Kaum zu fassen

Lange Zeit spielte Mehdi Nebbou ausschließlich Terroristen. Heute zählen auch Liebhaber und Familienväter zu den Rollen des Schauspielers. Eine Reise durch die Landschaft der Möglichkeiten.

© Pascal Lourmand

Können Sie mich bitte in fünf Minuten noch einmal anrufen?“, fragt Mehdi Nebbou auf Deutsch. „Ich trage gerade mein Gepäck zum Taxi und es regnet.“ Kein Problem – wer kann diesem charmanten französischen Akzent schon widerstehen? Dass dies bereits der siebte Anruf ist, macht keinen Unterschied mehr. Der Schauspieler hat den Jahreswechsel in New York verbracht. Heute zieht er von einer Bleibe im Stadtteil Brooklyn in die Wohnung eines Freundes nach Manhattan um. „Ich liebe diese Stadt“, sagt er, als er endlich im Taxi sitzt.

Der 43-Jährige wirkt jetzt entspannter. Eine gute halbe Stunde dauere die Fahrt, so lange könne er in Ruhe sprechen. Der Terminkalender eines Stars: immer voll, auch im Urlaub. Aber wer ist Mehdi Nebbou überhaupt? Während er in Frankreich schon größere Bekanntheit genießt, fragt sich so mancher Deutscher noch immer, woher er ihn kennt. Denn tatsächlich kennt man diesen Mann mit den weichen Gesichtszügen, den dunklen Haaren und grün-braunen Augen längst aus einer ganzen Reihe von Filmen.

Ausbruch aus dem Stereotypen-Gefängnis

Der Sohn einer Deutschen und eines Algeriers feierte sein Schauspieldebüt 2001 in Filippos Tsitos’ „My Sweet Home“. Glück und Zufall seien für seinen doch eher unerwarteten Karrierestart verantwortlich gewesen: „Ich kannte Filippos von der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin [DFFB], an der ich Regie studierte“, so Nebbou. „Er suchte für seinen Film einen Marokkaner, ich bot mich für die Rolle an und er war verrückt genug, sie mir zu geben!“ Dass der Film anschließend auf der Berlinale gezeigt werden würde, damit habe er nicht gerechnet. „Plötzlich stand ich im Anzug, den ich mir von einem Freund geliehen hatte, auf dem roten Teppich.“

Es folgten Rollen in Steven Spielbergs „München“ (2005), Benjamin Heisenbergs „Schläfer“ (2005) und Ridley Scotts „Der Mann, der niemals lebte“ (2008) – als Oberhaupt einer Terrorgruppe, als vermeintlicher Schläfer und als ehemaliger Al-Qaida-Terrorist. „Es stimmt, die ersten vier Jahre habe ich fast nur Terroristen gespielt“, sagt Nebbou, während er über die Brooklyn Bridge fährt („In New York zu sein ist, wie in einem Film zu leben“). Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sei die Nachfrage nach arabisch aussehenden Schauspielern stark gestiegen. „Und wenn Spielberg oder Scott anrufen, sagst du natürlich nicht Nein!“ Danach hat es allerdings eine Weile gedauert, dieses „künstlerische Stereotypen-Gefängnis zu durchbrechen“, fügt er hinzu. „Der Typus eines jeden Schauspielers – sei dieser groß, klein, dick, dünn, blond oder dunkelhaarig – wird immer zunächst in eine Box gesteckt, aus der man sich im Laufe der Zeit erst einmal herausarbeiten muss, wenn man nicht auf der Stelle treten möchte.“

Und das möchte Mehdi Nebbou auf keinen Fall. Denn gerade das Eintauchen in gänzlich unterschiedliche Realitäten liebt er am Schauspielen besonders. „Eine Reise in die Landschaft der Möglichkeiten“, wie er es nennt. Heute kann er seine Reise in genaue Phasen einteilen: „Vier Jahre lang habe ich Terroristen gespielt, dann zwei bis drei Jahre Gangster und Drogendealer; danach kam eine mehrjährige ,Lover‘-Phase und schließlich bekam ich Angebote, in Komödien mitzuspielen.“ Für ihn der eigentliche Durchbruch, denn: „Komödie bricht alle Grenzen. Wenn du Leute zum Lachen bringst, sind Stereotype völlig egal.“

Immer wieder Berlin

Dass Nebbou heute sowohl in Frankreich, Deutschland und auf internationaler Ebene erfolgreich ist, kommt nicht von ungefähr. Geboren 1974 in Bayonne im Südwesten Frankreichs, ging er bereits mit 18 Jahren nach Berlin, drei Monate vor dem Mauerfall 1989. Seine Beweggründe waren romantischer Natur: „Ich war in eine Westberlinerin verliebt, besuchte sie und blieb.“ Und schon damals spielte ihm der Zufall in die Karten: „Ich kellnerte im Kempinski-Hotel und durfte Claude Chabrol sechs Wochen lang das Frühstück bringen“, erzählt er. Bis ihm der französische Regisseur eine Statistenrolle in seinem Film „Dr. M“ anbot. „So sah ich zum ersten Mal ein Filmset – ausgerechnet von Chabrol!“

Nach dieser Begegnung stieg Mehdi Nebbou jedoch nicht direkt ins Filmbusiness ein. In Berlin kellnerte er weiter, lebte zwei Jahre in einem Wohnwagen in Italien und absolvierte eine Tischlerausbildung, bevor er in die deutsche Hauptstadt zurückkehrte und sich an der DFFB einschrieb. 22 Jahre lang lebte er in Berlin, und so erschloss sich ihm nach und nach auch die deutsche Filmlandschaft: Zwei Tatorte, zahlreiche Nebenrollen in Filmen wie „Die kommenden Tage“ (2009) von Lars Kraume oder „Sein letztes Rennen“ (2013) mit Dieter Hallervorden stehen auf der Liste. Die Komödie „Happy Hours“ (2014), in der er einen der Hauptcharaktere darstellt, hat es in die Vorauswahl des Deutschen Filmpreises 2017 geschafft.

Und auch ungewöhnliche deutsche Familiendramen liegen dem Halbfranzosen: In Sebastian Kos Debütfilm „Wir Monster“ (2014) geht er als Vater buchstäblich über Leichen, um seine Tochter zu retten, die etwas Grausames getan hat. Wie viel können Eltern ihren Kindern verzeihen? Ein spannendes Thema für Nebbou – er hat selbst eine achtjährige Tochter. „Die Liebe von und zu den eigenen Kindern ist die bedingungsloseste Liebe, die es gibt“, sagt er. „Ich würde alles für meine Tochter tun.“ Wegen ihr lebt er heute in Paris und nicht etwa in New York.

Auf einmal spricht Mehdi Nebbou Englisch, gibt dem Taxifahrer eine Anweisung: „Fahren Sie nicht weg, ich komme gleich wieder.“ Er müsse jetzt den Wohnungsschlüssel abholen. „Können Sie mich bitte in fünf Minuten noch einmal anrufen?“ Ach, kein Problem.

 

Lydia Evers

 

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Kategorien: Februar 2017