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„Bloß nicht stillstehen“

Sie gilt als eine der besten Geigerinnen der Welt: Anne-Sophie Mutter fasziniert durch Charisma und Energie.

© Monika Hoefler

© Monika Hoefler

Perfekt gestylt in Minikleid und hohen Stiefeln kommt Anne-Sophie Mutter in ihrem Sekretariat in München an. „Gut, dass Sie auch früher da sind. Dann kann ich nach dem Interview eher wieder los“, sagt die Geigerin. Obwohl ihre Tournee gerade erst zu Ende ging, ist der Terminkalender voll. „Immer“, sagt sie und lacht. Trotzdem oder gerade deshalb strahlt die 53-Jährige eine unglaubliche Energie aus. 2016 markierte Mutters 40-jähriges Bühnenjubiläum, das ARTE diesen Monat mit einem Porträt über die Künstlerin feiert. Bei Earl-Grey-Bergamotte-Plätzchen und Vanillekipferl spricht sie mit dem ARTE Magazin über Clubkonzerte, Erwartungen an sich selbst und ihre Pläne, mit dem Geigen aufzuhören.

Arte: Frau Mutter, welche Interviewfrage nervt Sie nach 40 Jahren auf der Bühne am meisten?

Anne-Sophie Mutter: So richtig genervt bin ich von keiner Frage. Ich versuche eher, neue Antworten zu finden. Schließlich ändert sich die eigene Einstellung im Laufe der Zeit. Was mich als junge Frau genervt hat, war die ständige Frage: „Warum tragen Sie schulterfreie Kleider?“ – „Warum nicht?“ Überhaupt dieser ganze Aspekt des Äußerlichen. Natürlich ist das auch schön, aber es sollte ein Gespräch nicht dominieren. Mit zunehmendem Alter tritt das zum Glück immer mehr in den Hintergrund.

Arte: Sie sehen aber nach wie vor toll aus.

Anne-Sophie Mutter: Ach, vielen Dank!

Arte: Wie fühlt es sich an, dass es bereits einen Film über Ihr Lebenswerk gibt? Sie sind doch erst 53 Jahre alt.

Anne-Sophie Mutter: Lebenswerk ist etwas hoch gegriffen. Es ist eher die Dokumentation eines Lebensabschnitts, würde ich sagen. Wie ein Kapitel, und danach geht es hoffentlich interessant weiter. Weil man sich da aber nie ganz sicher sein kann, hält man lieber mal fest, was war.

Arte: Wie geht es im nächsten Kapitel weiter?

Anne-Sophie Mutter: Im Fokus des Films standen unter anderem meine beiden Konzerte im Berliner Club Neue Heimat im Mai 2015. Zum einen würde ich Projekte dieser Art in Zukunft gerne weiter ausbauen: klassische Musik nicht nur in großen Konzertsälen, sondern auch in kleinen, intimen Räumen wie Clubs vermitteln und so mehr Menschen dafür begeistern.

Arte: Und zum anderen?

Anne-Sophie Mutter: Zum anderen möchte ich mich neben der Förderung von Hochbegabten in meiner Stiftung mehr um die musikalischen Wurzeln kümmern. Der deutschsprachige Nachwuchs ist sehr klein, weil wir Talente zu spät entdecken und nicht gezielt genug fördern. Musik hat in unserer Gesellschaft keinen Stellenwert, keine Relevanz. Das ist bedauerlich.

Arte: Wo setzt man da am besten an?

Anne-Sophie Mutter: Im Kindergarten. Damit Musik keine Frage der Eltern und der finanziellen Mittel ist. So selbstverständlich wie Sportgeräte auf dem Spielplatz sind, sollten es auch „Musikgeräte“ im Leben eines Kindes sein. Musik ist eine internationale Sprache, die uns Offenheit und Toleranz lehrt. Bei den sich gerade entwickelnden politischen Strömungen ist sie wichtiger denn je.

Arte: Neben diesen Plänen kommen dann noch jede Menge Konzerte hinzu.

Anne-Sophie Mutter: Die Konzerte laufen quasi nebenher. Nicht zu vergessen der Ausbau meines Repertoires. 2020 ist das große Beethoven-Jahr, dann kommt immer wieder zeitgenössische Musik von Komponisten hinzu, die für mich schreiben. Ich versuche, den Spagat zu erweitern, sowohl in Richtung Bach als auch in die Zukunft. Bloß nicht stillstehen.

Arte: Gibt es etwas, was Sie in Ihrem Leben bereuen, wenn Sie heute zurückblicken?

Anne-Sophie Mutter: Sicherlich gibt es Dinge, die ich bereue. Etwa, nicht genug Zeit mit Menschen verbracht zu haben, die heute nicht mehr am Leben sind. Aber beruflich kann man nur sein Bestes geben. Und letzten Endes ist das auch nicht so wahnsinnig wichtig. Wichtig ist, dass man als Mensch einigermaßen anständig durchs Leben geht und nicht zu viele Scherbenhaufen hinterlässt.

