Frühling, KARAMBOLAGE, Spargel, Spargelzeit, Typisch Deutsch
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SPARGELST DU SCHON?

Er macht nicht schön und nicht reich. Und für die Liebe tut er auch nichts. Trotzdem sind die Deutschen verrückt nach Spargel. Wieso nur?

Die Deutschen sind einfach verrückt nach Spargel @Martina Haake

Da fehlt es der deutschen Sprache doch tatsächlich an Präzision. Es gibt einfach kein Verb, das die frühlingshafte Hingabe beschreiben könnte, die von April bis Juni in diesem Land herrscht. Während mehrerer Wochen dominiert der weiße Spargel – dieses Gemüse, das komplett unter der Erde und ohne jede Lichteinstrahlung wächst – alle Gespräche. Jeder steigt ein, ob jung, alt, alleinstehend, Eltern, arm oder reich. Es gibt einfach keinen Weg, dem zu entkommen, man müsste schon als Einsiedler leben – oder das Land verlassen.

Nur: In der Küche bereitet dieses Gemüse leider Kopfzerbrechen. Denn das Schälen kann pro Bund auch mal eine Viertelstunde dauern – stellen Sie sich doch nur einmal die Vorbereitungszeit vor, wenn Sie Ihre Freunde eingeladen haben. Und dann ist da noch der Preis: Sieben Euro pro Kilo sind nur der Durchschnitt – und das im Land von „Geiz ist geil“. Aus Frankreich kannte ich nur den grünen Spargel, der unter dem freien Himmel wächst und dessen Geschmack sehr viel intensiver ist. Natürlich gibt es den weißen Spargel auch. Aber bis auf damals bei Louis XV. und seiner Mätresse, der Marquise von Pompadour, die beide das „königliche Gemüse“ liebten, spielt weißer Spargel auf französischen Tellern höchstens eine Statistenrolle. Nicht so in Deutschland, wie die Zahlen zeigen: Jeder Deutsche verputzt nicht weniger als 1,5 Kilogramm Spargel pro Jahr! Dagegen kommen ganze französische Haushalte jährlich nur auf 600 Gramm.

Und ist die aphrodisierende Wirkung des Spargels, die die Deutschen so verrückt danach werden lässt, etwa nur Einbildung? Nachdem ich weder in meiner noch in der Partnerschaft meiner Freunde selbst nach regelrechten Spargelorgien Veränderungen feststellen konnte, habe ich diese These jedenfalls verworfen. Nein, es muss eine andere Logik geben. So wie diese: Genauso wie die Deutschen es lieben, deutsche Autos zu kaufen, lieben sie es wohl, deutsches Gemüse zu essen. Die sandigen Böden der verschiedenen Regionen Deutschlands bieten ideale Bedingungen für den Anbau der Stangen. Sie haben Deutschland zum größten Spargelproduzenten der Welt gemacht. Mittlerweile geht es mir übrigens nicht anders und ich fiebere dem Frühling regelrecht entgegen. Die Deutschen tun recht daran, dieses Gemüse so zu vergöttern. Also, liebe Hüter der deutschen Sprache: Wie wäre es, nun endlich das Verb „spargeln“ in den Duden aufzunehmen?

Zur Autorin: Cécile Calla
Die Französin lebt seit 2003 in Berlin, unter anderem als Korrespondentin von „Le Monde“. 2009 erschien ihr Erlebnisband „Tour de Franz“.

Karambolage

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ARTE führt ein in die Welt der deutsch-französischen Eigenarten, wagt in kurzen Rubriken einen humorvollen, zuweilen auch kritischen Blick auf Besonderheiten deutscher und französischer Alltagskultur und entschlüsselt sie auf ungewohnte Weise: ein Wort, ein Gegenstand, die Einrichtung eines Büros, ein Kleidungsstück … Vieles erscheint plötzlich in einem anderen Licht, wenn man es mit fremden Augen sieht.

Samstags um 18.55 Uhr

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Kategorien: Mai 2017