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KARIDJA TOURÉ: „ICH MÖCHTE HERAUSGEFORDERT WERDEN“

Es ist fast ein bisschen magisch, wie Karidja Touré zur Schauspielerei kam. Für die Französin ist es die Erfüllung eines Traumes, den sie seit Harry Potter hat.

Karidja Touré wurde auf einem Jahrmarkt entdeckt @GettyImages

Mitten im Trubel eines Pariser Jahrmarkts, unter leuchtenden Reklamen und Fahrgestellen wurde Karidja Touré entdeckt: Die französische Regisseurin Céline Sciamma wollte ihren Film „Mädchenbande“ mit authentischen, unverbrauchten Gesichtern besetzen – weswegen die Suche nach den Darstellern auf den Pariser Straßen stattfand. Der Film selbst erregte in Frankreich Aufsehen, denn nicht nur waren die Rollen fast ausschließlich mit schwarzen Personen besetzt, auch waren alle Hauptfiguren weiblich. Ein seltenes Phänomen im französischen Kino. Eine der Protagonistinnen ist Marieme, die in einem Vorort der französischen Hauptstadt in eine kriminelle Mädchen-Gang rutscht. Die Figur war für die 23-jährige ein Glücksfall.

ARTE Magazin: Ein Spaziergang hat Ihr Leben verändert, wenn man das mal so ausdrücken darf: Als Sie mit Ihren Freunden über den Jahrmarkt liefen, wurden Sie für „Mädchenbande“ entdeckt. Aber stand der Beruf Schauspielerin überhaupt auf Ihrer Wunschliste?
Karidja Touré: Ich habe tatsächlich immer davon geträumt, Schauspielerin zu werden. Als ich klein war, war ich ein großer Fan der „Harry Potter“-Filmreihe. In meiner Fantasie habe ich immer mit den Schauspielern die Plätze getauscht, um mitspielen zu können. Und auch in jedem weiteren Film war ich auf die Schauspieler neidisch und habe ich mich gefragt, ob ich jemals die Chance bekommen würde, so eine Rolle zu spielen. Auf den Bonus-DVDs meiner Lieblingsfilme habe ich mir oft die „Making Ofs“ angeschaut oder auf YouTube nach welchen gesucht, um mehr über die Schauspielerei zu erfahren.

Was hat sie überzeugt, die Rolle der Marieme anzunehmen?
Marieme durchläuft im Film eine Entwicklung. Es war eine tolle Herausforderung, die verschiedenen Phasen zu spielen: die wechselnden Frisuren und Kleider, wie sie sich auch charakterlich verändert und sich immer mehr durchsetzt. Marieme ist eine tiefgründige Figur, das faszinierte mich. Mir gefiel auch, wie sie den Zuschauer zum Nachdenken anregte. Mein eigener Blick hat sich durch sie verändert, wie ich meine eigenen Freunde betrachte oder über die Mädchen denke, die mir auf der Straße oder in der U-Bahn über den Weg laufen.

„Mein Leben hat sich nicht viel verändert“

Der Film war Ihr Durchbruch, 2015 waren Sie für den wichtigsten französischen Filmpreis César in der Kategorie „Beste Nachwuchsschauspielerin“ nominiert. Hat sich seitdem für Sie vieles verändert?
Es fühlt sich an, als sei ein Traum wahrgeworden. Ich bin unglaublich glücklich darüber, wie sich alles für mich entwickelt hat. Die Rolle war wirklich ein Glücksfall. Aber mein Leben an sich hat sich gar nicht so sehr verändert: Ich bin nicht plötzlich zu einer anderen Person geworden, ich wohne auch noch bei meinen Eltern und habe die gleichen Freunde wie vor dem Film. Auch meine Ausbildung zur Direktionsassistentin habe ich nicht einfach abgebrochen, sondern nach „Mädchenbande“ abgeschlossen.

