de Lestrade, Jean-Xavier de Lestrade, Manon

JEAN-XAVIER DE LESTRADE: „ICH WEISS, WIE ES IST, INNERLICH ZU BRODELN“

Mit „Manon, 20 Jahre“ geht die Serie „Dreimal Manon“ in die Verlängerung. Im Interview spricht Regisseur Jean-Xavier de Lestrade darüber, warum er sich einfach nicht von der Figur trennen konnte.

Jean-Xavier de Lestrade © Rémy Artiges

Von Mord, Rassismus und der Suche nach Gerechtigkeit: Für „Ein Mörder nach Maß“, eine dokumentarische Studie über eine unrechtmäßige Anklage, wird de Lestrade 2002 mit einem Oscar ausgezeichnet. Seit 1990 dreht der Autodidakt – er studierte Jura und Journalismus – vor allem Dokumentarfilme. Auch in der 2013 realisierten fiktiven Serie „Dreimal Manon“ zeigt sich sein ungeschönter Blick: Realitätsnah zeichnet der Franzose den kriminellen Werdegang seiner 15-jährigen Protagonistin – und erhielt dafür Gold beim Filmfestival in Biarritz. Eine Fortsetzung musste sein, wie der 54-Jährige im Interview erzählt.

ARTE: Wann entstand die Idee, eine Fortsetzung von „Dreimal Manon“ zu drehen?

Jean-Xavier de Lestrade:
Am letzten Drehtag der ersten Staffel. Ich konnte mich von dieser Figur einfach nicht trennen und mich mit ihrem Verschwinden nicht abfinden. Ich hatte große Lust herauszufinden, was aus Manon werden würde. Gemeinsam mit dem Drehbuchautor Antoine Lacomblez hatte ich mir schon viele Gedanken gemacht. Aber die größte Herausforderung an der Fortsetzung war das Warten. Das Warten darauf, dass Alba Gaia Bellugi, die Darstellerin der Manon, älter würde. Damit man den Charakter der Hauptfigur mit neuen Erfahrungen anreichern konnte, um die fünfjährige Zeitspanne, die zwischen den beiden Trilogien liegt, zu erzählen.

„Man muss einen Teil von sich selbst in eine Figur geben“

Wie haben Sie sich die Entwicklung des Charakters vorgestellt?

Mit 20 ist man mit einer zentralen Frage konfrontiert: Wo ist mein Platz? Dieser Platz definiert sich anhand dreier wichtiger Thematiken: dem Sozialen, dem Emotionalen und der Familie. Es gibt die Arbeitswelt, die man mit dem ersten Job kennenlernt. Damit verbunden ist die Art, wie man sich in die Gesellschaft einbringt. Dann gibt es die festen Beziehungen, zu Freunden zu Liebespartnern. Für Manon ist das terra incognita, weil ihre Mutter sie von jeder Form der Sexualität ferngehalten hat. In der ersten Staffel, als Jugendliche, noch dazu mit einem androgynen Körper, ist sie überhaupt nicht in der Lage, sich mit ihrer eigenen Sexualität zu beschäftigen. Sie ist fremdbestimmt durch das Verlangen anderer. Erst langsam erkennt sie, was sie will, was sie empfindet. Außerdem muss sich Manon mit ihrer Herkunft auseinandersetzen, mit ihrem abwesenden Vater.

Steckt ein bisschen von Ihnen selbst in Manon?

Man kann nur dann in eine Figur tief eintauchen, wenn man auch einen Teil von sich selbst mit hineingibt. Im Grunde haben sich Antoine Laclombez und ich – obwohl zwei Männer – in dieser weiblichen Hauptfigur getroffen, wiedergefunden. Uns berühren gleichermaßen diese Schattenwesen, die keine Worte haben, um sich auszudrücken. Menschen, die man kaum bemerkt, obwohl sie bemerkenswert sind. Manon ist eine dieser stillen, leidenden Personen. Aus meiner eigenen Jugend weiß ich, wie sich das anfühlt, innerlich zu brodeln, sich aber nicht ausdrücken zu können.

Wird es auch eine dritte Staffel geben?

Auf jeden Fall. Aber wir werden ein paar Jahre warten müssen…

Übersetzung: Katrin Ullmann

Manon, 20 Jahre

Manon hat ihre Vergangenheit als renitente Jugendliche im geschlossenen Erziehungsheim hinter sich gelassen. Die frisch ausgebildete Kfz-Mechatronikerin möchte nun in ihrem Beruf arbeiten. Das Problem: Werkstattleiter Hervé kann sich keine Frau unter den Männern vorstellen. Stattdessen soll Manon erst einmal als Empfangsdame anfangen. Ihr rebellisches Wesen sträubt sich vehement gegen die aufgesetzte Freundlichkeit. Aber sie hat keine andere Wahl. Gerade ohne Bleibe, hat sie außer zu den Mitarbeitern keine Kontakte. Als Lola, eine wilde Freundin aus dem Erziehungsheim, die Werkstatt betritt, fühlt sich Manons angepasste Gegenwart wieder komplett falsch an …

Ab Donnerstag, 1. Juni, 20.15 Uhr

Kategorien: März 2018 · März 2018