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„Die Erwartungen sind extrem hoch“

Für viele ist er der Sänger mit der Engelsstimme: Der Countertenor Philippe Jaroussky wird beim Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie am 11. Januar 2017 auf der Bühne stehen. Ein Gespräch über neue Herausforderungen in Hamburg und die Besonderheiten seiner Tonlage.

© Frank Egel

© Frank Egel

Wo ist Philippe?“, ruft Dirigent Thomas Hengelbrock auf Französisch hinter die Bühne der Hamburger Laeiszhalle. Es wird still und wie aus dem Nichts ertönt die hohe, klare Stimme von Philippe Jaroussky. Mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester probt der Countertenor Anfang September 2016 für das Auftaktkonzert der neuen Saison. Schon bald werden die Musiker die Elbphilharmonie beziehen. Als einer der Ersten darf Jaroussky ihr neues Zuhause an der Elbe heute nach seiner Probe betreten. Dem ARTE Magazin schildert er anschließend seinen Eindruck und spricht über das Mysterium der Countertenorstimme.

Arte: Herr Jaroussky, wie war Ihr erstes Mal?

Philippe Jaroussky: Es war beeindruckend!

Arte: Haben Sie direkt losgesungen?

Philippe Jaroussky: Ja, a cappella im großen Saal der Elbphilharmonie. So ganz ohne Publikum war der Klang unheimlich intensiv.

Arte: Am 11. Januar singen Sie dann vor Publikum beim Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie.

Philippe Jaroussky: Darauf freue ich mich schon sehr. Als französischer Sänger ist es mir eine große Ehre, bei diesem Ereignis dabei sein zu dürfen – bei der Eröffnung der Pariser Philharmonie war ich nicht eingeladen, müssen Sie wissen!

Arte: Sind Sie nervös?

Philippe Jaroussky: Hier in Hamburg habe ich schnell gemerkt, wie wichtig die Eröffnung der Konzerthalle für die Stadt ist. Ich glaube, die Elbphilharmonie wird zu einem Wahrzeichen werden, ein bisschen wie das Opernhaus in Sydney. Und nach zehn Jahren sind die Erwartungen einfach extrem hoch, meine Performance muss also perfekt sein. Bei dieser Vorstellung werde ich ein wenig nervös.

Arte: Das klingt nach viel Druck.

Philippe Jaroussky: Einerseits ja, andererseits habe ich großes Vertrauen zu Thomas Hengelbrock. Er hat ein Programm für die Eröffnung zusammengestellt, das alle akustischen Möglichkeiten des Konzertsaals offenbaren soll. Für ihn bedeutet das, nicht nur pompöse Werke mit großer orchestraler Besetzung aufzuführen, sondern auch zu zeigen, wie intim das Konzerthaus sein kann.

Arte: Neben Ihnen werden unter anderem der Tenor Jonas Kaufmann und die Sopranistin Anja Harteros auf der Bühne stehen.

Philippe Jaroussky: Ja, zu Eröffnungsgalas dieser Größe werden immer die imposantesten lyrischen Stimmen eingeladen. Dass wir Countertenöre mittlerweile auch bei dieser Art von Konzerten auftreten, ist relativ neu. Es zeigt, dass wir heute ernst genommen werden und zur Familie der Opernsänger gehören. Das war nicht immer so.

Arte: Woran liegt das?

Philippe Jaroussky: Den Beruf des Countertenors gibt es noch nicht lange, er kam erst kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Alfred Deller zählte zu den ersten dieser Profession. Die Tatsache, dass die Klangfarbe irgendwo zwischen Mann, Frau und Kind angesiedelt ist, fasziniert die Leute. Für mich ist der Countertenor also ganz klar eine moderne Stimme – nicht zu verwechseln mit den Kastraten aus dem 18. Jahrhundert. Die Tonlagen sind zwar ähnlich, aber eben nicht dieselben. Dieses Image versuche ich zu ändern, indem ich nicht nur Barock-Repertoire singe, auch wenn ich diese Musik liebe.

Arte: Es scheint nach wie vor nicht klar, wie Countertenöre eigentlich ihre hohe Stimmlage erreichen. Ist das richtig?

Philippe Jaroussky: Beim Singen kommen so viele verschiedene Muskeln zum Einsatz, das gesamte Nervensystem der Stimmbänder ist unglaublich komplex. Es hat beinahe etwas Magisches. Dass wir sprechen können, ist wie ein evolutionäres Wunder! Ich habe einen Arzt in Paris, der meine Stimmbänder mit Kameras filmen möchte, während ich von einem Ton zum nächsten übergehe, um herauszufinden, wie es funktioniert. Das Ganze wird also tatsächlich noch erforscht.

Arte: Haben Sie sich wegen Ihrer Stimmlage jemals eingeschränkt gefühlt?

Philippe Jaroussky: Am Anfang meiner Karriere ja. Befreundete Sopranistinnen oder Altistinnen konnten problemlos zwischen Verdi, Bizet, Mahler und Wagner hin- und herwechseln. Das konnte ich nicht. Jetzt finde ich das aber nicht mehr schlimm. Die Bandbreite für Countertenöre wird immer größer. Am Anfang dachte man noch, es handle sich beim Countertenor um eine einzige Tonlage. Heute weiß man, dass alle Sänger individuelle Stimmen haben und somit unterschiedlichste Werke singen können. Wahrscheinlich ist es für Countertenöre sogar leichter, andere Genres wie zum Beispiel Pop bedienen zu können, weil die Stimmen weniger Vibrato einsetzen, weniger opernhaft klingen.

Arte: Würde Sie Popmusik denn reizen?