Für „Mädchenbande“ standen Sie zum ersten Mal vor der Kamera…
Nicht nur ich, auch die anderen drei Hauptdarstellerinnen! Damit wir uns sicher fühlen, haben wir zwei Wochen vor Drehbeginn zusammen geübt. Céline Sciamma, die Regisseurin, wollte so verhindern, dass wir erst bei Drehbeginn mit den Kameras und dem gesamten Drehteam konfrontiert werden. Wir wurden von ihr und dem Produktionsteam wirklich großartig vorbereitet. Und mit Céline habe ich eng zusammengearbeitet, um die Rolle der Marieme zu entwickeln. Sie hat mir dabei geholfen, das Beste aus mir rauszuholen.

Wir waren als Teenager alle mal an diesem Punkt“

Konnten Sie sich in Marieme reinversetzen? Gab es etwas, mit dem Sie sich identifizieren konnten oder etwas, was Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung in den Film einbringen konnten?
Mich hat vor allem die Marieme vor der Gang angesprochen, als sie noch schüchtern und reservierter war. Als sie Teil der Gruppe ist, sind es vor allem die Verbundenheit zwischen den Mädchen und ihr Wunsch, das Leben und die Liebe nach ihren Vorstellungen gestalten zu wollen, womit ich mich identifizieren kann.
Marieme und ich haben tatsächlich auch ein gemeinsames Erlebnis: Als ich jünger war, hatte mich die Direktorin meines Lycées, der gymnasialen Oberstufe, für eine Berufsschule empfohlen, auf die ich keine Lust hatte. Als die Szene gedreht wurde, konnte ich mich entsprechend gut in Marieme reinversetzen.

Stellen Sie sich vor, Marieme würde wirklich existieren. Könnten Sie sich vorstellen mit ihr befreundet zu sein?

Warum nicht? Sie ist eine junge Frau, wie alle anderen auch, die versucht, sich zu selbst zu finden und zu emanzipieren. Wir waren als Teenager alle mal an diesem Punkt.

„Ich möchte in einem Actionfilm spielen“

Gleich in ihrem Schauspieldebüt haben Sie eine sehr komplexe Figur gespielt. Wie müssen die nächsten Rollen aussehen, damit sie Sie ansprechen?
Mich reizen insbesondere Charakterrollen, die sich von meiner Person komplett unterscheiden. Das ist für mich als Schauspielerin aufregender und auch herausfordernder. Außerdem würde ich gerne mal in einem Actionfilm mitspielen, wie Angelina Jolie in Lara Croft. Oder in einem Musical, weil ich sehr gerne tanze. Aber am Ende kommt es immer darauf an, ob mich das Drehbuch oder die Geschichte der Figur anspricht. Das ist entscheidend, ob ich eine Rolle übernehmen möchte, oder nicht.

Wer weiß, vielleicht spielen Sie ja in der Neuauflage von Lara Croft. Bevor es soweit ist: In welchen Filmen werden wir Sie demnächst sehen?
Ich habe nach „Mädchenbande“ vier weitere Spielfilme gedreht, die alle dieses oder nächstes Jahr in die Kinos kommen werden. Unter anderem spiele ich in „La Sage-femme“ von Martin Provost mit Catherine Deneuve in der Hauptrolle. Dann habe ich auch noch in einem englischen Kurzfilm mit dem Titel „The Adventures Of Selika“ von Sybil H. Mai eine Rolle übernommen.

Das Interview führte: Valeska Schößler

Mädchenbande

Drama

Marieme verbringt ihre Jugend im Vorstadt-Ghetto – zwischen Drogen, Perspektivlosigkeit und feststehender Geschlechterhierarchie. Das schüchterne Mädchen muss sich um seine beiden kleinen Schwestern kümmern, die Mutter bei der Arbeit unterstützen und dem Familienoberhaupt, ihrem großen Bruder, gehorchen. Als sie aufgrund der Überforderung nicht in die Oberstufe versetzt wird, schließt sie sich aus Trotz einer Mädchengang an und erfährt durch die Unterstützung ihrer Freundinnen einen Anflug von Selbstvertrauen und ein Gefühl von Halt in einer Gesellschaft, die völlig gegen sie gerichtet scheint.

Mittwoch, 10. Mai, 20.15 Uhr

Kategorien: Mai 2017