Die Könige des Karnevals

Die Franzosen sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Im Karnevalsmonat Februar sucht das ARTE Magazin nach französischen Pappnasen und Karnevalsjecken – teilweise mit Erfolg.

© Martin Haake

Ganz im Norden blau, im Süden bunt und dazwischen – nichts. So ungefähr sieht die Landkarte des französischen Karnevals aus. In den meisten Regionen des Hexagons spielen die Tage vor Aschermittwoch keine große Rolle. Höchstens die Kinder freuen sich auf Karnevalsdienstag – den mardi gras (fetter Dienstag) –, weil sie dann Crêpes essen und verkleidet in die Schule gehen dürfen. Doch Umzüge, die ganze Metropolen lahmlegen, Büttenreden, bei denen jeder Satz mit „Tätä“ endet, und streng organisierte Karnevalsvereine sind den meisten Franzosen fremd.

Eine Ausnahme ist Dunkerque: Im nördlichsten Städtchen Frankreichs herrscht Anfang des Jahres eineinhalb Monate Ausnahmezustand. Währenddessen werden unzählige Faschingsbälle veranstaltet und ein Umzug nach dem anderen schlängelt sich durch die Stadt. Der Ursprung der Feier liegt in einem Festessen, das die Kapitäne im 17. und 18. Jahrhundert für die Seeleute ihrer Fangflotte organisierten. Überliefert ist, dass während dieser Gelage viel Bier und Schnaps floss. Eine Tradition, die sich die Dunkerquer bis heute bewahrt haben. Höhepunkt und Ende der tollen Tage ist der sogenannte Heringswurf (le jet de harengs): Hierbei werfen der Bürgermeister und seine Stadträte vom Balkon des Rathauses Heringe in die Menge – vermutlich, um den Kater am nächsten Tag vorbeugend zu kurieren.

Berühmter und viel französischer, weil so elegant, ist das bunte Treiben in Südfrankreich. Nizza zählt weltweit zu den Karnevalshochburgen – gleich nach Rio und Venedig. Zwei Wochen lang ziehen hier prunkvoll geschmückte Wagen mit großen Figuren aus Pappmaschee die Mittelmeerpromenade entlang. Kein Wunder, dass bei dieser Parade keine ordinären Kamellen, sondern duftende Mimosen und Lilien ins Publikum fliegen.

Wenn sich ein Franzose aber zur Karnevalszeit nach Köln, Düsseldorf, Mainz oder Baden-Württemberg verirrt, wundert er sich meist sehr. Nicht etwa darüber, dass die Deutschen den Karneval, wohl aber dass sie auch das damit einhergehende Besäufnis so perfekt organisieren. Auf der Internetseite connexion-francaise.com liest man dazu: „Tu es français en Allemagne quand tu ne vois pas le rapport entre carnaval et boire jusqu’au coma éthylique.“ (Du bist Franzose in Deutschland, wenn sich dir der Zusammenhang zwischen Karneval und Trinken bis zum Alkoholkoma nicht sofort erschließt). Die Frage, warum die meisten Franzosen nicht so jeck sind wie die Deutschen, beantwortete eine französische Kollegin so: „Wir Franzosen brauchen keinen Anlass, um ausgelassen zu feiern. Wir trinken einfach das ganze Jahr.“

Sabine Klüber

ARTE Programmhinweis

Karambolage
Sonntags, um 19.30 Uhr und auf arte.tv/karambolage

DVD-TIPP: „Karambolage“ erscheint in der ARTE EDITION. Weitere Informationen
unter arte.tv/edition

Kategorien: Februar 2017