolage“ gibt es in der ARTE EDITION. Mehr unter arte.tv/edition

Kategorien: Juni 2017