Spiel des Strebens

Trotz aller Herausforderungen: Die Zuwanderung in die Großstädte Europas ist voll von Erfolgsgeschichten, schreibt Bestseller-Autor und Migrationsexperte Doug Saunders.

©Frank Höhne

Europas Großstädte sind Integrationsmaschinen, die es schaffen, Neuankömmlinge schnell zu vollberechtigten Bürgern zu machen. Jedes Jahr versuchen rund zwei Millionen Menschen von Ländern außerhalb der Europäischen Union in die Städte des alten Kontinents einzuwandern, um sie als Sprungbrett in ein Leben als Europäer zu nutzen. Der Mehrzahl gelingt die Integration innerhalb von einer oder zwei Generationen. Die ehrgeizigen Neuen und ihre Kinder entwickeln sich oft zu aufstrebenden Unternehmern und tragen ihren Teil zur europäischen Kultur bei.

Kollegen und Freunde

Wenn Europas Städte Migranten erfolgreich einbürgern, nehmen wir jedoch nur selten Notiz davon – sie und ihre Kinder werden schlicht Kollegen, Nachbarn, Freunde. Beherrscht werden die Debatten von den Fällen, in denen Integration misslingt. Die gestiegene Zahl an Flüchtlingen in den vergangenen zwei Jahren und die mit Migranten in Verbindung gebrachte Serie an Terroranschlägen in urbanen europäischen Hotspots haben unsere Wahrnehmung nochmals stärker auf bestimmte Brennpunkte verengt: Orte, an denen die Integration von Einwanderer-Communitys zu scheitern droht. Auch, weil lokale und nationale Politik den Aufstiegsbemühungen von Immigranten noch immer systematisch Steine in den Weg legt. Statt in das Können der Ankömmlinge und deren Wohnbezirke zu investieren, konfrontiert man sie mit lähmenden Bürokratieapparaten. Das Resultat: Familien, die sich über Generationen hinweg in einer Schleife aus Armut, Bildungsmisserfolgen, Isolation und Ausgrenzung verfangen.

In „Die neue Völkerwanderung“ reisen wir durch den Kontinent und besuchen genau die Orte, an denen sich Menschen aus aller Welt neu niederlassen. Wir nehmen die Zuschauer mit in ihre Häuser und in die Schulen und Geschäfte ihrer Viertel. In einem halben Dutzend Großstädte – darunter Berlin, Paris, Amsterdam und Göteborg – begeben wir uns auf die Suche nach Antworten. Wie verwandeln Menschen ihre Migrationsgeschichte in eine Erfolgsgeschichte? Warum scheitern manche in der neuen Heimat? Und was müssen wir aus den Integrationsversäumnissen der Vergangenheit lernen? Ich nenne diese urbanen Schauplätze „Arrival Citys“, denn sie sind Städte innerhalb von Städten, selbst gestaltet von Einwanderern und ihren Netzwerken. Hier entsteht eine neue europäische Mittelschicht – oder es entlädt sich die nächste Welle von Gewalt.

Was die „Arrival Citys“ verbindet, sind die Herausforderungen, vor denen sie derzeit stehen. Unabhängig von den Motiven, die Menschen nach Europa führen, ob sie vor Krieg oder Vertreibung flüchten oder sich einfach ein besseres Leben ersehnen, eint sie am Ende ein gemeinsames Ziel: Sie wollen sich und ihre Familien in das ökonomische, soziale, politische und kulturelle Leben integrieren, das sie in den europäischen Ländern vorfinden.

Drei Bedingungen müssen hierfür erfüllt sein: bezahlbarer Wohnraum, die Möglichkeit, als Kleinunternehmer, Handwerker oder Hilfskraft unkompliziert an Jobs zu kommen, und eine bestehende Gemeinschaft an Europäern, die einen vergleichbaren Migrationshintergrund aufweist und eine erste Starthilfe im Ankunftsland gewährleistet.

Besser als sie scheinen

Die Mini-Supermärkte, die Billig-Appartements, die Bürgersteig-Verkaufsstände und die Wechselstuben dienen als eine Art Startkonglomerat der Städte. Sie sind die erste Stufe einer Treppe, die Menschen den Aufstieg ermöglicht – von einem Dorf in einem weit entfernten Land in die Mittelschicht im Herzen Europas. Und das, obwohl die zweite und die dritte Stufe der Treppe oft fehlen. Die Kebab-Shop-Viertel europäischer Städte sind eben nicht so missraten, wie sie von außen betrachtet oft erscheinen. Hinter den Türen findet man Menschen mit gut durchdachten Zukunftsplänen, die sich mit gegenseitigen Krediten, Arrangements und Geschäftsmöglichkeiten sowie einem ganz eigenen Kommunikations-Netzwerk innerhalb ihrer jeweiligen Community helfen. Immigration ist, selbst in den besten Zeiten, immer auch ein teures und riskantes Unterfangen, das meistens nur die Wagemutigen und Ehrgeizigen auf sich nehmen – selbst dort, wo Krieg und Vertreibung zur unfreiwilligen Flucht zwingen.

Europas Integrationsmaschinen stottern und drohen überall dort zu zerbrechen, wo „Arrival Citys“ von der bestehenden Mehrheitsgesellschaft abgelehnt und als Problem stigmatisiert werden, anstatt sie als wertvollen urbanen Bestandteil zu fördern. Wir sollten dringend versuchen, diese Maschinen wieder flottzubekommen.

Zur Person: Doug Saunders
Doug Saunders, 49, ist ein britisch-kanadischer Journalist und Autor. In seinem Bestseller „Arrival City“ beschreibt er, wie die globalisierten Migrationsströme der Gegenwart Europas Großstädte verändern.

ARTE Highlight

Die neue Völkerwanderung
Dokumentarfilm
Dienstag, 14.02. | 20.15 Uhr

Kategorien: Februar 2017