Als die Musik eintraf

Und wie ist er nun, der Klang? Das Orchester erlebte bereits sein Probendebüt in der Elbphilharmonie. Über den Zauber des Anfangs.

@ Axel Herzig

@ Axel Herzig

Jetzt steht der große Tag kurz bevor. Die Elbphilharmonie öffnet sich ihrem Publikum, über zweitausend Besucher hören das erste Konzert im Großen Saal. Auf dem Programm: ein groß besetzter Orchesterabend, auf der Bühne: das NDR Elbphilharmonie Orchester, das sich der Mitwirkung einer angemessenen Anzahl weltbekannter Gastsolisten versichert hat. Die genaue musikalische Abfolge dieses 11. Januar 2017 – vorab gar nicht bekannt. Spannung ist alles, und brave Konzert-Konvention wäre hier auch überhaupt nicht gefragt. Was an diesem Abend los sein wird: ziemlich ohne Beispiel für die sonst so gelassene Hansestadt. Denn es geht ja um nichts Geringeres als eine überschwängliche, die ewige Vorfreude zum guten Ende bringende Einweihung eines Architektur-Ereignisses, dessen Maßstab längst nicht mehr nur auf Hamburg, sondern eher schon auf die staunende Musikwelt als Ganze zielt.

Keine Frage, für das Konzerthaus an der Elbe und die nervös gespannte Stadt ist es der Tag der Tage. Aber vielleicht doch mit einer Einschränkung. So wichtig nämlich die Eröffnung auch ist, der Ehrenplatz im Kalender der Historie des superlativischen Gebäudes ist nicht ihr allein vorbehalten. Und das liegt daran, dass sie für manche näher Beteiligte bereits „Tag 2“ des Projekts Elbphilharmonie ist. „Tag 1“ aber, das andere große Datum, schon vier Monate vor dem Blitzlichtgewitter der Eröffnung gelegen, war der Termin der allergeheimsten Übergabe des Konzertsaals an die Musiker seines Orchesters: der Tag, als in der Elbphilharmonie die Musik eintraf.

Ein zugiger Spätsommermorgen am Hafen, Anfang September 2016. Das NDR Elbphilharmonie Orchester rückt in Gefechtsstärke vor dem Konzertgebäude an. Ein Sattelschlepper fährt vor, um schweres Gerät wie Kontrabässe, Schlagzeug und Harfen in das Konzerthaus zu liefern. Noten für variabelste Besetzungen sind im Gepäck, man will für alle Eventualitäten der ersten Begegnung gerüstet sein. Harte Eingangskontrollen, dann gehen für einhundertundzehn Orchestermusiker die Türen zum Großen Saal auf. Und schon den ersten Blicken zeigt sich – dieser Saal ist nicht etwa noch die erwartete halbe Baustelle. Nein, der in die Mitte des Gebäudes wie eine Herzkammer eingelassene Raum ist wirklich völlig fertiggestellt, bis in alle Details. Viel ungläubiges Staunen, während die Positionen auf der Bühne eingenommen werden. Chefdirigent Thomas Hengelbrock gibt schließlich den Einsatz – und der paukenbewehrte Beginn der 1. Symphonie von Johannes Brahms ist das Erste, was dieser neue Konzertraum zu hören bekommt. Dann aber passiert es: Mit dem Einsetzen der Musik verändert sich nicht nur der Eindruck des Saals vollkommen. In den ersten Momenten, als er den Klang zurückzuspielen beginnt, ist es, als seien trennscharfe Akustik, musikalische Präsenz durch alle Register nichts anderes als das Selbstverständlichste von der Welt. Manchen kommen die Tränen. Das Abenteuer Elbphilharmonie hat begonnen – live und in allen Klangfarben.

Funken wie beim ersten Date

Yasuhisa Toyota, der Akustiker der Konzertsäle in der Elbphilharmonie, hat den ersten Probentag mit ebenso großer Spannung erwartet. Er hat schon im Vorfeld gesagt, für ihn sei dieses Datum dasjenige, an dem sogar er ziemliche Unruhe verspüre. Und er weiß am besten: Damit Tag 2 glatt über die Bühne geht, muss zuerst Tag 1 gelingen. Die Trockenübungen der aufwendigen akustischen Simulationen kann man in diesem Moment, nun ja: komplett vergessen. Nur mit dem realen Orchester im fertiggestellten Konzertraum kann es jetzt die echte Probe aufs Exempel geben. Nach Toyotas Ansicht ist der Saal ja selbst wie ein Instrument zu behandeln, er muss erst einmal eingespielt werden. Andererseits hat der Raum beim first date auch sofort zu funktionieren, es sollte rasch funken in der Beziehung zwischen Orchester und Saal. Wie ist, nach wenigen Viertelstunden, die allererste Wirkung? Transparenz, eine präzise, brillante Auffächerung des Klangs – all das war versprochen, und es sind tatsächlich die spontanen Beschreibungsversuche, über die sich an diesem Tag viele einig werden. Anders formuliert: Hier geht alles, und zugleich geht alles weit darüber hinaus, was Worte so ungreifbaren Angelegenheiten wie Klang und Musik immer anheften wollen.

