Bremen, Finnland, Jazz, jazzahead
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JAZZ AUF FINNISCH

Lange Nächte, weites Land – Finnland ist vor allem für seine Natur und seine harten, dunklen Winter bekannt. Aber das nordische Land ist auch hochmusikalisch und prägt den Jazz bedeutend mit.

@ Jens Schlenker, Messe Bremen

Ein Saxofon, aus dem leise, dann wieder laut eine improvisierte Melodie ertönt, rauchige Bars und vor allem ganz viel Energie und Lebensfreude. Louis Armstrong, der meisterhaft Rhythmen und Klänge verbindet. Wer an Jazz denkt, denkt meistens zuerst an New Orleans – wo die Musikrichtung zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand .

Das jazzahead! Festival in Bremen hat für 2017 hat aber nicht USA zum Partnerland auserkoren, sondern Finnland. Und das aus gutem Grund: Jazz ist auch im hohen Norden eine fest etablierte und geschätzte Musikrichtung. Nach dem Siegeszug in Amerika entwickelte sich in fast allen Ländern auf der Welt eine eigene Jazzszene. So auch in Skandinavien. Waren dabei lange Zeit vor allem Norwegen, Schweden und Dänemark für eine eigene Jazzsprache bekannt, hat Finnland in den letzten zehn Jahren stark aufgeholt und präsentiert mittlerweile einen Jazz, der das Land in seiner Quintessenz darstellt. „Die finnische Jazzszene war immer speziell: Gleichzeitig rau und zart, breitgefächert und vor Energie berstend, melancholisch und mit einem Sinn für Humor“, sagt Peter Schulze von jazzahead!.

Wie der Jazz nach Finnland kam

Auf dem Notenpapier war Jazz schon in den frühen 1920er Jahren in Finnland bekannt. 1926 dockte das US-amerikanische Passagierschiff SS Andania in Helsinki an. Mit an Bord: das Orchester Andania Yankees. Zum ersten Mal hörte das Publikum, wie Jazz wirklich klang. Daraufhin entwickelte sich eine lokale Szene, die mit bescheidenem Erfolg amerikanischen Jazz nachspielte. In den 1950er kam der in Finnland sehr populäre Jazz-Schlager auf, bei dem Jazzmusiker Schlagerstars begleiteten – auch um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Das spaltete die Szene: Während die einen sich von dem „unechten“ Jazz distanzierten, sahen andere ein Publikum, das sie sonst nicht hätten.

Die 1950er waren insgesamt ein bedeutendes Jahrzehnt in der Entwicklung des finnischen Jazz: Die wenigen Jazzmusiker, die keine populäre Tanzmusik spielten, fingen an, sich von den amerikanischen Fesseln zu lösen und ihre eigene Note zu finden. Sie spielten erstmals komplett eigene Kreationen, die sich dadurch auszeichneten, dass sie auch Einflüsse aus anderen musikalischen Stilrichtungen wie der Volksmusik oder der klassischen Musik aufnahmen. Das brachte immer wieder neue Impulse und prägte gleichzeitig den Stil: Der finnische Jazz war geboren.

Ein eigenes Festival: Pori Jazz

Die 1960er brachten den Aufstieg des Rock und Pop und gleichermaßen einen Abstieg in der Bekanntheit des Jazz – auch wenn sich in den Jazz Rock und später Funk mischte. Inmitten dieser Zeit hatten finnische Jazz-Enthusiasten die Idee, ein Festival zu organisieren, das sich ausschließlich der Musikrichtung widmete. Im Juli 1966 fand schließlich zum ersten Mal Pori Jazz statt, das an einem Wochenende verschiedene Künstler präsentierte. Die Organisatoren rechneten mit rund 300 Besuchern – es kamen 1.500. Durch die positive Resonanz bestärkt, wuchs das Festival über die Jahre zu dem internationalen Großereignis an, das es heute ist. Jährlich lockt das mittlerweile neuntägige Pori Jazz rund 150.000 Besucher an. Zu dem Durchbruch des Jazz in Finnland trug auch die musikalische Bildung bei, die in den 1970er und 80er Jahren mit dem Oulunkylä Pop und Jazz Institut und dem Jazz-Programm der Sibelius Akademie die Musikgattung landesweit bekannt machte. Der internationale Erfolg der 1975 gegründeten und vom Staat unterstützten Bigband UMO Jazz Orchestra machte den Jazz kommerziell und zu einer Profession, von der es sich leben ließ. Der Jazz war endgültig in Finnland angekommen.

Das UMO Jazz Orchestra genießt bis heute internationale Bekanntheit. Aber auch andere Künstler haben sich einen Namen gemacht. Zu den jüngsten, sehr erfolgreichen Jazzformationen gehört The Five Corners Quintet, das mit Dancefloor-Jazz unterhält: Hier trifft Jazz auf Disco und Funk. Echt finnisch eben. Die Band Quintessence macht Musik, die sowohl dem Jazz als auch den Kategorien Soul und Funk zugeordnet werden kann. Oder die experimentellen Elifantree aus Helsinki, die Jazz-Improvisation, Elektronik und Tanzbarkeit verbinden. Pure Energie ist das Trio Mopo, das eine Mischung aus Jazz und Punk darbietet. Wer Jazz gepaart mit Klassik hören möchte, ist bei dem Aki Rissanen Trio richtig. Für diesen Mix aus Genres ist der finnische Jazz heute in seiner Heimat, aber auch in der Welt beliebter denn je. „Das ist vor allem einer neuen Generation zu verdanken, die wirklich etwas zu sagen hat, und die sich der einzigartigen Tradition annimmt“, so Schulze.

jazzahead!: Festival und Messe

Wer neugierig geworden ist, wie Jazz auf Finnisch klingt: Die jazzahead!-Messe findet dieses Jahr vom 27. – 30. April statt, das dazugehörige Kulturfestival vom 13. – 30. April 2017. Unter anderem wird das Aki Rissanen Trio auf der Bühne stehen. ARTE ist Medienpartner des Festivals und der Messe. Am 27. und 28. April werden die Konzerte aus dem Schlachthof Bremen live auf Arte Concert übertragen. Mit dabei sind unter anderem Gourmet und die Tenors of Kalma.

Das jazzahead! Festival und die Messe finden jährlich in Bremen statt und gelten als das wichtigste internationale Treffen für Musikschaffenden im Genre Jazz und Konzertbesucher. Etwa 3.000 internationale Musikschaffende sind jährlich aus dem Bereich Jazz vertreten – inklusive Künstler, Labels, Agenturen, Verleger, Vertriebe, Produktionsfirmen, Instrumentenbauer, Medien, Institutionen, Vereinigungen und viele mehr -, sowie beinahe 20.000 Konzertbesucher.

Valeska Schößler

 

Kategorien: April 2017