Christopher Street Day, CSD, Gay Pride, Paragraf 175

„GAY POWER! GAY RIGHTS!“: DIE GEBURTSSTUNDE DES CHRISTOPHER STREET DAY

Mit dem Stonewall-Aufstand in der New Yorker Christopher Street im Jahr 1969 begann die Emanzipationsbewegung der Schwulen und Lesben.

Heute gehören bunte Gay Prides in vielen Großstädten im Sommer zum festen Programm © Agat Films

Heutzutage ist der Christopher Street Day in den Großstädten Deutschlands eine große, bunte Straßenparty, an der jeder teilnehmen darf – egal, wen er liebt. Das war nicht immer selbstverständlich, und auch heute droht Schwulen und Lesben in vielen Ländern der Welt noch Gewalt und Verfolgung.

Als 1969 in der New Yorker Christopher Street im Greenwich Village der Stonewall-Aufstand von Schwulen, Lesben und Transsexuellen begann, waren homosexuelle Handlungen und Beziehungen auch in den USA noch verpönt und in den meisten Bundesstaaten verboten. Trotz des freien Geistes der 1960er Jahre lebten die wenigsten Homosexuellen ihre Liebe offen.

Die Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 sollte den Anstoß zu gesellschaftlichen Veränderungen geben: In der Schwulenbar „Stonewall Inn“ in der Christopher Street führte die Polizei eine Razzia durch. Zwar waren Schwulenbars zu diesem Zeitpunkt in New York schon legal – nur wenige Jahre zuvor war es noch an der Tagesordnung, dass die Polizei nach solchen Razzien Fotos der Barbesucher in Zeitungen abdrucken ließ und sie so öffentlich an den Pranger stellte. Diesmal ließen sich die Schwulen die Durchsuchung nicht gefallen – sie widersetzten sich der Polizei und wehrten sich gegen ihre Verhaftung. Innerhalb kürzester Zeit wuchs die Menge der Protestierenden auf 2.000 an.

Befreiung vom Schattendasein

Es wurde eine Nacht voller Gewalt. Zahlreiche Männer wurden von der Polizei misshandelt, mindestens zwei wurden schwer verletzt. Auch die Tage danach blieb es unruhig im Viertel, immer mehr Homosexuelle schlossen sich den Protesten in der Chistopher Street an. Mit lauten „Gay Power! Gay Rights!“-Rufen liefen sie durch die Straßen. Es war das erste Mal, dass sich Schwule und Lesben in einer so großen Masse zusammenfanden, um für ihre Rechte zu protestieren. Der „Summer of 69“ wurde so auch zur Geburtsstunde der Schwulenbewegung und schlug Wellen durchs ganze Land: Überall in den Städten und an den Universitäten gründeten sich Gruppen von Homosexuellen, die endlich etwas an ihrem Schattendasein ändern wollten.

Ein Jahr nach dem Stonewall-Aufstand, am 28. Juni 1970, zogen 4.000 Homosexuelle durch das New Yorker East Village, erinnerten an die Unruhen von 1969 und demonstrierten für ihre Rechte. Der Christopher Street Day war geboren. (Übrigens: Erzählt man einem New Yorker heute vom „Christopher Street Day“, weiß der unter Umständen gar nicht, was gemeint ist. International ist die Bezeichnung „Gay Pride“ für die großen Straßenfeste der LGBT-Bewegung gängiger.)

Deutschland zieht nach

In Deutschland sollte es noch zehn Jahre dauern, bis auch in Berlin Homosexuelle auf die Straße gingen und mit einer großen Demonstration auf sich aufmerksam machten. 1979 nutzten sie den zehnten Jahrestag des Stonewall-Aufstandes für den ersten Christopher Street Day in Westberlin. An der Demonstration nahmen 450 Menschen teil – ein Klacks im Vergleich zu den Tausenden, die heute beim CSD auf den Straßen sind.

Bis 1969 war Homosexualität unter Männern in Deutschland gemäß des Paragrafen 175 noch eine Straftat. „175er“ war lange Zeit eine abschätzige Bezeichnung für Schwule. Nach zwei Reformen waren ab 1973 nur noch homosexuelle Handlungen mit unter 18-jährigen männlichen Jugendlichen strafbar. Bis in die 1990er Jahre hinein wurden jedes Jahr Menschen auf Grundlage des Paragrafen 175 verurteilt. Ganz aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde der Paragraf erst 1994.

Carla Baum

„I want to break free“ – Pop vom anderen Ufer

Der Kampf um die Rechte Homosexueller war seit der Nachkriegszeit eng an die Entwicklung einer eigenen schwul-lesbischen Kultur gebunden. Homosexuelle tauschten in Film, Literatur und Musik ihre Erfahrungen mit Gleichgesinnten aus und kämpften mit den Mitteln der Kunst gegen ihre gesellschaftliche Ausgrenzung. Zunächst war die homosexuelle Szene eine verbotene Subkultur, später ab 1969 beeinflusste sie die Popkultur freier. Vor der sexuellen Revolution drohte stets die Zensur. Das Spiel mit den Zweideutigkeiten und dem Unausgesprochenen hat bleibende Spuren hinterlassen. Anlässlich des Christopher Street Days untersucht die Dokumentation, auf welche Weise Homosexualität in der Kunst ab den 50er Jahren zum Ausdruck kommt – versteckt oder ganz selbstbewusst offen.

Kulturdoku

Freitag, 16. Juni, ab 21.45 Uhr

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