julien.wilkens@axelspringer.de

Der Blick fürs Wahrhaftige

Ruhige Sequenzen, wenig Budget, nah am Leben – die Filme der Berliner Schule ähneln sich und sind doch grundverschieden. Einer ihrer wichtigsten Vertreter, Regisseur Christian Petzold, erklärt das Wesen der deutschen Nouvelle Vague.

ZDF © ZDF/teamWorx/Arlett Mattescheck

ZDF © ZDF/teamWorx/Arlett Mattescheck

Wenn ich eine Kameraeinstellung von Angela Schanelec, Ulrich Köhler oder Maren Ade sehe, habe ich das Gefühl, sie haben etwas miteinander zu tun“, sagt Regisseur Christian Petzold nachdenklich. „Die Filme der Berliner Schule erkennt man. Aber ich könnte keine fünf eindeutigen Worte dafür finden.“

Berliner Schule – das ist die filmische Erzählform, die von langen Kameraeinstellungen, ruhigen Dialogen und einem unverfälschten Blick auf die Gegenwart lebt. Und doch lässt sich der Begriff nur schwer fassen, wie selbst Petzold sagt, der gemeinsam mit Angela Schanelec und Thomas Arslan als Urheber dieser Erzählform gilt. Ende der 1980er Jahre studierten die drei heutigen Filmemacher an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) und trafen sich auch nach den Kursen regelmäßig, um intensiv ihre Projekte und die Werke ihrer großen Vorbilder wie John Ford, Roberto Rossellini, Jean-Luc Godard oder François Truffaut zu analysieren.

Nach 1989 wollten Studenten wie Petzold, Arslan und Schanelec herausfinden, wie die eigene Generation den Mauerfall wahrgenommen hatte. Sie wollten das Leben der Menschen in Berlin und im Umland so unverstellt und ungekünstelt wie möglich zeigen – und entwickelten so, ohne es bewusst zu forcieren, die unverkennbare Handschrift der Berliner Schule.

Doch erst 2001 sollte der Begriff zum ersten Mal fallen: Der Filmkritiker Rainer Gansera hatte in einem Artikel zum Kinostart von Arslans „Der schöne Tag“ gemeinsame Merkmale der Filme von Petzold, Schanelec und Arslan beschrieben. „In ‚Der schöne Tag‘ gibt es eine Szene, in der eine Frau eine Straße entlanggeht. Dieses Gehen hat etwas Betörendes, wie ein Traumgehen“, erzählt Petzold. „Es ist realistisch in der Zeit, in der Bewegung, im Licht, es ist ungeschminkt – und doch traumhafter als alle Digitaleffekte, die man sich vorstellen kann.“ Zeitgleich drehte Petzold „Toter Mann“ mit Nina Hoss und einer Szene, die ähnlich dargestellt war. „Das ist es, was Rainer Gansera mit ‚Berliner Schule‘ meint. Wir nehmen die Welt wieder wahr!“

Die Inspiration für diese neue Wahrnehmung fanden Petzold, Schanelec und Arslan an der DFFB: „Dort hat uns zum Beispiel Harun Farocki beigebracht, Filme nicht nur zu sehen und darüber zu sprechen – wir haben sie seziert, ohne dass sie dabei ihr Geheimnis verloren haben“, erzählt Petzold. „Auf einmal haben wir scheinbar bedeutungslose Kleinigkeiten wie die Farbe des Bordsteins wahrgenommen. Erst auf diese Weise fängt die Welt an, reich zu werden.“

Mit diesem geschärften Blick für das Wahrhaftige und den Raum, in dem wir leben, drehen die Autoren. Für jenen Raum sollten sich auch die Darsteller interessieren, sagt Petzold. So wie Nina Hoss: In Filmen wie „Yella“ (2007), „Barbara“ (2012) und zuletzt „Phoenix“ (2014), für den er mit Farocki das Drehbuch geschrieben hat, wählte er die Aktrice für die Hauptrolle. Warum? „Weil sie mir nicht gehört. Sie gibt mir erst das Gefühl, als hätte ich die Fäden in der Hand, aber dann macht sie sich selbstständig.“ Eine Freiheit, die Nina Hoss zu schätzen weiß: „In diesen Filmen bekomme ich die Möglichkeit geschenkt, die Stille im Dialog und das Ungesagte mit einer ebenso großen Wichtigkeit zu behandeln wie das Gesagte selbst.“ Und eben darum geht es: Die Berliner Schule lässt Emotionen Raum, sich zu entwickeln.

Doch so sensibel die Filme erzählt sind – an deutschen Kinokassen haben sie es oft schwer. „Zäh zerdehnte Zeit“ schrieb etwa Regisseur Dietrich Brüggemann über die ruhige, reduzierte Erzählweise. Schlichter Kommerz war jedoch nie das Ziel der Vertreter der Berliner Schule, deren Filme sich im Laufe der Zeit von den Themen der Gegenwart entfernten und die – wie Maren Ade oder Christoph Hochhäusler – nicht mehr nur von der DFFB kamen.

In Frankreich wurde dieses Label der Berliner Schule, das den Autoren nachträglich auferlegt wurde, als „Nouvelle Vague Allemande“ hingegen gefeiert – nach Regisseuren wie Wim Wenders oder Rainer Werner Fassbinder als jüngstes deutsches Autorenkino, das oft mit kleinem Budget gedreht und weniger auf Blockbuster-Wirkung als auf die eigene Kunstform ausgerichtet ist.

Mit Angela Schanelec und Thomas Arslan trifft sich Christian Petzold heute nur noch selten zum Analysieren. „Wir hatten damals das Glück, dass wir einfach sehr einsam Filme gemacht und entdeckt haben, dass die Filme sich mögen und dahinter sehr nette, kluge und aufmerksame Menschen stecken.“ Ein Glück, das sich bis heute Berliner Schule nennt.

Karoline Nuckel

 

Filme der Berliner Nouvelle Vague:  „Toter Mann“ (1) und „Phoenix“ (2) von Christian Petzold; „Geschwister“ (3) von Thomas Arslan; „Marseille“ (4) von Angela Schanelec

 

 

ARTE Highlights

Phoenix
Drama
Mittwoch, 11.1. | 20.15

Die Berliner Nouvelle Vague
Kulturdoku
Mittwoch, 11.1. | 21.45

Kategorien: Januar 2017