Mission Klang von Welt

Über zehn Jahre Bauzeit, über zehn Jahre Höhen und Tiefen: Rückblickend liest sich die Entstehung der Elbphilharmonie wie ein Drama. Die Rekapitulation der Ereignisse zwischen Euphorie, Niedergang und finalem Triumph.

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Diese Geschichte beginnt mit einem finanziellen Desaster. Noch bevor der Kaispeicher am westlichen Rand der Hafencity – ein Projekt, das Ende der 1990er Jahre ins Leben gerufen worden war – zu einer Gewerbeimmobilie umgenutzt werden kann, platzt die Dotcom-Blase. Pläne für das Medienhaus „MediaCityPort“, die zwischenzeitlich auch den Abriss des monumentalen Backsteinbaus in Erwägung ziehen, scheitern.

In der Zwischenzeit haben sich zwei weitere Protagonisten in das Ringen um die Zukunft des Kaispeichers eingeschaltet. Architekt und Projektentwickler Alexander Gérard und seine Frau, die Kunsthistorikerin Jana Marko, arbeiten auf eigene Faust an einer Vision für das Gebäude. Ihnen schwebt etwas ganz anderes für das ehemalige Lagerhaus am Hafen vor: Eine Stadterweiterung mit „kultureller und sozialer Verwendung“, um dort einen öffentlichen Ort zu realisieren, wo er auch hingehört, an die „exponierteste Stelle der Hafencity, vielleicht der ganzen Stadt überhaupt“. Gérard und seine Frau träumen davon, das geschichtsträchtige Gebäude zu retten, das sogar als denkmalschutzwürdig anerkannt worden ist. Bald entsteht die Idee eines Konzertsaales, der in die bestehende Gebäudestruktur integriert, geradezu „eingegraben“ ist.

Im Dezember 2001 besucht das Paar Jacques Herzog, einen Studienfreund Gérards, in seinem Basler Architekturbüro und stellt ihm das Projekt vor. Mit im Gepäck ein Bild des Kaispeichers. Jacques Herzog bekundet sein Interesse an dem Projekt, doch müsse die Gebäudekonversion außen erkennbar werden. „Wir hatten eine Postkarte mitgebracht und auf diese zeichnete er so eine Art Hahnenkamm, um zu zeigen, dass die neue Nutzung über die alte hinauswachsen sollte“, erinnert sich Alexander Gérard.

Skepsis und Euphorie

Dieser viel zitierte Moment im Basler Büro von Herzog & de Meuron ist nur einer der Meilensteine auf ihrem Weg. Insgesamt dreieinhalb Jahre arbeiten und werben Alexander Gérard und Jana Marko für das Projekt ihres Lebens. Vor allem vor dem Hamburger Senat, wo der amtierende Bürgermeister Ole von Beust, wie viele andere Hamburger, dem Projekt erst einmal skeptisch gegenübersteht. Als im Juni 2003 der erste Entwurf für die Elbphilharmonie in Hamburg vorgestellt wird, bricht endlich ein Sturm der Begeisterung los. Es folgen Spendenversprechen in Millionenhöhe und mehr als ein Dutzend prominenter Hamburger Architekten plädieren in einem offenen Brief an den Bürgermeister für das Konzept. Der sieht nun die Elbphilharmonie als Mosaikstein einer Strategie, die der Hansestadt internationales Ansehen verschaffen soll. In Hamburg träumt man von einem baulichen Wahrzeichen, das wie der Tower of London oder der Eiffelturm die Stadt international bekannt machen und Identifikation schaffen soll. Als sich die Hamburger Bürgerschaft auf Empfehlung des Senats dann einstimmig zur Weiterverfolgung des Projektes ausspricht, haben Alexander Gérard und Jana Marko ihr Ziel erreicht – und müssen knapp ein Jahr später das Projekt verlassen. Es kommt zum Bruch mit der städtischen Projektgesellschaft und deren neuem Chef Hartmut Wegener, der selbst wenige Jahre später an dem Projekt scheitern wird. Die Stadt kauft die Rechte an der Idee und ist von nun an in der Umsetzung des Bauvorhabens auf sich gestellt.

