FILM, filmmusik, hitchcock, the broken circle
julien.wilkens@axelspringer.de

Anker für die Seele

Liebe, Leidenschaft und jede Menge Bluegrass: Im belgischen Berlinale-Film The Broken Circle spielt die Musik eine tragende Rolle. Eine Analyse.

ZDF ©Menuet Films/Pandora Film Verleih

„Filmmusik ist am besten, wenn man sie nicht bemerkt.“ Dieser oft gehörte Satz beschreibt treffend die unterschwellige Wirkung von Filmmusik und ist dennoch unvollständig. Sehr wohl kann Musik im Film bewusst wahrgenommen werden, und in manchen Fällen muss das sogar so sein, damit der Film nicht in sich zerfällt.

„The Broken Circle“ ist so ein Fall. Musik, die immer wieder ganz im Vordergrund steht, bewirkt emotionale Katharsis inmitten einer schwierigen Handlung. Im Bann von Bluegrass-Songs gelingt es, die bildliche und symbolische Schönheit des Films trotz seiner grausamen psychologischen Wucht aufzusaugen.

Anknüpfungspunkt für das Musik-Genre ist der Protagonist Didier (Johan Heldenbergh): Banjospieler und Bluegrass-Fan mit eigener Band, die auch sämtliche Songs im Film spielt. Der Film erzählt in Rückblenden, wie er die Tattookünstlerin Elise (Veerle Baetens) kennenlernt und sich zwischen diesen beiden starken Charakteren eine leidenschaftliche Liebe entwickelt. Didier erklärt ihr, der Rockabilly-Frau, die bald in seiner Band singen wird, den Bluegrass: „Bettelarme Glücksritter von überall aus der Welt, die waren da oben zusammengekommen in den Appalachen […]. Um Hunger und Elend zu vergessen, haben sie angefangen, gemeinsam Lieder zu singen; […] über ihre Angst vor dem Tod, über ihre Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits und über ihre Sorgen und ihr schweres Leben.“

Dieser Satz hat es in sich, denn er beschreibt zugleich, was die Musik für den Zuschauer leistet. Fast ist es, als hätte Regisseur Felix Van Groeningen die Musik auf eine Probe stellen wollen: Wie viel Leid kann durch sie sublimiert werden, damit in der Handlung nichts an Tiefensog eingespart werden muss? Didier und Elise werden ungeplant Eltern ihrer bezaubernden Tochter Maybelle, und als ihre Liebe nach anfänglichen Konflikten in der Elternrolle wächst, erkrankt das Mädchen an Krebs und stirbt nach einem herzzerreißenden Auf und Ab aus Therapieerfolgen und -niederlagen. Am schlimmsten ist es, mitzuerleben, wie sich das Liebespaar über diesen Schicksalsschlag hilflos entfremdet. Gäbe es da nicht die stimmungsvolle Musik, wäre das alles wohl nicht auszuhalten, und auch für das Paar ist die (gemeinsam aufgeführte) Musik der letzte Liebes-Hoffnungsschimmer, kulminierend in dem Song „If I Needed You“ von Townes Van Zandt.

Die unbemerkten Klänge

Trotz dieser wirklich sehr präsenten Musikeinbindung hat auch in „The Broken Circle“ der Satz von der „nicht bemerkten“ Filmmusik Bedeutung. Jenseits der Songs nämlich gibt es eine subtile und filigrane Filmmusik, den sogenannten Score, von Bjorn Eriksson. Darin erklingen Stilmerkmale des Bluegrass reduziert und experimentell. Schon die erste Rückblende – Didier und Elise lernen sich kennen – ist mit fragilen, intimen und zart-hoffnungsvollen Tonfolgen („Patterns“) akustischer Country-Instrumente unterlegt, während intensive Slides der Lapsteel-Gitarre die Leidenschaft des Paares symbolisieren. Momente der psychologischen Leere erhalten ihren suchenden Ausdruck durch ein aus Country-Klanglichkeit konstruiertes Sound-Ambiente mit rückwärts abgespielten Tonfolgen, die in ihrer Reduziertheit und ihrem suchenden Gestus weit entfernt von Songmelodien sind.

