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Mission Ewiges Eis

Arktis und Antarktis sind einzigartige Lebensräume, bedroht durch Umweltverschmutzung und Klimawandel. Für den Erhalt der Polarregionen kämpfen Forscher und Naturschützer – ein Wettlauf gegen die Zeit.

© Laurent Ballesta / Expédition Wild Touch Antarctica

© Laurent Ballesta / Expédition Wild Touch Antarctica

Von wegen Eiswüste: Die Polarregionen der Erde sind faszinierende, vielfältige Lebensräume. Die Arktis ist Heimat Tausender Tierarten und für rund vier Millionen Menschen. Die Antarktis hingegen ist bis heute ein nahezu menschenleeres Naturparadies. Ein weißer Fleck, in weiten Teilen kaum erforscht, dabei ein reichhaltiges Ökosystem – zu Wasser, zu Lande und in der Luft.

Gemeinsam ist den eisigen Welten jenseits der Polarkreise: So hart und unbezwingbar sie auf uns wirken, so überraschend zerbrechlich ist ihre kalte, raue Schönheit. Und so bedroht, vor allem durch den globalen Treibhauseffekt. Dabei ist die Bewahrung von Arktis und Antarktis für das ökologische Gleichgewicht der Erde von immenser Bedeutung, nicht zuletzt als Bollwerke gegen einen noch rapideren Klimawandel und seine verheerenden Folgen, wie etwa den Anstieg des Meeresspiegels.

Der Antarktisvertrag von 1961 und internationale Folgevereinbarungen schützen den südlichsten Kontinent, unter dessen Bergmassiven und teils kilometerdicken Eispanzern große Rohstofflager vermutet werden, vor unmittelbaren Umweltschäden durch wirtschaftliche Ausbeutung. Was bisher schon für das nahezu vollständig eisbedeckte Festland galt, wird jetzt sukzessive auch auf die umgebenden Meeresgebiete ausgedehnt, in denen unter anderem sechs Robben- sowie 14 von insgesamt 80 Walarten leben. Und schätzungsweise bis zu einer Milliarde Tonnen Krill, dem wichtigsten Baustein in der weltweiten maritimen Nahrungskette. Nirgendwo sonst in den Ozeanen sind die Vorkommen der Kleinkrebse größer als in der Antarktis.

Schutzgebiet am südlichen Pol

Umso wichtiger für die noch weitgehend intakte Natur des Südlichen Ozeans, dass sich Ende Oktober 2016 im australischen Hobart 24 Staaten und die Europäische Union auf die Ausweisung einer riesigen Schutzzone im antarktischen Rossmeer einigen konnten. Mit einer Fläche von 1,55 Millionen Quadratkilometern ist das Meeresschutzgebiet mehr als viermal so groß wie Deutschland. In den nächsten 35 Jahren darf in dieser maritimen Schatzkammer nicht kommerziell gefischt werden – bislang einzigartig in internationalen Gewässern.

Zu den entschiedensten Vorkämpfern der Schutzzone zählt der Seerechtsanwalt und Extremschwimmer Lewis Pugh. Der in Südafrika aufgewachsene Brite verhandelte über Jahre hinweg hartnäckig mit Politikern und stieg als UN-Botschafter der Ozeane mehrfach publicityträchtig in die antarktischen Fluten, um bei Temperaturen knapp über dem Salzwasser-Gefrierpunkt (−1,9 Grad) beträchtliche Strecken darin zu schwimmen. Er sei „absolut überglücklich“, schwärmte Pugh nach der Einigung. Zwar umfasst das nun geschützte Seegebiet nur wenige Prozent der Fläche des Südlichen Ozeans. Im Rossmeer und auf seinen Schelfeisrändern aber leben viele Tierarten der Region, darunter allein 40 Prozent aller Adeliepinguine, ein Drittel der Weißflügel-Sturmvögel und etliche Meeressäuger wie der Südliche Minkwal.

Rückkehr zu den Pinguinen

Zu den Adeliepinguinen und ihren größeren Verwandten, den Kaiserpinguinen, hat der französische Regisseur Luc Jacquet, Gründer der Naturschutz-Initiative Wild-Touch, eine besondere Beziehung. 2006 wurde sein Kinodebüt „Die Reise der Pinguine“ mit dem Oscar ausgezeichnet.  Genau zehn Jahre später kehrte Jacquet mit einem Team von Tauchern und Fotografen zu den flugunfähigen Vögeln im Umfeld der französischen Polarforschungsstation Dumont d’Urville zurück – und erschrak über die dramatischen Umwälzungen, denen das inoffizielle Wappentier der Antarktis ausgesetzt ist.

Dabei können vermeintlich gegensätzliche Phänomene den Pinguinen zu schaffen machen: zu wenig, aber auch zu viel Eis. Mal fehlen eisige Brutplätze oder Jagdgründe. Mal sorgen kalbende Gletscher in Buchten für die Entstehung riesiger, geschlossener Meereisdecken. Dann werden die Wege zu weit, wenn die Elterntiere Nahrung für ihren Nachwuchs aus dem Wasser heranholen müssen. In etlichen Kolonien verhungerten dadurch bereits ganze Generationen von Küken oder erfroren, weil es in der an sich trocken-kalten Antarktis plötzlich tagelang regnete. Vor allem der Kaiserpinguin, der als Einziger im antarktischen Winter auf Meereisflächen brütet, gilt als stark gefährdet. Bis zum Ende unseres Jahrhunderts droht die Art auszusterben.

