Bete, Arbeite und Überlebe

Bis in die 1970er Jahre hinein lebten und litten Abertausende Kinder in westdeutschen Heimen. Die Geschichte der Fürsorgeanstalt Freistatt wurde nun, angelehnt an die Erinnerungen eines ehemaligen Zöglings, verfilmt.

© Hauptarchiv Bethel

© Hauptarchiv Bethel

Oft wurde er gefragt, ob er denn auch schöne Erinnerungen hätte, an jene Zeit in Freistatt. Seine Antwort ist immer: „Nicht eine einzige.“ 16 Monate verbrachte Wolfgang Rosenkötter ab April 1961 in der niedersächsischen Fürsorgeeinrichtung. 16 Monate, in denen der damals 16-Jährige statt christlicher Nächstenliebe Misshandlung erfuhr. 16 Monate, die der Film „Freistatt“ in 98 Minuten aufarbeitet – stellvertretend für das Schicksal der ehemaligen rund 800.000 Heimkinder.

Freistatt, eine kleine Gemeinde im Landkreis Diepholz, war früher „Ersatzzuhause“ für schwer erziehbare Jungen zwischen 14 und 21 Jahren. Jungen wie Wolfgang Rosenkötter. Seine Geschichte ist exemplarisch für viele Kinder, die in den 1950er und 1960er Jahren in deutschen Heimen lebten. Er, Scheidungskind, pendelt zwischen den Eltern, seitdem er fünf ist. „Emotionale Nähe habe ich nie wirklich kennengelernt.“ Mit 15 Jahren schickt ihn das Jugendamt – auf Wunsch seines Vaters – das erste Mal in ein Heim, zweimal reißt er aus, zweimal bringt ihn sein Vater zurück. Er kommt in ein strengeres Heim, dort das gleiche Spiel. Am Ende der Kette steht Freistatt, eine Außenstelle der Bodelschwinghschen Anstalten Bethel. Im umliegenden Moor stechen zwischen 1945 und 1975 rund 7.000 Zöglinge Torf für die Diakonie – unbezahlt, tagein, tagaus. Hinzu kommen psychische und physische Gewalt ausgehend nicht nur von den Erziehern, sondern auch von den Kindern selbst. Die Hausordnung war, so beschreibt es die spätere Untersuchung „Endstation Freistatt“, ein wirksames Mittel, um die Zöglinge sozial zu isolieren und eine Atmosphäre des Misstrauens zu schaffen. „Das System war perfide“, bestätigt Wolfgang Rosenkötter. „Sobald einer Mist gebaut hat, wurden auch die anderen bestraft. Die Kollektivstrafen bewirkten, dass wir uns gegenseitig disziplinierten. Solidarität gab es nicht.“ Zweimal versuchte er damals zu fliehen, einmal schaffte er es bis nach Hause. Doch sein Vater glaubte ihm nicht – trotz blutigem Rücken. Zurück in Freistatt folgte die Strafe postwendend: Prügel mit dem Billardstock und drei Wochen Isolationszelle.

Der lange Weg der Aufarbeitung

Rund 3.000 staatliche und kirchliche Heime gab es in der frühen Bundesrepublik. Oft abgeschiedene Orte, in denen die erzieherischen Methoden des Nationalsozialismus weiterlebten und größtenteils unausgebildete Erzieher die repressive „schwarze Pädagogik“ praktizierten. Erst die „Heimkampagne“ der Außerparlamentarischen Opposition setzt ab Mitte der 1960er Jahren einen allmählichen Wandel in Gang. Wolfgang Rosenkötters Zeit im Heim endet 1962. Psychisch und physisch kaputt, ohne Schulabschluss, mit fünf D-Mark und einem Busfahrschein in der Tasche kehrt er zurück in seine Heimatstadt Bielefeld. Seinen Vater sieht er nur einmal kurz vor dessen Tod wieder. „Er war es, der mich abgeschoben hat. Ich konnte ihm nicht verzeihen.“

Freistatt, etwa vier Jahrzehnte später: Rüdiger Scholz wird von der Bethel’schen Vergangenheit, wie er sagt, kalt erwischt. Als er 2005 seine Stelle als Leiter der Kinder- und Jugendhilfe antritt, steht die Veröffentlichung von „Schläge im Namen des Herrn“ kurz bevor, jenem Buch, in dem Autor Peter Wensierski erstmals detailliert von Kindesmisshandlungen in deutschen Heimen berichtet. „Auf einmal wechselte der Fokus von der Zukunft auf die Vergangenheit“, erinnert sich Scholz. „Sich dem zu stellen, war für uns jedoch der einzig richtige Weg.“ Das Buch brachte einen Stein ins Rollen, der viele der ehemaligen Zöglinge und Anstalten erfasste.

Auch Wolfgang Rosenkötter holen seine Erinnerungen in dieser Zeit wieder ein. All die Jahre über hatte er sie aus Selbstschutz und Scham verdrängt, weder engsten Verwandten noch Freunden je davon erzählt – von der ununterbrochenen Angst, dem Druck, den Erniedrigungen. Dann lädt ihn die Diakonie Freistatt zu einer Lesung Wensierskis ein, und eines kommt zum andern: das Zusammentreffen mit Rüdiger Scholz und die Ernennung zur Vertrauensperson für die Jugendlichen im Heim, die späte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und am Ende das Kennenlernen von Marc Brummund, dem Regisseur von „Freistatt“. Für Wolfgang Rosenkötter beginnt damals, so drückt er es aus, sein drittes Leben – das beste bisher.

Nach 130 Filmgesprächen und Reisen bis nach Singapur kann er mit dem Erlebten gut umgehen. Mit Abstrichen. „Wir alle sind traumatisiert. Es gibt Dinge, die werden mich immer wieder einholen.“ Entscheidend aber ist: Ihm wird endlich geglaubt. Der letzte wichtige Schritt hierfür war 2014 der Einblick in seine Akte: „Es war der finale Beweis, dass meine Erinnerungen keine Fantasie sind.“

Jessika Knauer

 

 

ARTE Highlight

Regisseur und Drehbuchautor Marc Brummund, 1970 in Diepholz geboren, erfuhr durch das Buch „Schläge im Namen des Herren“ von der Geschichte der Freistätter Heimkinder. Sein Spielfilmdebüt soll ihnen eine Stimme geben.

Freistatt
Drama
Freitag, 20.01. | 20.15

Kategorien: Januar 2017