Documenta, documenta 14, kassel, Natascha Pflaumbaum

DOCUMENTA 14: IM ENTSTEHEN

150 Künstler, zwei Veranstaltungsorte: Die Vorbereitungen zur Documenta 14 zu filmen, war ein besonders komplexes Unterfangen.

„Blood Memory“: Eine Vergebungszeremonie in Kosovo, zu sehen auf der Documenta 14 in Athen ©Lala Meredith_Vula

„Es ist frischeste Kunst“, beschreibt Natascha Pflaumbaum. „Kunst, die gerade im Entstehen ist.“ Entsprechend schwierig war es, über die diesjährige Documenta einen Film zu machen. „Alles musste geheim bleiben. Und: Künstler lassen sich nicht so gerne über die Schulter gucken, wenn sie an einem Werk arbeiten.“ Dann gelang es ihr doch. Genau dieses Drübergucken.

Erste Recherchen für ihre Dokumentation beginnt Pflaumbaum im Februar 2016. Wie eine Auswahl treffen? Wie eine gewisses Spektrum abbilden? An der Documenta, die dieses Jahr in Kassel und Athen stattfindet, sind mehr als 150 Künstler beteiligt. Dass die Regisseurin den Film allein erstellt, kommt ihr zugute. Sie kann spontan reisen, ihre Kamera auch mal im Taxi auspacken, den Künstlern nahe kommen.

Reisen durch den Kosovo

Pflaumbaum reist nach Buenos Aires, ins englische Leicester, nach Beirut, Kassel, Athen und in den Kosovo. Dort begleitet sie vier Tage lang Lala Meredith-Vula – auf der Suche nach Heuballen. 1966 als Kind eines albanischen Vaters und einer britischen Mutter in Sarajevo geboren, zog Meredith-Vula noch in den 1970ern nach England, studierte Kunst, stellte bald international aus, repräsentierte 1999 Albanien bei der Biennale. Doch ihre ursprüngliche Herkunft ließ sie nicht los. So begann sie die „haystack“-Serie: „Diese merkwürdigen Skulpturen aus Heu wirkten wie moderne Kunstwerke. Für mich schloss sich hier der Kreis – zwischen meinem Künstlersein heute und meiner Vergangenheit in der Landschaft des Kosovo.“

Der Gegenpart zu „Blood Memory“ (siehe Bild oben) in Kassel: die „haystack“-Serie © Lala Meredith-Vula

Doch die Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die in ihrer formalen Strenge an Arbeiten aus der Becher-Schule erinnern, erscheinen im Kontext der Documenta fast wie eine Camouflage für ein anderes Werk: Während ihrer Reisen durch den Kosovo gerät die Fotografin auf eines der Treffen, die Anton Cetta, Gründer des „Versöhnungskomitees“, veranstaltet.

„Jedes Werk kommentiert, kritisiert oder analysiert“

Durch brutale Blutracheakte und Ehrenmorde war das Grenzgebiet zwischen Nord­albanien und dem Kosovo immer wieder in die Schlagzeilen geraten. In den 1990er Jahren inszeniert Cetta ritualisierte Vergebungszeremonien zwischen Opfern und Tätern. Es sind gigantische Massen­versammlungen. Meredith-Vula hat diese – beinahe zufällig – fotografiert. Ihre „Blood Memory“-Aufnahmen sind in wandfüllendem Schwarz-Weiß noch bis 16. Juli 2017 in Athen zu sehen; ahnungslos machen Ausstellungsbesucher davor Selfies. Ihre „haystack“-Serie bildet in Kassel den (harmlosen) Gegenpart. So wenig der aktuelle Documenta-Leiter Adam Szymczyk sich bezüglich der Künstlerlisten vorab in die Karten schauen ließ, so häufig äußerte er sein Credo, dass Kunst eine politische Dimension habe.

Fünf Künstler hat Natascha Pflaumbaum während ihrer Dreharbeiten getroffen. Neben ­Meredith-­Vula, ­Michel Auder und Daniel Knorr sind das ­Mounira Al Solh und Martha ­Minujín. „Jedes der Kunstwerke der im Film porträtierten Künstler kommentiert die poli­tische Wirklichkeit, kritisiert sie oder funktioniert als analytisches Superplus“, bestätigt die Filmemacherin. ­Martha ­Minujín etwa, die sich einfach einen „peaceful artist“ nennt, konstruiert – ähnlich zu ihrer 1983 in Buenos Aires realisierten Arbeit – aus verbotenen Büchern aller Welt den „Parthenon of Books“.

