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HEINO FERCH: „JEDER IST ZU ALLEM FÄHIG“

Für seine Rolle des berühmten Regisseurs Fritz Lang setzte sich Heino Ferch mit den dunklen Seiten des Menschen auseinander. Im Interview erzählt er, warum er denkt, dass jeder zum Mörder werden kann.

Heino Ferch spielt den berühmten Regisseur Fritz Lang @ Andreas Rentz/Getty Images

Fritz Lang, Regisseur von Meisterwerken wie „Die Nibelungen“ und „Metropolis“, findet Anfang der 1930er Jahre in der Geschichte des Serienmörders Peter Kürten neuen Stoff für seinen ersten Tonfilm. Er ist wie besessen von dem Mörder, seinen grausamen Taten, dem Bösen an sich. Der Film, der schließlich 1931 aus seiner Auseinandersetzung mit dem Thema entsteht, ist eines der bedeutendsten Werke des deutschen Films und hat es zu Weltberühmtheit gebracht: „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“.

Regisseur Gordian Maugg hat sich nun selbst in „Fritz Lang – Der Andere in uns“ mit der Entstehungsgeschichte des berühmten Werks beschäftigt. Heino Ferch spielt darin Fritz Lang – eine Herausforderung, wie der 53-Jährige unumwunden zugibt.

„Es gab eine böse Geschichte“

ARTE Magazin: Fritz Lang galt als getriebener, fast schon besessener Regisseur. Wie haben Sie sich der Rolle genähert?

Heino Ferch: Ich habe mir alle Filme angeschaut, die bis zur Entstehung des Films „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ von Lang inszeniert wurden. Ich wollte wissen: Wie tickt dieser Mensch? Was hat er gemacht, was hat er erlebt? Es gibt Dokumentationen über ihn, es gibt auch Interviews mit ihm. Und es gab das exzellente Drehbuch von Gordian Maugg, in dem die These aufgestellt wird, dass Fritz Lang mit seinem Film auch die eigene mörderische Vergangenheit aufarbeiten wollte.

Bis heute ist nicht klar, ob Fritz Lang seine Frau umgebracht hat. Sie wurde mit seinem Revolver erschossen. Glauben Sie auch, dass Fritz Lang selbst jemanden auf dem Gewissen hatte und sich deshalb so gut in die Psyche eines Mörders hineinversetzen konnte?

Ich glaube, es gab eine böse Geschichte in seiner Vergangenheit.

„Ich gebe mit allem Vollgas“

Ist es schwieriger, sich in die Rolle eines Menschen hineinzuversetzen, dem man zutraut, so etwas gemacht zu haben?

Nein. Wenn ich den Mann als unsympathisch empfinde, ist das doch nur eine Spielart in der Figur, die ich zu verkörpern habe. Ich gebe der Person, die ich spiele, recht in allem, was sie tut. Werten muss der Zuschauer. Ich gebe mit allem Vollgas. Was richtig ist, moralisch und gesetzlich, steht auf einem ganz anderen Blatt. Die Herausforderung bei der Rolle war eine ganz andere.

Welche?

Ich fand es schwierig, in diesen Menschen zu schlüpfen, den in der Filmwelt sehr viele kennen. Aber diese Parallele, die im Drehbuch zwischen der eigenen Vergangenheit Langs und der Entstehtungsgeschichte von „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ gezogen wird, hat mich fasziniert. Fritz Lang ist für mich ein Mensch, der sich nicht in die Karten gucken lässt, der den Menschen aus dem Weg geht, der eigentlich ein zweifelnder und negativer Charakter ist. Er steckt zum Zeitpunkt der Arbeit an „M“ in einer Schaffenskrise und ist gebremst nach den Jahren des Erfolgs. Er weiß nicht, wie es weitergehen soll.

Sie sagten einmal: „Ich glaube, es gibt für jeden eine Situation, in der man plötzlich zum Tier werden könnte.“ Schlummert das Böse in jedem von uns?

Ich glaube, dass jeder zu allem fähig ist, wenn die Situation entsprechend ist. Deshalb sind Kriminalgeschichten auch so beliebt, weil sie den Menschen so nah sind. Es gibt Grenzsituationen, in die jeder hineingeraten kann, die einem keinen Ausweg lassen. Das ist zutiefst menschlich.

Das Interview führte: Karoline Nuckel

Fritz Lang – Der Andere in uns

Drama

Ein Serienmörder versetzt Düsseldorf in Angst und Schrecken. Fritz Lang, Regisseur von Meisterwerken wie „Die Nibelungen“ und „Metropolis“, findet in der Geschichte des Triebtäters Peter Kürten nicht nur den Stoff seines ersten Tonfilms, sondern begegnet mit ihr auch seinen eigenen Kindheits- und Kriegserinnerungen. Ausgehend von realen Personen und Ereignissen erzählt Gordian Maugg in dem Dokudrama „Fritz Lang – Der Andere in uns“ über die Entstehung von „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“.

Montag, 1. Mai, 20.15 Uhr

Kategorien: Mai 2017