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Zeitloser Zauber

Kaum ein Märchen wurde so oft adaptiert und weiterentwickelt wie Aschenputtel. Grimm-Forscher Holger Ehrhardt erzählt vom Ursprung des Klassikers – und von seinem Wandel.

© Giulia Bernadelli

© Giulia Bernadelli

Es war einmal ein Märchen von einem armen Stiefkind, das musste sich neben den Herd in die Asche legen. „Und weil es darum immer staubig und schmutzig aussah, nannten sie es Aschenputtel.“ Diese Geschichte ist heute wohl das bekannteste Märchen überhaupt. Die berühmten Brüder Grimm waren es, die im 19. Jahrhundert mit ihren „Kinder- und Hausmärchen“ und deren frühen Übersetzungen für die Popularität der Erzählung sorgten. 1950 machte der Disney-Zeichentrickfilm „Ciderella“ die Geschichte in aller Welt bekannt, und sie wird bis heute immer wieder neu verfilmt – mit viel Erfolg: Der jüngste Cinderella-Film (2015) mit Cate Blanchett spielte über eine halbe Milliarde Dollar ein.

Literarische Wurzeln

Die Geschichte vom guten und frommen Kind, das von Stiefmutter und Stiefschwestern gedemütigt und zu schwerer Arbeit gezwungen, aber endlich erlöst wird, spiegelt – damals wie heute – den Wunsch vieler Menschen wider, aus dem Alltag in eine bessere Welt zu entfliehen. Sie setzt Unrecht und Gerechtigkeit in einen familiären Zusammenhang und spricht damit auch die Probleme Heranwachsender an: Geschwister-Rivalität, Reifung, Loslösung von den Eltern.

Dies war wohl schon immer so, denn Motive und Züge des Märchens lassen sich in frühere Jahrtausende und andere Kulturkreise zurückverfolgen. Zu Beginn unserer Zeitrechnung erzählt der griechische Geschichtsschreiber Strabon von einem König, der die Sklavin Rhodopi suchen lässt, weil ihr Schuh ihn betört hat. Im China des 9. Jahrhunderts wurde das Märchen von Ye Xian erzählt, das wegen vieler Parallelen zu dem uns bekannten Aschenputtel als dessen älteste Variante gilt. Auch eine persische Erzählung aus dem 12. Jahrhundert enthielt ähnliche Motive. Die europäische Überlieferung schlug literarische Wurzeln in der Erzählung „La gatta cenerentola“ in Basiles „Pentamerone“ (1636) und der französischen Barockvariante „Cendrillon ou la petite pantoufle de verre“ (1697) von Charles Perrault.

Jacob und Wilhelm Grimm begannen um 1806/1807 ihre Märchen zu sammeln. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hatten Dichter und Denker, allen voran Johann Gottfried Herder, zur Rückbesinnung auf deutsche Volksüberlieferungen aufgerufen. Nun, unter napoleonischer Besetzung, wollten die Brüder Grimm wenigstens diese „unschuldigen Hausmärchen“ retten, die allein vom „Reichthum deutscher Dichtung in früheren Zeiten“ übrig geblieben waren. Auch das Märchen von Aschenputtel trug solche Spuren der Vergangenheit und in ihren wissenschaftlichen Anmerkungen wiesen die Grimms deshalb gerade auf die frühen deutschen Überlieferungen hin, auf Johann Geiler von Kaysersbergs „Eschengrudel“, auf eine Legende vom armen „Aschenprödlin“, die Luther 1521 erwähnte, oder auf alte Rechtsquellen.

Die mündliche Quelle der Brüder Grimm für Aschenputtel war eine Marburger Märchenfrau, die jüngst als Elisabeth Schellenberg identifiziert werden konnte. Es ist kaum verwunderlich, dass sie selbst ein Stiefkind war und unter ärmsten Verhältnissen lebte. Im Lauf der beinahe 50-jährigen Bearbeitungsgeschichte veränderte Wilhelm Grimm dieses Märchen jedoch so, dass die frühe von der späten Version stark abweicht.

Taube oder Fee?

Mit dieser Leitversion der Grimm’schen Ausgabe letzter Hand (1857) konkurriert inzwischen wiederum das Märchen von Perrault, das die Vorlage für die amerikanische Cinderella-Verfilmung abgab. Kaum jemand vermag heute noch die Einzelheiten beider Geschichten richtig zuzuordnen: Verliert Aschenputtel einen goldenen Schuh oder einen gläsernen Pantoffel? Wer hilft dem Mädchen: Tauben oder eine Fee? Gelangt Aschenputtel mit einer Kutsche oder zu Fuß zum Schloss? Trotz einer über 200-jährigen schriftlichen Tradition geschieht auch heute noch das, was in der langen Überlieferungsgeschichte des Märchens immer zu beobachten war: Es scheint sich einer festen Form entziehen zu wollen. Und so verändert sich die Geschichte weiter – wieder und wieder.

Dr. Holger Ehrhardt lehrt Literaturwissenschaften am Institut für Germanistik der Universität Kassel. Dort hat er seit 2012 die bundesweit erste Professur zu Werk und Wirkung der Brüder Grimm inne. Der 52-Jährige ist Mitherausgeber der Forschungsreihe „Brüder Grimm Gedenken“. 2016 fand er heraus, woher die Inspiration für das Grimm-Märchen „Aschenputtel“ kam.

 

 

ARTE Highlight

Aschenputtels Fußstapfen
Dokumentarfilm
Sonntag, 1.1. | 16.40 Uhr

Kategorien: Januar 2017