Born to run, Bruce Springsteen, Musikdoku, Nigel Cole

NIGEL COLE: „BRUCE SPRINGSTEEN IST EIN WASCHECHTER TYP“

Bruce Springsteens Autobiografie diente Regisseur Nigel Cole als Vorlage für eine intime Filmdoku über den Musiker. Im Interview spricht er darüber, wie er durch die Dreharbeiten zum größten Fan wurde.

Der Regisseur Nigel Cole © John Spellman / Retna Ltd.

Bevor Nigel Cole „Born to Run“ drehte, war er einfach Bruce-Springsteen-Fan. Einer von vielen. Er hatte Konzerte besucht, ein paar Alben gekauft und gern gehört. Jetzt aber, nach „Born to Run“, ist er „der wohl größte Bruce-Springsteen-Fan, den es gibt“. Im Gespräch mit ihm braucht es nicht mal eine Frage, um Cole ins Schwärmen über seine Arbeit mit dem Sänger zu bringen. Ein Superlativ jagt den nächsten. „Ich bin einfach so stolz auf diesen Film“, sagt der Regisseur, dessen Namen man ansonsten vor allem von Blockbustern wie „Kalender Girls“ (2003) oder „We Want Sex“ (2010) kennt. „Born to Run“ ist seine erste Musikdokumentation, bei der er bewusst mit Konventionen des Genres brach.

ARTE: Herr Cole, war es schwierig, an Bruce Springsteen ranzukommen?

Nigel Cole: Die Idee, einen Film zu machen, der Springsteens Autobiografie „Born to Run“ komplementiert, stand schon im Raum. Der Erstkontakt war von seiner Seite aus also da. Es war aber in der Tat schwierig, ihn zu treffen. Springsteen ist der am härtesten arbeitende Musiker, den es gibt. Er hat einen unglaublich vollen Terminplan.

ARTE: Eine Musikdoku passt eigentlich gar nicht in Ihr Portfolio, sonst drehen Sie Spielfilme. Was hat Sie im Falle Springsteens überzeugt?

Nigel Cole: Die Geschichte seiner Autobiografie. Das Buch ist extrem kraftvoll, bewegend, an manchen Stellen witzig. Als ich die Geschichte las, dachte ich sofort: Das ist ein Geschenk. Da steckt ein Film drin. Springsteen denkt wie ein Filmemacher, er schreibt und spricht in Bildern.

ARTE: In einer Szene im Film erzählt er zum Beispiel von den Geräuschen, die seine Mutter morgens nach dem Aufstehen im Haus gemacht hat.

Nigel Cole: Ist das nicht unglaublich? Er fängt mit den Details an, er malt Bilder mit seinen Worten – übrigens auch in seinen Songs. Daraus entstand meine Idee, dass die Bilder im Film genau seine Perspektive zeigen müssen. Er erzählt, wie er im Auto oft durch seine Heimatstadt fährt und an seine Vergangenheit denkt – wir sehen das Ganze aus seinem Blickwinkel hinter dem Steuer. Er erzählt von den Sonnenstrahlen auf der Bettdecke, als seine Frau ihm sagt, dass sie schwanger ist – wir sehen die Sonnenstrahlen und die Bettdecke. Der Zuschauer ist in seinem Kopf.

ARTE: Wie sieht es aus in Bruce Springsteens Kopf? Was ist er für ein Mensch?

Nigel Cole: Er ist so ein waschechter cooler Typ, extrem klar, freundlich und professionell. Auf eine Art bin ich neidisch auf ihn, denn er hat es geschafft, seine Karriere genau so zu gestalten, wie er will. Nicht, wie er muss, wie es andere von ihm verlangen. Außerdem ist er zehn Jahre älter als ich, sieht aber keinen Tag älter aus. Und in der letzten Etappe seiner Karriere kommt er, der größte Rockstar der Welt, dann plötzlich mit dieser wahnsinnigen Autobiografie um die Ecke, die Seiten von ihm zeigt, von denen niemand etwas wusste.

ARTE: Inwiefern ist seine eigene Lebensgeschichte mit seiner Musik verbunden?

Nigel Cole: Ich würde so weit gehen, zu sagen, dass durch diese Geschichte alles an dem Menschen und an dem Musiker Bruce Springsteen plötzlich Sinn ergibt. Seine Musik erklärt sich durch seine Geschichte. Sogar sein Look erklärt sich durch seine Vergangenheit: Auf der Bühne ist er sein Vater, zu dem er immer ein schwieriges Verhältnis hatte und der seinen Beruf als Musiker nie anerkannte. Obwohl Springsteen ein weltberühmter Star mit Millionen von Fans ist, verhält er sich auf der Bühne wie ein einfacher, hart arbeitender Mann. Er versucht, seinen Vater zu beeindrucken, als wolle er sagen: Schau her, ich bin wie du!

„Auf der Bühne ist Springsteen sein Vater – ein hart arbeitender Mann“

ARTE: Der Film bleibt sehr nah an Springsteen dran – außer ihm kommt niemand zu Wort.

Nigel Cole: Doch, an einer Stelle redet sein Bandkollege und Freund, der Saxofonist Clarence Clemons. Aber es stimmt, sonst ist da nur Springsteen. Es hat einiges an Überzeugungsarbeit gekostet, das Genre der Musikdoku so auszureizen. Normalerweise kommen in einem solchen Film viele Menschen zu Wort: der Manager, der beste Freund, Celebrities, die sich als riesige Fans outen. Und da Tom Hanks ein großer Bruce- Springsteen-Fan ist, hätten wir sogar ein sehr berühmtes Gesicht vor der Kamera gehabt. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe Tom Hanks! Aber ich habe die Autobiografie als eine große Chance gesehen, es hier sehr bewusst anders zu machen: Es sollte nur um Bruce und seine Geschichte gehen.

Der junge Bruce Springsteen beim Sichten seines Albums „Greetings from Asbury Park“, 1972 © Art Maillet 1972

ARTE: Wie haben Sie es geschafft, dass er sich in relativ kurzer Zeit so geöffnet hat?

Nigel Cole: Das war gar nicht schwer. Wir hatten in der Tat nicht viel Zeit zum Drehen: Es gab nur ein Interview vor der Kamera, das an einem einzigen Nachmittag in London entstanden ist. In dem Interview spricht Bruce viel über Erlebnisse, die er auch in seiner Autobiografie beschreibt. Für die meisten seiner Geschichten war es aber gar nicht nötig, dass er sie vor der Kamera noch einmal erzählt, da sie im Buch so treffend geschrieben sind. Deshalb habe ich viele von ihm vorgelesene Passagen aus dem Buch benutzt.

ARTE: Der Zuschauer fühlt sich dem Sänger durch diese persönlichen Geschichten sehr nah.

Nigel Cole: Genau das wollte ich erreichen. Ich habe zu Bruce gesagt: Schau doch ab und zu direkt in die Kamera. Mein Publikum soll sich fühlen wie deins, wenn du ihm auf der Bühne aus deinem Leben erzählst.

Das Interview führte Carla Baum

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Freitag, 2. Juni, 21.50 Uhr

Kategorien: März 2018 · März 2018