Fortschritt

Mehr als Regeln und Prozeduren

Der blinde Glaube an Fortschritt hat viele Probleme der heutigen Zeit geschaffen. Das heißt nicht, dass wir heute auf Fortschritt verzichten müssen – doch wir müssen ihn anders denken, meint Soziologe Peter Wagner.

Hoffnung auf Fortschritt: Berlin, 1989

Im November 1989, als die Berliner Mauer fiel, waren die Erwartungen im Großen und Ganzen hoffnungsvoll. Die Optimisten sahen damals sogar den Beginn einer völlig neuen Ära, gekennzeichnet vom endgültigen Durchbruch der Freiheit: weltweite Anerkennung der Menschenrechte; Voranschreiten der Demokratisierung bis zum Sturz des letzten autoritären Regimes; neuer Wohlstand durch Liberalisierung der Wirtschaft von staatlicher Reglementierung; Beseitigung von Hunger und Armut durch freien Handel.

Was ist heute aus der Hoffnung auf Fortschritt geworden? Die westlichen Demokratien sehen sich im Belagerungszustand – wirtschaftlich, politisch und kulturell. Der arabische Frühling endete vorläufig in Rechtlosigkeit, Gewalt und Krieg. Die Zahl der Menschen, die auf der Suche nach einem besseren Leben im Mittelmeer sterben, wächst weiter. Der Klimawandel kann kaum noch aufgehalten werden, bevor er dramatische Folgen zeitigt.

Vom Allmachtglauben befreien

Die Probleme von heute sind mit den Hoffnungen von damals verbunden. Wenn wir bis 1989 zurück blicken, erkennen wir, dass die abstrakten Ideen von politischer und wirtschaftlicher Freiheit keine gute Orientierung boten. Sie legten nahe, dass eine globale Gesellschaft ohne Geschichte und ohne Grenzen unmittelbar bevorstand. Und dass die Verbindung von technisch-wissenschaftlicher Innovation und marktlicher Selbstregulierung alle Probleme lösen würde, die noch auftauchen mögen.

Aber es ist genau dieser verfehlte Glaube an schon erreichten oder quasi-automatischen Fortschritt, der viele der Probleme geschaffen oder verschärft hat, denen wir uns heute gegenüber sehen. Wir sehnen uns nach Fortschritt und brauchen ihn, aber er muss anders gedacht werden.

Fortschritt heute bedeutet, sich von der Arroganz des Allmachtglaubens zu befreien. Wir Menschen und unser Planet sind verletzlich. Beide überleben nicht gut in einem Zustand ständiger Mobilisierung.

Fortschritt heute heißt auch zu erkennen, dass die formale Gleichheit und Freiheit zwischen den Menschen, die heute vielerorts – nicht: allenorts – erreicht ist, uns nicht direkt in eine harmonische Zukunft katapultiert. Das Unrecht der Vergangenheit bleibt lange gegenwärtig, und der Zorn darüber ist eine gewaltige Quelle politischer Energie.

Fortschritt heute bedeutet schließlich zu sehen, dass Demokratie mehr verlangt als Regeln und Prozeduren. Wahlen und Referenden sind oft eher ein Moment der Massenmanipulation denn demokratischer Entscheidung. Demokratie verwirklicht sich nur in der offenen Diskussion zwischen allen Betroffenen über den angemessenen Umgang mit den gemeinsamen Herausforderungen.

Diesen Fortschritt haben wir nicht in der Hand, und er kommt nicht von selbst. Wir müssen täglich um ihn ringen.

Peter Wagner

Zur Person: Prof Dr. Peter Wagner

Der Soziologe lehrt an der Universität Barcelona und forscht zu Konzepten der Moderne und Modernisierungsprozessen. In einer groß angelegten Studie hat er Menschen weltweit nach ihren Vorstellungen einer wünschenswerten, fortschrittlichen Zukunft befragt.

Square Idee– Fortschritt am Ende?

In der Sendung Square Idee (noch bis 4.3. in der Arte-Mediathek verfügbar) sprechen Peter Wagner und Philosoph Robert Redeker darüber, was Fortschritt heute bedeutet.

Kategorien: Februar 2017