Arte: Gab es auch Zeiten, in denen Sie Ihre Geige überhaupt nicht mochten?

Anne-Sophie Mutter: Nein.

Arte: Nicht mal als Teenager?

Anne-Sophie Mutter: Nein. Ich glaube ja daran, dass es so etwas wie eine Berufung gibt. Auch wenn das ein wenig schwülstig klingt. Anders gesagt: Eine der wichtigsten Aufgaben von Eltern ist es, beim eigenen Kind die Begabung zu finden, die es ausmacht. Und mit der es im Idealfall etwas Positives in der Gesellschaft bewirken kann. Ob das ein Florist, ein Koch oder ein Musiker ist, macht keinen Unterschied. Bei mir war und ist es das Geigen.

Arte: Heute werden Sie als geradezu majestätisch und als beste Geigerin der Welt bezeichnet. Empfinden Sie solche Beschreibungen als Last?

Anne-Sophie Mutter: Nein. Aber ich glaube, weil ich ein Medium großer Kunst bin, werde ich manchmal verwechselt und das Majestätische von Beethoven färbt auf mich ab. Wenigstens solange ich auf der Bühne stehe. Danach wird alles wieder grau und der Kürbis ist ab Mitternacht wieder rund!

Arte: Von Herbert von Karajan haben Sie am Anfang Ihrer Karriere gelernt, dass Ziele, …

Anne-Sophie Mutter: … die erreicht wurden, zu niedrig gesteckt waren. Das ist absolut richtig.

Arte: Ist es auf Dauer nicht anstrengend, nach diesem Motto zu leben?

Anne-Sophie Mutter: Für mich ist das normal, alles andere wäre langweilig. Vielleicht ist es auch meine Lösung, damit umzugehen, dass ich nie die Idealinterpretation eines Werkes finden werde. Ich hinterfrage mich und suche immer wieder neue Zugänge zur Musik.

Arte: Können Sie trotzdem mit einer Performance zufrieden sein?

Anne-Sophie Mutter: Sagen wir mal so: Ich kann damit leben. Und Momente, die gut laufen, kann ich auch genießen. Aber es gibt immer Dinge, an denen man noch arbeiten kann.

Arte: 2006 sagten Sie im ARTE Magazin, dass Sie mit 45 Jahren aufhören möchten.

Anne-Sophie Mutter: Ursprünglich lag meine Grenze sogar bei 40. Da muss ich so zehn Jahre alt gewesen sein. Ich hatte das Glück, die alte Generation der großen Geiger noch mitzuerleben: Yehudi Menuhin, Isaac Stern, Nathan Milstein, die alle noch mit 80 geigten. Das war mir damals zu alt. Inzwischen mache ich es nicht mehr an einer Zahl fest, da das überhaupt nichts über die psychische oder physische Verfassung eines Menschen aussagt. Aber ich finde, ein Künstler sollte so viele andere Inhalte in seinem Leben gefunden haben, dass er nicht nur aus Gewohnheit auf die Bühne geht. Und das gelingt mir im Moment noch ganz gut.

Arte: Brauchen Sie den Applaus des Publikums?

Anne-Sophie Mutter: Die Emotionen des Musik-machens mit dem Publikum zu teilen ist etwas Außergewöhnliches. Egal, wie unsere religiösen und kulturellen Wurzeln sind – in diesen Momenten empfinden wir alle ähnlich. Und dieses Gefühl der Einheit ist mit Sicherheit etwas, von dem man sich nur schwer trennen kann, wenn man Abschied nimmt. Das hat nichts mit Ruhm und Erfolg zu tun.

Arte: Stimmt es, dass Sie beim Spielen wirklich einmal von goldenen Schuhen im Publikum abgelenkt wurden?

Anne-Sophie Mutter: Ja! Erst kürzlich ist mir das wieder im Wiener Musikverein passiert. Das Publikum saß mit auf der Bühne und hinter mir fing sich das Licht in diesen schönen italienischen Schuhen mit Strasssteinen.

Arte: Sie wussten, dass es italienische Schuhe waren?

Anne-Sophie Mutter: Als Schuhkennerin könnte ich darauf wetten! Ansonsten liebe ich Publikum auf der Bühne – wenn es sich nicht viel bewegt und möglichst keine interessanten Schuhe trägt.

Lydia Evers

 

Zur Person: Anne-Sophie Mutter

Die Stargeigerin wurde 1963 in Rheinfelden geboren und bekam bereits mit fünf Jahren ihren ersten Geigenunterricht. International bekannt wurde sie in den 1980er Jahren durch Konzerte mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Herbert von Karajan.

 

 

ARTE Highlights

Galakonzert der Berliner Philharmoniker
Konzert
Sonntag, 8.1. | 18.25

Faszination Anne-Sophie Mutter
Porträt
Sonntag, 8.1. | 23.20

Diskografie (Auswahl):

Lichtes Spiel – Time Machines (2011), Dvořák (2013), The Silver Album (2014), The Club Album (2015), Mutterissimo – The Art of Anne-Sophie Mutter (2016)

Kategorien: Januar 2017