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MARIA THERESIA: DIE MÄCHTIGE MUTTER

Die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger beschreibt, warum Kaiserin Maria Theresia zur Ausnahmeherrscherin verklärt wurde.

Kaiserin Maria Theresia porträtiert von Martin van Meytens © Getty Images

Die Geschichte der österreichischen Kaiserin Maria Theresia (1717–1780) erscheint deshalb so märchenhaft, weil mit ihr das gänzlich Unerwartete eintrat: die wundersame Rettung der Habsburger Monarchie durch eine Frau. Die Faszinationskraft Maria Theresias lebt von der erstaunlichen Verbindung männlichen Heldentums und weiblicher Tugend. Sie war bekanntlich nicht nur eine Herrscherin, sondern auch eine treue Gattin und sechzehnfache Mutter. Sensationelle Fruchtbarkeit, verbunden mit tatkräftiger Herrschaft, also gleichsam weibliche und männliche Vollkommenheit in einer Person, das ließ Maria Theresia als Ausnahme erscheinen.

Selbst unter den berühmten weiblichen Herrscherinnen der Weltgeschichte – Kleopatra, Elisabeth I. oder Katharina II. – erschien sie exzeptionell. Während bei den anderen die Herrschaft zu Lasten der Rolle als Gattin und Mutter ging – sie waren entweder unverheiratet oder unfruchtbar oder sexuell ausschweifend oder alles zusammen –, vereinte allein Maria Theresia weise Regentschaft, treue Gattenliebe, untadelige Sitten und blühende Fruchtbarkeit in einer Person. Sie erschien als Ausnahme selbst unter den Ausnahmen.

Maria Theresia galt als „Grande Homme“

Für das nach wie vor dynastisch geprägte 18. Jahrhundert war weibliche Regentschaft als solche allerdings noch keineswegs besonders ungewöhnlich. „Weiberherrschaft“ galt zwar auch damals als etwas wenig Wünschenswertes, aber nicht als Widerspruch in sich; die Sphären des Öffentlichen und des Privaten, der Politik und der Familie waren noch nicht kategorial getrennt. Außergewöhnlich war im 18. Jahrhundert weniger, dass eine Frau Herrschaft ausübte, außergewöhnlich war vielmehr, dass ein Monarch, ob Mann oder Frau, das Geschäft des Regierens als persönliche Aufgabe derart ernst nahm.

Es gab viele Arten von Fürsten: Kunstmäzene, Frauenliebhaber, Kriegshelden, Jäger, Hausväter, Gelehrte, Philosophen; jeder Fürst konnte in der Gestaltung seines persönlichen Lebensalltags die jeweilige Vorliebe ausgiebig kultivieren. Nur die wenigsten machten das persönliche Regieren so zu ihrer Sache, wie Maria Theresia es tat.

Ihre Zeitgenossen pflegten Maria Theresias Männlichkeit der Seele zu preisen, ihre virilità d’anima. Man nannte sie einen „Grand-Homme – im reizenden Körper einer Königin ganz ein König, nach der herrlichsten, allumfassendsten Bedeutung dieses Wortes“. Spätere Historiker nahmen das auf und bezeichneten sie als einen „Mann voll Einsicht und Tatkraft“. Dass in einem weiblichen Körper eine männliche Seele wohnen könne, war ein alter Topos, der allerdings weniger dazu diente, die Frauen zu erhöhen, als die Männer zu beschämen.

Ausnahmefrauen bestätigen nur das männlich geprägte Weltbild

Männliche Tapferkeit oder Entschlossenheit, männlichen Mut oder Geist an einer Frau zu loben dient vor allem als indirekte Kritik an den Männern – übrigens bis zur Gegenwart, etwa wenn man Margaret Thatcher oder Angela Merkel als „einzigen Mann im Kabinett“ bezeichnet. Indem man jedoch eine heroische Ausnahmefrau wie Maria Theresia als „echten Mann“ bezeichnet, tastet man die Geschlechterhierarchie nicht an, sondern bestärkt sie noch. Denn vorausgesetzt wird ja dabei, dass Männlichkeit ein Kompliment und das männliche Geschlecht das überlegene sei. In dieses männlich geprägte Weltbild ließ sich eine weibliche Herrscherin wie Maria Theresia am besten dadurch integrieren, dass man sie als die große Ausnahme behandelte, die die Regel bestätigt. Normative Ordnungen leben von solchen Ausnahmen.

Als Ausnahmefrau gefährdete die Habsburger Regentin die hergebrachten Geschlechterrollen nicht. Sie ist die bieder-bürgerliche Reichshausfrau, die Schluss macht mit dem aristokratisch dominierten Hof und seinem steifen Zeremoniell. Sie ist die entschlossene Begründerin des modernen bürokratischen Verwaltungsstaats, die aufräumt mit Privilegien und Patronage. Und schließlich ist sie die Herrscherin der Herzen, die ihre Untertanen wie ihre Kinder liebt und von ihnen geliebt wird, zugänglich für jeden, auch den geringsten Untertanen. Das sind – überspitzt gesagt – die Stereotype, mit denen sich Biografien bis heute auseinanderzusetzen haben. Zu ihrem 300. Geburtstag ist es an der Zeit, die Figur Maria Theresia zu historisieren und in ihrer Fremdartigkeit zu betrachten – als außergewöhnlichen Normalfall, der unter den Schichten der vielen historiografischen Projektionen freigelegt wird, die ihn mit der Zeit überwuchert haben.

Barbara Stollberg-Rilinger

Zur Person: Barbara Stollberg-Rilinger

Barbara Stollberg-Rilinger ist Historikerin und gewann mit ihrer Biografie „Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit“ (2017, Verlag C. H. Beck) im März den Sachbuch-Preis der Leipziger Buchmesse. Dieses Essay ist ein exklusiver Auszug daraus.

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Kategorien: Mai 2017