Die Aufnahmen des ARTE-Dokumentarfilms „Antarktis: Die Reise der Pinguine“ und die spektakulären Bilder der Naturfotografen Laurent Ballesta und Vincent Munier zeigen beides: die Faszination und das Fragile der eisigen Natur an diesem außergewöhnlichen Ende der Welt. Mit bewusster Symbolwirkung hatte das Team als Zeitraum für seine 45-tägige Expedition den Termin der UN-Klimakonferenz von Paris im Dezember 2015 gewählt und ein Online-Tagebuch geführt. Darin sendet Luc Jacquet einen eindrücklichen Appell an die Konferenzteilnehmer: Ihre Entscheidungen hätten „Folgen für das Leben der Pinguine. Und für das aller Erdbewohner.“

Die Auswirkungen des Pariser Abkommens auf die Polarregionen – in erster Linie das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen – lassen sich schwer vorhersagen. Fest steht: Weitaus dramatischer als in der Antarktis verläuft derzeit die Entwicklung auf der Nordhalbkugel. „Die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt“, erklärt Dr. Thomas Krumpen, Meereisphysiker am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Anteil daran haben fatale Wechselwirkungen. So wird etwa durch schrumpfende oder von Staub- und Rußpartikeln verschmutzte Eisflächen weniger Sonnenlicht reflektiert – was wiederum die Erwärmung und das Abschmelzen beschleunigt. Die Folgen: massive Rückgänge der Meereisfläche, schrumpfende Gletscher sowie ein Abschmelzen des grönländischen Eisschildes. Letzterer bildet, zusammen mit dem vielfach mächtigeren antarktischen Schild, ein riesiges Süßwasserreservoir. Mehr als 90 Prozent des Süßwassers an der Erdoberfläche sind in den beiden Eispanzern eingefroren.

Bewegung im Eis, hervorgerufen durch natürliche Schwankungen der Konzentration von Treibhausgasen und Temperaturen, hat es auch in der jüngeren Erdgeschichte immer wieder gegeben, wie Untersuchungen von antarktischen Eisbohrkernen zeigen. Nun aber laufen manche Veränderungen im vermeintlich „ewigen“ Eis im Zeitraffer ab. Mächtige Eiszungen wie die des Columbia-Gletschers am Prinz-William-Sund in Alaska ziehen sich in wenigen Jahren um viele Kilometer landeinwärts zurück und verlieren gleichzeitig Hunderte Meter an Höhe. Dass solche, dem menschlichen Auge dennoch meist verborgen bleibenden Vorgänge nun für jedermann sichtbar sind, ist auch ein Verdienst des Naturfotografen James Balog. Für sein Projekt „Extreme Ice Survey“ (EIS) stellte der Amerikaner zunächst auf Island und Grönland sowie an mehreren Punkten in den USA und Kanada insgesamt zwei Dutzend Kameras auf und ließ sie computergesteuert Tausende Fotos schießen. Die Ergebnisse der Langzeit-Dokumentation zeigen das Verschwinden der weißen Eisriesen wie im erdgeschichtlichen Daumenkino. Balog nennt Gletscher „die Kanarienvögel im globalen Bergwerk“. Wenn sie kollabieren, ist das ein dramatisches Warnsignal. „Wir haben jetzt noch eine Chance“, sagt er, „wir stehen kurz vor einem Abgrund, aber wir haben die Möglichkeit, die größte Herausforderung unserer Generation und des Jahrhunderts anzunehmen.“

Wie hoch der persönliche Anteil jedes Einzelnen am großen Schmelzen ist, haben kürzlich deutsche und amerikanische Wissenschaftler ermittelt. Dirk Notz vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und Julienne Stroeve vom National Snow and Ice Data Center in Boulder, Colorado, kamen auf drei Quadratmeter geschmolzenes arktisches Meereis pro erzeugter Tonne Kohlendioxid. Die Forscher lieferten auch gleich mit, wie ein Mensch diese Menge des Treibhausgases durch Verzicht vermeiden kann: ein Flug von Europa nach New York und retour weniger.

Oliver de Weert

 

ARTE Highlights

Faszination Eis: Die Polarregionen sind artenreiche Lebensräume mit extremen Bedingungen. ARTE zeigt an zwei Tagen, wie ihre zerbrechliche Schönheit von den Folgen des Klimawandels bedroht wird.

Chasing Ice
Dokumentarfilm
Dienstag, 3.1. | 20.15

Antarktis: Die Reise der Pinguine
Dokumentarfilm
Samstag, 28.1. | 20.15

Antarktis – Leben am Limit
Wissenschaftsdoku
Samstag, 28.1. | 21.45

arte.tv/antarktis

Kategorien: Januar 2017