Die Baumeister und die Jahrhundertarchitektur

Währenddessen laufen die Planungen an der Elbphilharmonie auf Hochtouren und das Büro Herzog & de Meuron erhält 2005 den Zuschlag für den Bau. Gegründet 1978 von Jacques Herzog und Pierre de Meuron war das Basler Architekturbüro bis Ende der 1990er Jahre vor allem in Fachkreisen für seine kompromisslose, sinnlich erfahrbare Formensprache bekannt. Mit dem Neubau der Tate Modern in London, für das die Architekten 2001 den renommierten Pritzker-Preis erhielten, stiegen sie in den Rang internationaler Star-Architekten auf. Für die „Philharmonie des 21. Jahrhunderts“ entwickeln sie nun die Vision eines leuchtenden, entmaterialisierten Glaskörpers, der aus dem schweren Backsteinsockel herauswächst. Die neue Philharmonie soll der entstehenden Hafencity einen wichtigen vertikalen Akzent geben, einen Orientierungspunkt mit einer erhöhten Plaza. „Von diesem Ort, der ein öffentlicher Ort sein wird, ein Ort für alle, nicht nur für diejenigen, die zum Konzert gehen. Von dort wird eine neue Sicht auf die Stadt möglich, auf die historische Altstadt und den Hafen“, so die Architekten in ihrer demokratischen Vision.

Der Stadt Hamburg und den neuen Star-Architekten schwebt eine radikale Philharmonie vor, ein Konzertsaal der Spitzenklasse. Im Innern soll nicht weniger als eines der zehn besten Konzerthäuser der Welt untergebracht sein. Für die Grundform des großen Saales wählen die Architekten daher das sogenannte Weinberg-Prinzip. Es ist architektonisch interessanter als das rechteckige Raumkonzept des Schuhschachtel-Modells. Doch gestaltet sich die Akustik in polygonalen Räumen kompliziert und gilt unter Spezialisten als Königsdisziplin. Dass es durchaus erfolgreich umsetzbar ist, zeigen jedoch Vorbilder wie die Berliner Philharmonie des Architekten Hans Scharoun von 1963, die Suntory Hall in Tokio von 1986 oder die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles von 2003. Im Gegensatz zum Berliner Konzertsaal sind die Ränge in der Elbphilharmonie allerdings, angelehnt an das Bild eines Stadions, fließend um eine Mittelbühne herum angeordnet. Der Vorteil: Jeder der 2.150 Zuschauer erhält einen „Logenplatz“ und sitzt höchstens 30 Meter vom Orchester entfernt. Ein zweiter Saal, als Schuhschachtel ausgeführt für 500 Besucher, ergänzt das musikalische Konzept der Philharmonie.

Der Akustiker und der Jahrhundertklang

Da das Größte an der Philharmonie nicht gesehen, aber sehr wohl gehört werden kann und die geplante Form des Konzertsaales zudem klangliche Risiken birgt, wird für das Projekt ein Akustiker der Spitzenklasse gesucht. Auftritt Yasuhisa Toyota. Er zählt zu den besten Klangspezialisten der Welt und ist mit seiner japanischen Firma Nagata Acoustics bereits für mehr als 50 Projekte verantwortlich gewesen, darunter auch die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, die Suntory Hall in Tokio und die Neugestaltung der Säle des Sydney Opera House. Im Jahr 2006 wird Toyota mit der Planung des großen Konzertsaals der Elbphilharmonie beauftragt. Er soll den dornenreichen Weg zum perfekten Klang meistern und entwickelt dafür umfassende Planungen. Deren zentrales Element ist eine neuartige Wandverkleidung des großen Saales, die sogenannte Weiße Haut. Sie besteht aus 10.000 individuell hergestellten, gefrästen und zugeschnittenen Gipskartonplatten, die mit ihren reliefartigen Oberflächen den Schall optimal im Raum verteilen sollen. Und das an jedem Punkt in dem verwundenen und vielfach geschwungenen Großen Saal des Konzerthauses.