Ein Blick in die Filmmusikgeschichte zeigt, dass in „The Broken Circle“ verschiedene Konzepte sinnstiftend zusammenfinden. So wäre die virtuose Mischung aus Songs und Score nicht zu allen Zeiten denkbar gewesen. Im Stummfilm bis in die 1920er Jahre ging man häufig davon aus, nur solche Musik spielen zu dürfen, die die Zuschauer auch ohne Film gerne hören, etwa Klassik-Highlights oder Chansons. So richtig rückte man davon erst im Laufe der Tonfilmgeschichte gegen 1950 ab und erkannte, dass Filmzuschauer auch wenig vertraute Musik-Texturen akzeptieren, wenn sie die Handlung unterstreichen.

Eine hochwirksame Art, Filmmusik der Handlung anzupassen, die sich (in gänzlich anderer Klanglichkeit) auch im Score von „The Broken Circle“ findet, geht auf den langjährigen Hitchcock-Komponisten Bernard Herrmann zurück. Schon in seinem Durchbruch-Film „Citizen Kane“ (1938, von Orson Welles) und später noch deutlicher in Alfred Hitchcocks „Vertigo“ (1958) verwendet er kleinste Motive sparsamer Instrumentengruppen, die engmaschig wiederholt und dabei mal mehr, mal weniger variiert werden, bis es zum plötzlichen Abriss oder zu einer überraschend anderen Fortführung kommt. So wird über Klangerwartungen narrative Neugier geweckt, ohne dass die Musik zu autonom wird und von der Handlung ablenkt.

In „The Broken Circle“ fühlt man sich hieran besonders erinnert in der „Veranda“-Szene mit der folgenden spontanen Geburt von Maybelle, wo allein die aus repetitiven Patterns bestehende und doch immer wieder skurril überraschende Musik ahnen lässt, dass die Veranda ein häufig wiederkehrender Handlungsknotenpunkt werden soll: Kleine schwarze Krähen fliegen später immer wieder gegen die Scheibe der Veranda und sterben, was Maybelle vor ihrem eigenen unschuldigen Tod spürbar als Symbol der Ungerechtigkeit des Lebens auffasst und was Maybelles Eltern, die ihrer Tochter solche Wendungen des Lebens nicht erklären können, in Konflikte treibt.

Filmmusik als Trost

Das Kulminieren der Handlung in Songs erinnert auch ein wenig an den Musical-Film der 1950er Jahre, wenngleich dort die Handlung häufig eher Mittel zum Zweck ist, eine dichte Fülle von Songs zu einem positiv-stimmungsvollen Ganzen zu verbinden. Somit bleibt die Assoziation mit dem Musical-Film oberflächlich. Denn weite Teile von „The Broken Circle“ sind musikalisch auf mutige Weise „still“. In anderen Teilen hört man eher subtile, unbemerkte Musik, und die Handlung, die aus einem Theaterstück von Johan Heldenbergh stammt, wäre in ihrer Schwere ungeeignet als bloße Kette, auf der Songs um ihres eigenen Glanzes willen aufgereiht werden könnten.

„The Broken Circle“ ist insgesamt ein unkonventionelles und unter die Haut gehendes Beispiel dafür, welches filmisch-ästhetische Potenzial sich eröffnet, wenn der Filmmusik in der Inszenierung von vornherein Raum gegeben und sie nicht nur als letztes Hilfsmittel hinzugezogen wird – wenn Momente des Fragens und Innehaltens ohne Hast szenisch ausgekostet werden können, weil eine subtil-ausdrucksstarke Filmmusik sie trägt und den Zuschauer in die Tiefe der von den Filmcharakteren erlebten Gefühle zieht; und wenn ganz bewusst im Vordergrund stehende Songs in voller Länge gespielt werden, weil jede Kürzung dem Zuschauer ein Stück des Trosts nehmen würde, den er im Verlauf der Handlung einfach braucht.

Anselm C. Kreuzer

Zur Person: Anselm C. Kreuzer

Der Komponist und Musikproduzent wurde 1973 in Hamburg geboren. An der Universität zu Köln studierte er Musik-, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft und promovierte über Filmmusik. Seit 2000 arbeitet er als freischaffender Komponist u. a. für Fernsehen, Film und Werbung.
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Kategorien: Februar 2017