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XAVIER DOLAN: DER RASTLOSE

Xavier Dolan ist noch keine 30 und hat schon eine beeindruckende Karriere als Schauspieler und Regisseur hinter sich. Der Erfolg scheint ihm dennoch nicht zu Kopf gestiegen zu sein.

Xavier Dolans Filmkarriere begann schon im Alter von vier Jahren @GettyImages

Die Bezeichnung „enfant terrible“ sei ihm lieber als „Wunderkind“, sagte Xavier Dolan einmal in einem Interview. In beiden Bezeichnungen schwingt das Staunen darüber mit, was der Franko-Kanadier in seinen jungen Jahren schon alles geschafft und geschaffen hat. Mit 16 schrieb er das Drehbuch zu seinem viel gefeierten ersten Film „Ich habe meine Mutter getötet“ (2009). Er war noch keine 25, da waren drei seiner Filme bereits in Cannes gelaufen und einer davon, „Mommy“, hatte den Großen Preis der Jury bekommen – die zweithöchste Auszeichnung des Filmfestivals.

Heute, mit 28, beschäftigt Dolan sich damit, Preise für seinen aktuellen Film „Einfach das Ende der Welt“ (2016) zu sammeln. Das Drama über einen todkranken jungen Mann, der zu seiner Familie heimkehrt, gewann wieder den Großen Preis der Jury in Cannes. Gleich dreimal räumte der Film bei der César-Verleihung im Februar ab: bestes Drehbuch, bester Schnitt, bester Hauptdarsteller (Gaspard Ulliel).

Adele rief ihn einfach an

Uff. Sonst noch was? Ach ja: Wenn Dolan mal keine Filme dreht, macht er Musikvideos. Adele vertraute das Drehbuch zum Video ihres Superhits „Hello“ Dolan an. „Sie rief mich an, als ich mit Freunden in Paris war“, sagte Dolan der Vogue. „Wir stiegen einfach in einen Zug nach London, um sie zu treffen.“ Dolan machte aus dem Video ein kleines Kunstwerk. Und auch wenn der Song mittlerweile so oft im Radio gespielt wurde, dass ihn selbst kleine Kinder schon mitsingen können – das Video ist ein erneutes Schauen und Hören wert.

Man könnte meinen, Dolan sei der frühe Erfolg zu Kopf gestiegen – so viel und so überschwänglich wird er überall gelobt. Wie tritt jemand auf, dem der Erfolg seit dem Beginn seiner Karriere nur so hinterherzujagen scheint? In Interviews gibt sich der Regisseur und Schauspieler oft unsicher und zweifelnd. Er kritisiert seine Filme, besonders die frühen, aufs Schärfste und gibt zu, jede Rezension seiner Filme und jeden Artikel über ihn zu lesen.

Abseits der Schublade

Das Zweifelnde, Unsichere ist auch ein Hauptmotiv seiner Filme. Seine Figuren fallen oft aus den gängigen Kategorien und Mustern der Mehrheitsgesellschaft. Dolan selbst ist schwul, viele seiner Hauptfiguren sind es auch. Seinen ersten Film „I killed my mother“ bezeichnet er auch als semi-biografisch. Darin geht es um einen homosexuellen Jungen, gespielt von Dolan selbst, und das schwierige Verhältnis zu seiner alleinerziehenden Mutter.

Man darf gespannt sein, was dieser äußerst produktive und kreative Kopf in den nächsten Jahren noch hervorbringen wird. Filmvorhaben gibt es genug: Dolan möchte eine neue Fassung von Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“ drehen, auch ein englischsprachiger Film ist geplant. Vorher möchte Dolan sich aber einen kleinen Traum erfüllen: eine kreative Pause und ein Studium der Kunstgeschichte.

Steckbrief: Xavier Dolan

Geboren am: 20. März 1989

Geburtsort: Montréal, Kanada

Eltern: Geneviève Dolan (Lehrerin), Manuel Tadros (Sänger, Schauspieler)

Erste Schauspielerfahrung: mit vier Jahren im Werbespot einer Apothekenkette

Was viele nicht wissen: Dolan sprach Ron Weasley in der Quebec-französischen Version der Harry Potter Filme

Mommy

Drama

Der junge Steve leidet an ADHS und ist auch ansonsten verhaltensgestört. Deshalb hat ihn seine alleinerziehende, überforderte Mutter ins Heim gesteckt. Als er dort einen Brand auslöst, ist sie gezwungen, ihn wieder bei sich aufzunehmen. Gleichzeitig muss sie sich eine neue Arbeit suchen. Die Situation ist schwierig – bis die Nachbarin Kyla auftaucht. Die Lehrerin, die wegen eines stressbedingten Sprachfehlers ein Sabbatjahr macht, bringt neuen Wind in das Leben der Kleinfamilie …

Sonntag, 14. Mai, 20.15 Uhr

Kategorien: Mai 2017