Die genaue Form und Ausführung der Weißen Haut sowie die Gestaltung der Sitzreihen und des großen Reflektors über der Bühne werden vor dem Bau anhand eines Saal-Modells im Maßstab 1 : 10 überprüft. Die aufwendige Miniaturausgabe des großen Konzertsaals soll dem Klangspezialisten Anhaltspunkte geben, ob und welche akustischen Schwierigkeiten auftreten können. Es werden Töne eingeleitet und selbst kleine, mit Filz bezogene Puppen auf die nachgebauten Stuhlreihen gesetzt. Toyota bestimmt Material und Beschaffenheit der Zuschauerränge, die Dimensionierung des Reflektors unter der Decke und selbst die Ausführung der Belüftungssysteme in der Philharmonie. Um die für ein klassisches Konzert absolut notwendige Ruhe gewährleisten zu können, koppelt er außerdem den Saal vom übrigen Gebäude ab, lagert ihn auf ein kompliziertes Federsystem und überwindet dadurch selbst die schwierige Nähe zum Hafenbetrieb.

Architektur + Akustik = perfekter Klang

Währenddessen gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen der städtischen Projektgesellschaft, dem Bauunternehmen Hochtief und dem Architekturbüro Herzog & de Meuron zunehmend schwierig.

Die Gründe dafür beginnen mit einer zu frühen Ausschreibung des Projektes, häufigen Änderungswünschen und mangelnder Kommunikation zwischen den Projektverantwortlichen. Das hat verheerende Folgen: Kostenexplosionen, Bauverzögerungen und sogar ein monatelanger Baustopp drohen das Jahrhundertprojekt zwischenzeitlich scheitern zu lassen.

Auch die Kommunikation zwischen den Basler Architekten und dem japanischen Akustiker wird anfänglich von Missverständnissen begleitet. Die besondere Herausforderung bei der Planung eines Konzertsaales besteht darin, die Akustik zum Kernstück des Entwurfs zu erheben und mit dem gestalterischen Willen der Architekten zu verschmelzen. Doch anders als bei herkömmlichen Bauprojekten entscheidet hier letztlich der Klang, ob das Werk gelungen ist. Hinter die organische, freie Form des Architektenentwurfs setzt Yasuhisa Toyota gerade Wände, um die akustischen Bedingungen des Raumes zu erfüllen. Und degradiert die Formensprache zu einem dekorativen Vorhang, der die akustisch relevanten Elemente verkleidet. Erst eine offene Zusammenarbeit mit Toyota ermöglicht, in dem sehr intimen, kompakten Konzertraum eine akustische und architektonische Einheit durch die Kombination aus geraden und gerundeten Oberflächen herauszuarbeiten. Für den perfekten Klang und die perfekte Architektur.

Das Ergebnis

Die Fertigstellung der Weißen Haut, erste Klangproben, Einweihung der Plaza, Hoteleröffnung, Übergabe an die Stadt – große Begeisterung begleitet die letzten Schritte der oft als Skandalprojekt bezeichneten Elbphilharmonie. Man gibt sich versöhnlich, positiv. Und jetzt soll er stehen, der Jahrhundertklang. Wenn Dirigent Thomas Hengelbrock am 11. Januar 2017 zum ersten Mal öffentlich den Taktstock hebt, wird es aller Voraussicht nach ein Akustikerlebnis der Extraklasse geben. In einem ganz besonderen Konzerthaus, gebaut auf einem alten Kaispeicher in der Hafencity Hamburgs, einem Stadtteil, der gleichsam mit Argwohn und Stolz von den Hamburgern wahrgenommen wird. Ob die „Elphi“ tatsächlich in den Rang der zehn besten Konzerthäuser der Welt aufsteigen wird, darüber wird die Fachwelt richten. Deutet man die derzeitige Begeisterung, stehen die Zeichen dafür zumindest gut. Alles andere entscheidet jeder im Publikum für sich selbst. Beeindruckend ist das architektonische Meisterwerk in jedem Fall.

May-Britt Frank-Grosse

 

ARTE Schwerpunkt

Anlässlich der Eröffnung der Elbphilharmonie widmet ARTE dem Jahrhundertbau am 15. Januar 2017 einen Programmschwerpunkt.

 

Die Elbphilharmonie: Architekturwunder und Konzerthaus

Die Elbphilharmonie: Hamburgs neues Wahrzeichen
Kulturdoku
Sonntag, 15.1. | 16.50

Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie in Hamburg
Konzert
Sonntag, 15.1. | 17.40

Thomas Hengelbrock und das NDR Elbphilharmonie Orchester: Johannes Brahms Symphonien Nr. 1 und 2
Konzert
Sonntag, 15.1. | 01.25

concert.arte.tv

Kategorien: Januar 2017