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So viel Harmonie

Wie haben sie das nur geschafft, die Bauherren der Elbphilharmonie? Plötzlich alle glücklich, überall Euphorie. Eine geniale Strategie, findet Christian Sieh.

© Katrin Binner

© Katrin Binner

Für unser Wohnzimmer möchte ich ein neues Sofa kaufen. Aber nicht irgendeines. Wenn, dann doch bitte ein Designerstück, einen Hingucker. Ein Statussymbol. Dafür brauche ich zu Hause natürlich die Zustimmung. Das jedoch wird nicht gerade einfach werden. Wäre da nicht die Strategie „Elbphilharmonie“. Und die geht so: Ich verkünde, dass ich 700 Euro in eine geeignete Couch investieren werde. Dann jedoch gebe ich den Maybach unter den Wohnzimmersofas in Auftrag: eine Maßanfertigung, edelster italienischer Stoffbezug, Handarbeit versteht sich. Lieferzeit voraussichtlich 20 Monate. Wenn’s gut läuft. Und zu meiner Frau sage ich: „Ist leider etwas teurer geworden, Schatz, 7.000 Euro, um genau zu sein. Den Restbetrag buchen die übrigens vom Gemeinschaftskonto ab. Was wollen wir heute essen?“

Das muss einfach klappen. Denn die Bauherren der Elbphilharmonie sind damit ziemlich gut gefahren. Zwar mussten sie einiges an Häme einstecken. Aber wer jetzt noch im Angesicht des fertigen Prachtbaus schüchtern anzumerken wagt, dass das alles doch etwas lange gedauert und vielleicht auch ein wenig zu viel gekostet habe, der wird schnell als nörgelnde Spaßbremse oder schlimmer noch als kulturloser Kleingeist abgekanzelt. Zu Recht? Selbstverständlich zu Recht.

Großprojekte wie die Elbphilharmonie sind im heutigen Empörungszeitalter kaum noch vermittelbar. Angenommen, die Planer hätten von Anfang an mit offenen Karten gespielt und per Volksabstimmung um Zustimmung gebeten: „Sind sie dafür, knapp eine Milliarde Steuereuros in ein Konzerthaus auf einem alten Hafenspeicher zu verbauen? Bevor Sie vorschnell zu Nein tendieren, bedenken Sie bitte, dass die Akustik im Saal atemberaubend sein wird!“ Selbst der HSV hätte derzeit größere Erfolgschancen als diese Volksbefragung.

Früher waren die Rahmenbedingungen für Großbauprojekte deutlich günstiger. Dem römischen Kaiser Vespasian hat der Bau des Kolosseums recht wenig Ärger mit Steuerzahlern und Bauunternehmen bereitet. Und was die Bauzeit betrifft: Am Kölner Dom hat man 632 Jahren rumgewerkelt. Wen kümmert das heute? Niemanden. Das ständig sanierte Wahrzeichen zieht jedes Jahr Millionen Touristen in eine Stadt, die ansonsten zu den hässlichsten Deutschlands zählt. Zu Recht.

Solange am Ende ein architektonisches Meisterwerk vom Kaliber der Oper von Sydney oder der Brooklyn Brigde herauskommt, sind Kosten und Mühen schnell vergessen. Anders bei einem Flughafen, der hemdsärmlig in die brandenburgische Pampa dilettiert wird. Der BER wird als Milliardengrab in die Geschichte eingehen, auch wenn sich die Berliner Provinzpolitiker kurz vor Fertigstellung 2072 noch dazu durchringen sollten, den Dreikönigsschrein in die Abflughalle zu stellen. Flughafen kann jeder, Elbphilharmonie nicht.

Hamburg nennt sich in aller hanseatischen Bescheidenheit „die schönste Stadt der Welt“. Einen Kölner Dom hätte die Stadt eigentlich gar nicht gebraucht. Einerseits. Anderseits: Ich brauche auch nicht wirklich eine neue Couch. Und obwohl Hamburg mit Michel, Köhlbrandbrücke, Chilehaus, Laeiszhalle und und und viel zu bieten hat, ist die Elbphilharmonie bereits jetzt zum Wahrzeichen der Stadt geworden. An ihr erfreuen sich nicht nur der Klassikfreund aus dem feinen Othmarschen, sondern auch der Helene-Fischer-Fan aus Barmbek. Und das, obwohl Frau Fischer auch im kommenden Jahr nur die AOL-Arena beschallen wird, einen Bau mit dem Charme eines Parkhauses.

Haben die Planer der Elbphilarmonie also alles richtig gemacht? Sicher nicht alles, aber vieles. Sie hatten eine Vision und haben sie umgesetzt. Sie haben uns Steuerzahler an der Nase herumgeführt. Aber sie haben uns auch ein Bauwerk geschenkt, das weltweit seinesgleichen sucht. Ein Konzerthaus, das die größten Künstler der Welt nach Hamburg ziehen wird. Ein Kunstwerk in sich, das über dem Hafen thront und von dem die Hamburger allein deshalb etwas haben, weil sie es von vielen entfernten Ecken der Stadt sehen können.

Hätte man das Geld nicht doch sinnvoller in Kitaplätze, Schulen oder die Sanierung der maroden Hamburger Straßen investieren können? Hätte man. Andererseits darf man aber davon ausgehen, dass sich eine reiche Stadt wie Hamburg solch selbstverständliche Infrastrukturmaßnahmen zusätzlich zur Elbphilharmonie leisten kann. Von dem Geld, das die HSH Nordbank die Steuerzahler bisher gekostet hat, hätte sich jeder Hamburger Stadtteil seine eigene Elbphilharmonie bauen können. Das ist der eigentliche Skandal, über den sich heutzutage leider kaum noch jemand empört.

Kaufe ich nun eine neue Designercouch? Selbstverständlich nicht. Ein Sofa ist ein Sofa. Die Elbphilharmonie hingegen ist ein Jahrhundertprojekt, das es wert war, dass der Haussegen in Hamburg auch mal schief hing. Zu Recht.

Christian Sieh

Kategorien: Januar 2017