Essay, Identität, Transgender, Transsexualität

ESSAY: TRANSNORMAL

Bei Transsexualität steht die Identität und nicht das Begehren im Mittelpunkt. Klingt kompliziert – und beweist doch nur die Vielseitigkeit unserer Körper.

Viele Labels – keine Identität? © Antonia Hrastar für Arte Magazin

Lange Zeit teilte sich die Menschheit in zwei Geschlechter, Männer und Frauen, die einander begehren und Kinder zeugen. So weit, so simpel. Doch daneben gibt es auch Frauen, die Frauen begehren, Männer, die Männer begehren, manche, die beide Geschlechter mögen, und manche, deren Geschlecht nicht eindeutig zu bestimmen ist – biologisch oder sozial. Ordnung in diesen Dschungel versucht die gängige Formel LGBT zu bringen: lesbian, gay, bisexual und transgender.

Doch was genau verbirgt sich hinter diesen Begriffen? Während „lesbisch“, „gay“ („schwul“) und „bisexuell“ das Begehren kennzeichnet, ist das T von „transgender“ auf Identität bezogen. Diese weite Kategorie umfasst einerseits Personen, die sich jenseits beider Geschlechter verorten und sich weder als Mann noch als Frau sehen. Ein Beispiel hierfür ist der Gender-Aktivist Beatriz/Paul Preciado, Autor des wilden und politischen Buches „Testo Junkie“. Daneben bezeichnet „transgender“ Menschen, die Rollen und Kleider wechseln, also transvestitisch leben und auftreten. Schließlich fallen unter das T auch transsexuelle oder besser gesagt transidentische Personen, die sich selbst als „im falschen Körper geboren“ beschreiben. Ihr gefühltes Geschlecht passt nicht zum biologischen, und der Leidensdruck ist so stark, dass sie etwas gegen diese Diskrepanz unternehmen müssen.

Prominente Outings

Als eigenständiges Phänomen ist Transsexualität/Transidentität in den vergangenen 20 bis 30 Jahren verstärkt in den Blick geraten. Erste geschlechtsangleichende Operationen wurden schon in den 1930er Jahren vorgenommen; heute sorgen medizinische Möglichkeiten, sexuelle Liberalisierung und prominente Outings für mehr Akzeptanz und Sichtbarkeit. Als großes Medienereignis inszeniert war in den USA im Jahr 2015 die Transformation des Ex-Olympia-Zehnkämpfers und Reality-TV-Darstellers Bruce Jenner zu Caitlyn, die sich im Alter von 66 Jahren im Korsett auf dem Titelbild des Magazins „Vanity Fair“ ablichten ließ. Wie viele Menschen jenseits großer Prominenz dasselbe Schicksal leben, ist nicht genau zu erfassen. In Deutschland werden derzeit jährlich rund 1.600 Anträge auf Geschlechtsangleichung laut Transsexuellengesetz gestellt, die Anzahl stieg in den jüngsten Jahren stetig.

„Es kann Männer mit Vagina und Frauen mit Penis geben“

Der Übergang ins „neue“ oder „eigentliche“ Geschlecht erfordert vor allem Hormonbehandlung, Epilation von Haaren, chirurgische Eingriffe wie etwa Brustamputation und gegebenenfalls auch eine Operation der Genitalien. Die muss aber nicht stattfinden, denn Geschlecht – so lautet das Argument – finde nicht zwischen den Beinen statt, sondern zwischen den Ohren, im Gehirn. Heute gehen viele von der Annahme aus, dass Transsexualität angeboren sei und eventuell auf hormonelle Ungleichgewichte während der Schwangerschaft zurückzuführen ist. Immer noch ist Transsexualität medizinisch als „Geschlechtsidentitätsstörung“ deklariert, doch ist die Gesetzgebung in den vergangenen Jahren liberaler geworden. Für transidentische Personen haben sich mittlerweile die Bezeichnungen „Transmann“ (geboren als Mann, der jetzt als Frau lebt) und „Transfrau“ eingebürgert, im Gegensatz zu Bio-Mann und -Frau.

Kränkende Zweifel

Transsexualität ist für manche nicht leicht zu schlucken. Zunächst bleibt da der Vorbehalt, dass Transmänner und Transfrauen geschlechtlich niemals „richtige“, also Bio-Männer und Bio-Frauen sein werden. Gehören sie wirklich dazu? Diese kränkenden Zweifel zeigten sich zum Beispiel in der Diskussion um die Benutzung öffentlicher Toiletten. Feministinnen kritisieren dagegen, dass transidentische Personen in dem Wunsch, ganz normal als Mann oder Frau zu leben, sozusagen päpstlicher seien als der Papst und genau die Geschlechtsrollenklischees bestärkten, die man eigentlich überwinden wollte.
Judith Butler, die große Theoretikerin der Geschlechtertheorie, schrieb in ihrem Klassiker „Das Unbehagen der Geschlechter“, dass wir alle Maskeraden aufführen: Eine wahre Männlichkeit oder Weiblichkeit gebe es nicht, sondern nur Ideale, denen wir auf mehr oder weniger strikte Weise entsprechen wollen oder können. Recht besehen zeigt das Phänomen Transidentität, wie „queer“, also verrückt die Unterscheidung in zwei angeblich klar bestimmbare biologische Geschlechter ist. Vielleicht werden wir uns einfach daran gewöhnen, dass es auch Männer mit Vagina und Frauen mit Penis geben kann.

Zur Person: Andrea Roedig, geboren 1962 in Düsseldorf, lebt und arbeitet seit 2007 als freie Publizistin in Wien. Von 2001 bis 2006 leitete sie in Berlin die Kulturredaktion der Wochenzeitung „Freitag“.

ARTE Schwerpunkt: Trans is beautiful

Immer mehr Transmenschen zeigen sich selbstbewusst in der Öffentlichkeit. Woher rührt dieser Wandel? Eine Geschichte zur Trans-Revolution als Teil des ARTE-Schwerpunkts „God save the queer“.

Gesellschaftsdoku

Freitag, 9. Juni, 21.45 Uhr

Kategorien: Juni 2017