Philippe Jaroussky: Oh, ab und zu unternehme ich schon mal Ausflüge in andere musikalische Gefilde. Bei den BBC Proms in London habe ich letzten Sommer einen Song von David Bowie gesungen. Natürlich habe ich nicht versucht, so zu singen wie er. Er hatte eine sehr tiefe Stimme. Umso interessanter war es, bei dem Auftritt mit meiner hohen Stimmlage herumzuexperimentieren.

Arte: Das klingt so, als hätten Sie Spaß daran, Ihre Grenzen auszutesten.

Philippe Jaroussky: Es soll nicht so wirken, als würde mich klassische Musik langweilen. Nach wie vor liebe ich Monteverdi, Vivaldi, Händel, Bach. Aber ich verspüre auch immer mehr Lust, verrückte Dinge wie Crossover zu machen. Vielleicht, weil ich in anderthalb Jahren 40 werde. Ich singe seit fast 20 Jahren. Es ist an der Zeit, mehr zu wagen und über den Tellerrand hinauszuschauen.

Arte: Gleichzeitig möchten Sie in Zukunft mehr sakrale Musik machen.

Philippe Jaroussky: Das ist richtig. Als ich angefangen habe zu singen, war meine Stimme noch „kleiner“, dafür aber flexibler und so elastisch wie ein Kaugummi. Koloraturen konnte ich unglaublich schnell singen. Heute hat die Stimme mehr Fülle – ein bisschen wie ein guter Wein. Koloraturen fallen mir nicht mehr ganz so leicht, dafür habe ich mehr Ausdruck beim Singen. Im sakralen Repertoire, beispielsweise bei den Bach-Kantaten, geht es mehr um die Musik selbst als darum, komplizierte Singtechniken vorzuführen. Und deshalb möchte ich in Zukunft noch mehr davon machen.

Arte: Sie beschrieben die Stimme einmal als den Spiegel der Seele.

Philippe Jaroussky: Mit der Stimme können wir unsere tiefsten Emotionen ausdrücken, auch beim Singen. Natürlich kann es manchmal verlockend sein, sich hinter aufwendiger Singtechnik zu verstecken und so weniger Gefühle preiszugeben. Man fühlt sich weniger verletzlich, gibt dem Publikum aber auch nicht so viel, finde ich. Bei sakralen oder poetischen Stücken kann man sich weniger verstecken. Man muss zu einer gesanglichen Einfachheit zurückkehren, die sehr pur und ehrlich ist.

Arte: Wie ist das bei Operninszenierungen?

Philippe Jaroussky: Opern sind wie Schauspielerei. Und ich muss zugeben, ich bin nicht besonders gut darin. Man kommt zur ersten Probe und soll sofort eine Figur darstellen. Das fällt mir nicht leicht. Bei Liederabenden fühle ich mich viel wohler. Ich kann das Programm selbst zusammenstellen und einfach Philippe Jaroussky sein – statt ein König, Gott oder Sklave. Trotzdem versuche ich, bei ein bis zwei Produktionen im Jahr mitzumachen. Ich habe Kollegen, die jährlich bis zu acht Opern singen. Da ist man dann fast nie zu Hause.

Arte: Auch ohne viele Opern sind Sie fast non-stop unterwegs. Gönnen Sie sich auch Pausen?

Philippe Jaroussky: Ja, das ist sehr wichtig. Man reist von Hotel zu Hotel und wird ständig bemuttert: Am Flughafen werde ich abgeholt, im Hotel muss ich nicht selbst einchecken, das Essen wird mir gebracht, das Zimmer geputzt. Das ist zwar angenehm, aber nach einer Weile ist es auch schön, mal wieder selbst zu kochen oder an einen Ort zu reisen, an dem mich niemand kennt. 2019 habe ich meine nächste mehrmonatige Pause eingeplant.

Arte: Dann werden Ihnen also noch bis 2019 Ihre Taschen hinterhergetragen?

Philippe Jaroussky: Nein, nein, meine Taschen trage ich schon selbst. Ich bin ja nicht Maria Callas!

Arte: Genießen Sie es denn trotzdem, erkannt zu werden und berühmt zu sein?

Philippe Jaroussky: Es macht mir Spaß, meine Musik mit anderen Menschen zu teilen und ihnen so eine Freude zu machen. Am besten funktioniert das, wenn man bodenständig bleibt und sich nicht auf ein Podest stellen lässt. Nach Aufführungen nehme ich mir oft Zeit, CDs zu signieren und meine Zuhörer zu treffen. Obwohl heute weniger CDs verkauft werden als noch vor zehn Jahren, kommen die Leute nach wie vor zu Konzerten und suchen den direkten Kontakt zu Künstlern. Genau deshalb werden auch weiterhin so große Konzerthallen wie die Elbphilharmonie in Hamburg gebaut. Diese Kultur und Nähe aufrechtzuerhalten, ist wichtig.

Lydia Evers

 

Zur Person: Philippe Jaroussky

Der Countertenor, 1978 im französischen Maisons-Laffitte bei Paris geboren, studierte zunächst Geige und Klavier, bevor er ab 1996 Gesangsunterricht nahm. Er wurde fünf Mal mit dem Echo Klassik ausgezeichnet, zuletzt im Oktober 2016 als „Sänger des Jahres“. In der Saison 2016/17 ist Jaroussky Artist in Residence des NDR Elbphilharmonie Orchesters.

Diskografie (Auswahl)

Heroes (2007), Opium: Melodies Françaises (2009), Farinelli-Porpora Arias (2013), Stabat Mater (2013), Green (2015), Bach/Telemann: Sacred Cantatas (2016)

 

ARTE Highlight

Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie in Hamburg
Konzert
Sonntag, 15.1. | 17.40

Am 11. Januar 2017 auch live auf concert.arte.tv

Kategorien: Januar 2017