Es gibt eine Menge musikalisch eindringlicher, unwiederholbarer Momente während dieser Anfangsstunden. Doch nun beginnt eine straffe und minutiös geplante Arbeitsphase. Für das Orchester geht es, neben weiterlaufenden Konzerten und Tourneen, mit einer viermonatigen Einspielzeit im neuen Saal weiter, zu der sogar CD-Aufnahmen gehören. Dass sich das Residenzorchester des neuen Konzerthauses so früh mit seiner neuen Wirkungsstätte verbinden darf, ist absolut keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Luxus, für den alle dankbar sind. So kann man nun in kleinteiligster Arbeit zwei musikalische Aspekte verfeinern, die direkt miteinander verbunden sind: das klangliche Feintuning, also die Abstimmung in Bezug auf verschiedene Orchestergrößen, Repertoires, Besetzungen und Positionen auf der Bühne – immer unter Berücksichtigung der guten Anbindung der Musiker untereinander –, und die Erprobung aller Einstellungsmöglichkeiten des Gesamtorchesterklangs, wie er von der Bühne projiziert im Saal ankommen soll. Aus der fulminanten Akustik, die der Raum als Grundlage bietet, gilt es, den für jede Musikform angepassten Klang zu machen. Die technisch hochgerüstete Bühne bietet schon mithilfe der variablen Podesterie eine reiche Auswahl von Optionen an, die sich punktgenau akustisch auswirken. Trial and error: Eine Vielzahl essenzieller Einsichten über die Individualität, über das Wesen dieses Saales ergibt sich nun, indem einfach ausprobiert wird. Eines zeigt sich aber grundsätzlich: dass ab sofort ein in anderer Weise klangkontrollierendes Orchesterspiel verlangt ist, als es die vormalige Heimstätte des Orchesters – der schöne Rechtecksaal der Hamburger Laeiszhalle von 1908 – eingefordert hatte. Hier, in der Elbphilharmonie-Arena, deren Anlage mit den Musikern in der Saalmitte dem zeitgemäßen „Weinberg-Prinzip“ folgt, ist das Orchester jetzt von seinem bisherigen, traditionell dreiseitig geschlossenen (und manchmal zu engen) Bühnenraum befreit – das Klangbild des Ensembles wird sich verändern, wird sich in Zukunft unbeschränkter, offener aufbauen können.

Der Saal als Allrounder

Die ersten Wochen, die die Musiker im Saal verbringen, zeigen immer wieder das gleiche Bild. Nicht nur Toyota und Hengelbrock gehen an jede noch so entlegene Stelle des Konzertraums, um von allen Rängen aus akustische Details zu prüfen, um zu hören und zu vergleichen. Die einzelnen Orchestermitglieder und -gruppen sind, sobald sie einmal nicht spielen müssen, ebenfalls fortwährend auf Raumpatrouille. Gelungene Performance und gute Akustik bedingen und kontrollieren sich gegenseitig: Jeder Musiker ist deshalb an den genauen Einzelheiten des Raumklangs interessiert. Während die demokratische Allgemeinheit des Ensembles den Saal erforscht, ist jedenfalls für alle erfahrbar, wie genau die akustische Raumplanung auf den hochkomplexen Sound eingerichtet ist, den so eben nur das Klang-Panorama eines großen Orchesters abstrahlt. Natürlich wird der Saal als Allrounder den unterschiedlichsten Besetzungen gewachsen sein. Aber man kann vermuten, dass er für seine Haupt-Bestimmung, die Orchestermusik, den Hörern die wohl schönsten akustischen Reaktionen, das reichste Klangangebot zurückschickt.

Was sind, während der Monate, als es den Saal fast ganz für sich hatte, für Statements aus dem Orchester heraus zu hören gewesen? Klar, gern zitiert wird immer Leonard Bernstein: „The best acoustics is the best performance!“ Ansonsten: Begeisterung darüber, „wie wunderbar deutlich der Saal spricht“, „wie der Klang überallhin mitgeht – komplett durch alle Etagen“. Und: „Nicht nur Freude, unendlichen Spaß wird das machen, wenn das Publikum in diesen absolut endgültigen Saal reinkommt und wir endlich loslegen.“ Es fällt auch der Satz: „Alles, was wir jetzt machen, ist nichts anderes als die schönste Aufgabe der Welt.“ Ihre Erfüllung also, wenn alles glatt geht, nicht nur eine Menge Arbeit, sondern – „unendlicher Spaß“? Was man bisher so hören konnte: wirklich sehr, sehr wahrscheinlich.

Richard Armbruster

Kategorien: Januar 2017