Die Dreharbeiten waren voller Herausforderungen

Seit Herbst 2016 entsteht auf dem Kasseler Friedrichsplatz eine papierne, originalgroße Replik des griechischen Gebäudes. Die Libanesin ­Mounira Al Solh wiederum bestickt mit Symbolen der ottomanischen Kultur ein Tuch. Es ist ein Trauertuch, eine Erinnerungsarbeit an die toten Flüchtlinge, deren Geschichten sie gehört hat. Die Künstlerin schreibt uralte Traditionen fort, füllt sie an mit neuen Geschichten aus einer Zeit, in der Leben und Tod sich näher kommen.

Ob in den Straßen von Buenos Aires – „ein Polizist riet mir, die Gegend sofort zu verlassen“ –, in Beirut, Athen oder Kassel: Die Dreharbeiten waren voller Herausforderungen, aber auch voll prägender und bewegender Erfahrungen für die Regisseurin. Dennoch oder gerade deshalb gelangen ihr Porträts aus nächster Nähe, intime Einblicke in kreative Prozesse. „Ich lasse meinen Protagonisten sehr viel Raum. Ich mache nichts, sage nichts, sondern warte, bis etwas passiert“, beschreibt Natascha Pflaumbaum ihre Arbeitsweise. Das Warten hat sich gelohnt.

ARTE Schwerpunkt: Documenta 14

Mit ausgewählten Filmen blickt ARTE auf die Werkausstellung, die in diesem Jahr in Kassel und Athen stattfindet.

Bitter verdient

Dokumentarfilm

Jedes Jahr verlassen Jugendliche zwischen 17 und 20 Jahren ihre Dörfer in Yunnan, um in Liming, einer der reichsten Städte Chinas, zu arbeiten. Doch der Lohn hat seinen Preis: Die harte Arbeit in den Nähereien und die armseligen Lebensbedingungen machen die Menschen bitter und zerrütten ganze Beziehungen. Vom Tag bleibt nach der Arbeit nichts mehr übrig, und die Nacht verbringen sie in kleinen, heruntergekommenen Zimmern oder Schlafsälen. „Bitter vedient“ ist ein neues Werk des chinesischen Filmemachers Wang Bing, der damit nach „Allein – In den Bergen von Yunnan“ seine gesellschaftskritische Chronik mit desillusioniertem Blick auf das heutige China fortsetzt. ARTE zeigt den Film im Rahmen des Schwerpunkts zur diesjährigen Documenta 14, auf der eine Retrospektive zu Wang Bing gezeigt wird.

Montag, 12.Juni, 23.05 Uhr

Documenta 14: Weltkunst – eine Reise

Kulturdoku

Die Dokumentation zeigt das Entstehen der Documenta 14. Die Filmemacherin Natascha Pflaumbaum besucht Künstlerinnen und Künstler in ihren Studios in New York, Beirut und Leicester, beobachtet sie bei der Arbeit an den Werken für die Documenta 14 und bei Recherchen unter anderem in Athen und im Kosovo. Außerdem trifft sie Documenta-Leiter Adam Szymczyk.

Mittwoch, 14. Juni, 21.50 Uhr

Metropolis: Best-of Documenta

Best of Documenta In diesem Sommer ist es endlich wieder so weit: Die Documenta, die weltweit wichtigste Schau für zeitgenössische Kunst, findet traditionell nur alle fünf Jahre in Kassel statt. 2017 ist die Documenta 14 zum ersten Mal auch an einem zweiten Schauplatz vertreten: Am 8. April wurde die Ausstellung unter dem Motto „Von Athen lernen“ in der griechischen Hauptstadt eröffnet. „Metropolis“ stellt in seiner Sonderausgabe einige der diesjährigen Documenta-Künstler und ihre Werke vor.

Kulturmagazin

Sonntag, 9. Juli, 16.45 Uhr

Art and Survival

Athen: Spielort der documenta14, der größten Kunstschau der Welt – und seit sieben Jahren Schauplatz von Flucht, Armut und Schuldenrkrise. Wie (über)leben die Künstler in diesen schwierigen Zeiten? Was können wir von Athen lernen? Die Serie „Art and Survival“ taucht ein in die kulturelle Szene von Athen. In Zusammenarbeit mit MONOPOL.

Webserie: arte.tv/artandsurvival

Kategorien: Juni 2017