Alzheimer, Dokumentarfilmfestival, Thierry Thieû Niang, Valeria Bruni Tedeschi

„WIR SIND UNS ALLE ÄHNLICH, WENN WIR EINSAMKEIT, KRANKHEIT ODER LIEBE ERFAHREN“

Mit ihrem ersten Dokumentarfilm „90 Jahre sind kein Alter“ blickt die französische Schauspielerin und Filmemacherin Valeria Bruni Tedeschi auf Choreograf Thierry Thieû Niang und seine Arbeit mit Alzheimerpatienten. Eine Begegnung reich an Emotionen.

© Selman Hosgör für Arte Magazin

ARTE Magazin: Frau Bruni Tedeschi, wie kam es dazu, dass Sie einen Film über Alzheimer gedreht haben?

Valeria Bruni Tedeschi: Ich hatte vor, ein Porträt über Thierry Thieû Niang zu machen, den ich bereits kannte und sehr bewundere. Doch seine Arbeit bot einen spannenden Zugang zu einer bisher unentdeckten Welt. Hier wollten wir uns als neutrale Beobachter fühlen. Wir wollten versuchen, hinter die Krankheit zu blicken und mit den Personen vertraut zu werden. Und so lassen sich im Film auch Momente der Freude finden.

Warum haben Sie Regisseur und Autor Yann Coridian hinzugezogen?

Die Zusammenarbeit mit ihm und der ständige Austausch haben mich gelehrt, eine neue Haltung einzunehmen, in der ich die Welt nicht nur filme und über sie schreibe, sondern sie wirklich beobachte. Als ob ich eine Form von Meditation gefunden hätte, die mich dazu zwingt, aufzuhören, die Realität ändern zu wollen.

Wie konnten Sie bei den Dreharbeiten im Altenheim einen Platz finden, der Sie diese Rolle einnehmen lässt?

Wir Menschen sind uns alle ähnlich, wenn wir Einsamkeit, Krankheit, Alter erfahren, aber auch die Freude am Tanz und an der Bewegung oder ein Gefühl von Liebe verspüren. Ich habe mich da sofort wiedererkannt. Zwar haben die Patienten uns immer wieder vom einen auf den anderen Tag vergessen, aber sie gewöhnten sich an unsere Gegenwart.

Blanche, eine der Patientinnen, verliebt sich unter den Augen der Kamera in Thierry. Wie sind Sie mit dieser unerwarteten Wendung umgegangen?

Blanche kam zu uns und hat uns ihre Liebe offenbart. Es war wie ein Wunder. Und hat natürlich Fragen von Moral, fast philosophische Themen aufgeworfen – denen man sich aber in jedem Alter stellen muss. Ist es gefährlich, sich zu verlieben? Kann es schwächen – oder im Gegenteil neuen Lebensmut einhauchen? Wir entschieden, die Situation nur zu beobachten.

Das Interview führte Hélène Porret

90 Jahre sind kein Alter

Spitzeneinsatz: Auf Schritt und Tritt mit dem Choreografen Thierry Thieû Niang bei seiner Arbeit mit Alzheimerpatienten.

Dokumentarfilm

Mittwoch, 7. Juni, 21.50 Uhr

Weitere Informationen zum Dokumentarfilmfestival auf ARTE finden Sie unter arte.tv/dokumentarfilmfestival

Kategorien: März 2018 · März 2018