Dokumentarfilmfestival, Philippe Mora

„JEDE FAMILIE, DIE DEN HOLOCAUST ÜBERLEBT HAT, ERZÄHLT EINE FILMREIFE GESCHICHTE“

Die eigene Familiengeschichte verarbeitete der Regisseur Philippe Mora bisher nur in Comics. Jetzt hat er sie mit Filmemacher Trevor Graham doch noch verfilmt. Mit viel Humor.

© Selman Hosgör für Arte Magazin

ARTE Magazin: Herr Mora, stimmt es, dass Sie jetzt deutscher Staatsbürger sind?

Philippe Mora: Ja, seit letztem September! Ich hatte erfahren, dass das deutsche Grundgesetz die Möglichkeit einräumt, die Staatsbürgerschaft zurückzubekommen, wenn die Nazis sie entzogen haben. Das konnte ich beweisen. Und habe mir meinen deutschen Pass besorgt.

Sie wollten also etwas zurück, was Ihnen weggenommen wurde?

Ich überspitze. Aber: Ich habe mich immer deutsch gefühlt, auch durch meinen Vater, der bis zum Tod mit deutschem Akzent sprach. Er trichterte mir deutsche Kultur ein und sagte: „Du musst Kafka lesen, dann macht alles Sinn.“

Der Film „Monsieur Mayonnaise“ begleitet die Geschichte Ihrer Familie aus dem Leipzig der 1930er mitten in den französischen Widerstand, dann in die Nachkriegszeit nach Australien. Fast zu viel für einen Film, oder?

Fast unmöglich für nur einen Film! Aber dann wiederum erzählt wohl jede Familie, die den Holocaust überlebt hat, diese reiche, filmreife Geschichte. Vielleicht nicht mit so viel Mayonnaise.

Monsieur Mayonnaise war der Deckname Ihres Vaters als Widerstandskämpfer in Frankreich.

Genau. Er hatte bemerkt, dass die NS-Offiziere sich ungern die Uniformen schmutzig machten. Er liebte Mayonnaise und konnte eine gute machen. Und so kam er auf die Idee, geheime Botschaften und sogar Pässe in Sandwiches voller Mayo zu verstecken.

Eine unglaubliche Geschichte. Warum erzählen Sie sie erst jetzt?

Meine eigene Vergangenheit schien mir immer weniger wichtig als Filme wie etwa „Swastika“, in denen es mir um das Phänomen Hitler geht. Erst als ich zum ersten Mal in Auschwitz war, änderte sich das. Egal, was ich bereits darüber gelesen und davon gesehen hatte – die schiere Größe haute mich geradezu um! Und so begann ich, meine Familiengeschichte zu zeichnen. Und wir machten „Monsieur Mayonnaise“ …

Ein Film, bei dem nicht Sie, sondern Trevor Graham Regie führte. Wie schwer war es, das Ruder aus der Hand zu geben?

Ach, wissen Sie! Es ist viel besser vor der Kamera als dahinter!

Hatten Trevor Graham und Sie dieselbe Vorstellung vom Film?

Ich hätte einen anderen Film gemacht. „Monsieur Mayonnaise“ ist sein Blick auf meine Familie. Ich kannte seine Filmsprache bereits von „Make Hummus not War“. Er schafft es, sehr schwere Themen mit einer gewissen Leichtigkeit zu erzählen.

Diese Leichtigkeit scheint in Ihrer Familie sehr ausgeprägt zu sein, trotz der düsteren Vergangenheit.

Das ist ein wichtiger Punkt: Meine Eltern haben sich nach dem Erlebten bewusst gegen die Schwere entschieden und wollten genau entgegengesetzt leben: Kunst, Musik, Essen, Liebe, Familie – in vollsten Zügen! Als ich zwölf war, erfuhr ich, dass wir jüdisch waren. Und wollte eine Bar Mizwa. Mein Vater war geschockt. Aber während der Zeremonie las er fließend aus der Thora. Und dann gewann unser Rabbi wenig später im Lotto. Seither pflegte mein Vater zu sagen: Es scheint wohl etwas dran zu sein an diesem Religiösen.

Das Interview führte Shila Meyer-Behjat

Monsieur Mayonnaise

Der Filmemacher und Graphic Artist Philippe Mora hat sich aufgemacht, um die Geschichte seiner Eltern zu ergründen. Sein Vater, ein gebürtiger Deutscher, war ein Held des französischen Widerstands, seine Mutter, heute eine gefeierte Künstlerin, war mit Mutter und Schwester bereits auf dem Weg in die Vernichtungslager, als ihrem Vater mit einiger Chuzpe die Rettung gelang. Aus seiner Reise in die Vergangenheit gestaltete Mora eine Graphic Novel, die eines der vielen stilistischen Elemente dieses Films bildet.

Dokumentarfilm

Mittwoch, 7. Juni, 20.15 Uhr

Zusätzlich gibt es eine Web-Serie auf arte.tv/monsieur-mayonnaise

Weitere Informationen zum Dokumentarfilmfestival auf ARTE finden Sie unter arte.tv/dokumentarfilmfestival

Kategorien: Juni 2017