Ella Fitzgerald, Geburtstag, Gleichberechtigung, Jazz
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DIE FIRST LADY DES JAZZ

Im April wäre Ella Fitzgerald 100 Jahre alt geworden. Die Violinistin Regina Carter schätzt sie als musikalisches Vorbild und als Aktivistin für Gleichberechtigung.

© Michael Arnold

Ella Fitzgeralds Bedeutung für Soul, Jazz und viele andere Musikgenres ist unbestritten. Dabei war sie immer auch eine mutige Aktivistin für Gleichberechtigung und ebnete damit den Weg für nachfolgende Generationen von Musikerinnen. Sie schaffte es, sich als afroamerikanische Frau in einer Zeit zu behaupten, in der sie noch oft von Konzertveranstaltern gesagt bekam, sie könne an diesem oder jenem Ort nicht auftreten, weil sie dunkle Hautfarbe hat. Berühmtheiten wie Marilyn Monroe haben sie damals zum Glück unterstützt und gesagt: Ella gehört auf die gleiche Bühne wie ich. Ella war weder für laute Parolen noch für politische Texte bekannt. Aber sie verstand es, in Interviews mit Bescheidenheit und viel Charme auf die Probleme ihrer Zeit aufmerksam zu machen. Ihr selbstbewusstes Auftreten ermutigt Frauen bis heute, sich hässliche politische Umstände und Ungerechtigkeiten nicht gefallen zu lassen und dagegen anzukämpfen.

Talentshow als Wende

Dass man nicht so schnell aufgeben darf und sich manchmal einfach durchboxen muss, gehört zu den ersten Dingen, die junge Musiker lernen müssen. Ella war da bereits durch ihre Biografie geprägt. Sie war noch ein Kind, als sich ihre Eltern scheiden ließen und ihre Mutter kurz darauf bei einem Autounfall starb. Danach war sie mal obdachlos, mal im Heim, verdingte sich als Wachposten in einem Bordell oder als Kurier für illegale Wettbüros.

Die Wende in ihrem Leben brachte erst eine Talentshow, bei der sie im jugendlichen Alter als Tänzerin auftreten wollte. Weil sie zum Tanzen zu nervös war, hat sie dann einfach spontan gesungen. Gott sei Dank! Was wäre der Welt entgangen, wenn sie’s beim Tanzen belassen hätte? Das Singen muss irgendetwas bei ihr ausgelöst haben, denn sie hat nach diesem Wettbewerb sehr hart an sich gearbeitet. Wahrscheinlich hat sie durch die Musik zu einem inneren Frieden gefunden, den es sonst in ihrem Leben nicht gab. Was mich betrifft, änderte der Tag, an dem ich im Plattenschrank meiner Eltern irgendwo zwischen Jazz- und Motown-Musik das erste Mal eine Scheibe von Ella Fitzgerald fand, wohl mein Leben.

Liebe beim ersten Hören

Ich erinnere mich gut: Als ich Ellas Stimme hörte, überkam mich dieses wohlig-warme Bauchgefühl, das man nur mit einem Wort beschreiben kann: Liebe. Auf einen Schlag fühlte ich mich sicher und aufgehoben, wie an einem anderen, besseren Ort. Von da an wurden mir Ellas Lieder treue Begleiter, und immer wenn ich sie als junges Mädchen hörte, erlebte ich eine Art von Liebe durchfluteten Tagtraum. Später, als ich an der Oakland University Violine studierte, lernte ich nicht nur viel über klassische Musik, sondern auch über Ella Fitzgerald, die First Lady des Jazz.

Als ich mich mit den verschiedenen Musik-Disziplinen an der Universität beschäftigte, wurde mir klar, was Ella so besonders macht: Sie nutzte ihre Stimme als Instrument. Dabei konnte sie verschiedenartigste, extrem variable Sounds erzeugen und sich zugleich einer Emotionalität bedienen, wie man es vor ihr von Vokalisten nicht gewohnt war. Wenn Ella Fitzgerald auf der Bühne stand, nahm man sie nie als Sängerin mit Begleitband wahr. Sie brachte ihre Stimme immer so ein, dass sie als Teil der Band, als Teil eines Ganzen funktionierte. Sie sang, als wäre sie eine weitere Instrumentalistin.

Es ging nicht um Perfektion

Beim Einspielen der Platte, die ich Ella Fitzgerald zu ihrem 100. Geburtstag widme, ist mir eines nochmals besonders bewusst geworden: Ihre Stimme wirkt immer so perfekt, selbst wenn sie Scat, diesen ihr zu eigen gewordenen Improvisationsstil, singt. Aber man sollte nicht den Fehler machen, zu glauben, Ella wäre es um Perfektion gegangen. Wenn sie auf der Bühne ihren Text vergessen hat, wurde sie nicht nervös und stoppte, sondern sie improvisierte und lachte mit dem Publikum anschließend darüber.

Für Ella bedeutete Singen: Hingabe an die Musik ganz im Moment. Fehler gehören da selbstverständlich dazu. Ebenso wie Mut bei der Auswahl. Ella liebte Musik so sehr, dass sie einfach alles sang. Sie war immer offen für Neues und ließ sich nicht auf einen bestimmten Stil beschränken. So umfasste ihr Repertoire nicht nur das Great American Songbook, in dem klassische Pop-Songs der 1930er bis 1960er Jahre zusammengefasst sind. Sie sang auch Doo-Wop, Bebop sowie Country- und Western-Songs. Mit diesem genreübergreifenden Umgang mit Musik war sie ihrer Zeit weit voraus und gilt heute zurecht als eine der einflussreichsten afroamerikanischen Künstlerinnen überhaupt.

Zur Person: Regina Carter

Regina Carter, 54, ist eine Jazzviolinistin aus Detroit. Anlässlich des 100. Geburtstags von Ella Fitzgerald veröffentlicht Carter mit „Ella – Accentuate the Positive“ (21.4.) eine Kollektion an Songs der Jazz-Legende, die sie auf der Violine neu interpretiert.

ARTE Highlight

Pure Love – The Voice of Ella Fitzgerald
Porträt
Sonntag, 16.4., um 23.10 Uhr auf ARTE

Kategorien: April 2017