DEUTSCHLAND, Kolumne, Nationalismus, Neue Rechte, Was ist Deutsch?
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WAS IST DEUTSCH?

Und was macht Deutschland aus? Autor Gerhard Waldherr über das Land der Schaffer.

Journalist Gerhard Waldherr © Silke Werzinger für ARTE Magazin

Eines vorab: Die Frage, was deutsch ist, lässt sich schwer beantworten. Pauschal frage ich meist zurück: „Welches Deutschland meinen wir? Das Deutschland der Armen, der Reichen, der Migranten; das der Jungen oder der Alten; der Friesen, der Schwaben oder der Sachsen; das der Großstädter, Kleinstädter oder Dörfler?“

Man kann ein Land so nicht erklären. Ein Land ist immer vieles und von allem auch das Gegenteil. Ein Kessel Buntes, um eine typisch deutsche Allegorie zu benutzen. Definiert wird es durch etwas anderes, etwas, das all die Unterschiedlichkeiten und Gegensätze verbindet, das in allem steckt und überall mitschwingt: die Einstellung der Menschen zu Leben, Familie und Beruf, ihre Werte und Tugenden, Hoffnungen und Träume. Man könnte es ein nationales Grundrauschen nennen.

Für mein Buch „Deutschkunde“ war ich zehn Jahre als Reporter unterwegs. Von der Nordsee bis zum Bodensee und zur ehemaligen Zonengrenze. Von Mecklenburg-Vorpommern ins Ruhrgebiet und runter ins tiefste Bayern. Da gibt es Adelige, Autobauer, Bierbrauer, Forscher, Pfarrer und Keksfabrikanten. Ärzte, Werber, Lehrer, Schüler und Prominente wie Uli Hoeneß. Die Erkenntnis: Überall waren die Menschen offen, bemüht und konstruktiv. Alle hatten ein Ziel, an dem sie arbeiteten, alle wollten etwas schaffen.

Ein Land der Schaffenskraft

„Schaffen“ ist ein schönes deutsches Wort. Weil genau das ganz tief in der deutschen Psyche verankert ist: etwas schaffen wollen und dafür zu kämpfen. So gesehen hat die Kanzlerin im Herbst 2015 durchaus die Seele des Landes getroffen, als sie sagte: „Wir schaffen das.“ Schon möglich, dass Angela Merkel zu optimistisch war angesichts der Herausforderung, es würde helfen, wenn die Politik dazu auch einen Plan hätte. Fest steht: Es gibt wenige Länder, denen man mehr Schaffenskraft zutrauen kann.

Nach Jahren in New York und Asien zog ich 2006 nach Berlin. Sofort fiel mir auf, wie wenig den Deutschen gerade das bewusst ist und was für eine produktive, faire und tolerante Gesellschaft sie haben. Den Stolz auf die Nation, der ein Land wie die USA auszeichnet (bei weit weniger sozialer Harmonie und fragiler Rechtsstaatlichkeit), findet man hierzulande kaum. Das ist kein Aufruf zu Deutschtümelei. Nur: Wer sich seiner selbst und seiner Stärken bewusst ist, hat Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit nicht nötig.

Gerhard Waldherr

Zur Person: Gerhard Waldherr
Gerhard Waldherr ist ein deutscher Reporter und Autor. Für sein Buch „Deutschkunde“ (2017, Murmann Verlag) reiste er auf der Suche nach der deutschen Seele quer durch das Land, sprach mit Dorfbewohnern und Städtern. Das Erstarken der rechtspopulistischen Kräfte konnte er während seiner zehnjährigen Recherche mitverfolgen.

Unter Fremden

Gesellschaftsdoku

Die Identitären sind die Speerspitze einer neuen rechten Bewegung in Europa. Sie sind smart, internetaffin und fremdenfeindlich. Der Journalist Manuel Gogos – selbst Kind griechischer Einwanderer – bricht zu einer Forschungsreise durch Europa auf, um diese „Fremden im eigenen Land“ kennenzulernen.

Dienstag, 30. Mai, 22.15 Uhr

Kategorien: Mai 2017