Verwundert bewundert

Die Franzosen schätzen Angela Merkel als Gegenentwurf zu ihrer eigenen politischen Elite. Wählbar wäre die Kanzlerin für sie dennoch nicht, vermutet Pascale Hugues.

© Jordan Andrew Carter

© Jordan Andrew Carter

Mitte September, Journée du Patrimoine, der Tag der offenen Tür: In der Schlange vor dem Elysée-Palast, diesem Ort der absoluten Macht, steht ein Ehepaar aus der französischen Provinz. Die beiden lassen sich über den Präsidenten aus. Zu lasch, zu passiv, nichts habe François Hollande erreicht – und Frankreich stecke in einer tiefen Krise. Plötzlich fällt der Name Angela Merkel und die Gesichter hellen sich sofort auf. „Angela Merkel, die mag ich!“, sagt der Mann. „Ja, die Deutschen haben Glück“, ergänzt seine Frau. Dann drängeln sie sich in das so elegante Gebäude, das die Franzosen schlicht „le château“, „das Schloss“, nennen.

Schwäbische Hausfrau

Ich frage mich, wie eine Pastorentochter aus der ehemaligen DDR, eine etwas farblose Physikerin ohne besonderen Schneid oder herausragende Eloquenz, eine Frau, deren Äußeres mit dem einer schwäbischen Hausfrau verglichen wird, die Franzosen so begeistern kann. Natürlich kann diese Beliebtheit auf augenfällige Indikatoren zurückgeführt werden: Der deutschen Wirtschaft geht es gut. Die Arbeitslosigkeit, vor allem unter Jugendlichen, liegt weit unter dem Niveau in Frankreich. Und dann die Entscheidung, die Grenzen ihres Landes für Flüchtlinge zu öffnen, diese Entschlossenheit, den Kurs nicht zu ändern – trotz abstürzender Umfragewerte, trotz AfD-Aufwinds, trotz der sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht. Das löst bei den Franzosen Bewunderung aus.

Endlich eine Frau mit Überzeugungen in Europa, wo viele Spitzenpolitiker ihren Kurs beim geringsten Windstoß ändern. Aber was finden die Franzosen über die quantifizierbaren Kriterien hinaus an ihr, die so wenig mit dem zu tun hat, was ihre eigene Führungselite verkörpert? Es ist vermutlich genau das: Angela Merkel ist der Gegenentwurf zum Homo politicus, den die französischen Wähler satt haben. Einfach, höflich, fleißig, ohne jegliche Affären. Unvorstellbar, Angela Merkel auf ihrem Motorroller vor der Wohnung zu ertappen, in der sie gerade ihren Liebhaber besucht hat. Undenkbar, dass ans Licht kommt, sie habe Gelder veruntreut oder ihren Wahlkampf auf dubiose Weise finanziert.

Eine Szene kürzlich im Bundestag sagt darüber mehr aus als alle Analysen: Die Stimmung ist aufgeheizt. Die AfD hat bei den Wahlen in Meckpomm einen Erfolg eingefahren. Das politische Schachbrett wird von einem Neuling auf den Kopf gestellt, den vor wenigen Monaten noch niemand ernst genommen hat. Als man von Deutschland aus erschrocken den Front National beobachtet und sich ein wenig gefreut hat: nichts davon bei uns, Gott sei Dank!

Im Reichstag liegen die Nerven blank. Nur Angela Merkel lässt sich wie immer nichts anmerken. Eine Abgeordnete hält ernsthaft ihre Rede. Plötzlich schwenkt die Kamera auf die ersten Reihen. Die Kanzlerin steht da, im rosa Blazer, mit dem Rücken zur Rednerin. Sie beugt sich zu Volker Kauder hinunter. Beide sind in eine intensive Unterhaltung vertieft. Plötzlich unterbricht die Stimme des Bundestagspräsidenten die Sitzung: „Frau Bundeskanzlerin und Herr Kollege Kauder.“ Als Zeichen der Missbilligung schüttelt er den Kopf. „Das muss jetzt nicht sein!“ Nach jedem Wort macht er eine Pause, der Oberlehrer, der zwei Schwätzer ermahnt. Der Saal applaudiert. Gehorsam und ohne Erwiderung richtet Angela Merkel sich auf – nur, um das Gespräch in den hinteren Reihen fortzusetzen.

Eine andere Kultur

Die kleine Szene ist symptomatisch für eine politische Kultur, die sich fundamental von der unsrigen unterscheidet. In aller Öffentlichkeit derart einen Semi-Monarchen zu düpieren, ist in Frankreich undenkbar. Die Menschen wählen jene als ihre Volksvertreter, die ihnen ähneln. Angela Merkel ist den Deutschen wie aus dem Gesicht geschnitten. François Hollande gleicht den Franzosen in der Krise. Et voilà, hier die tatsächliche Frage: Wenn sie auf der anderen Rheinseite Angela Merkel so bewundern, würden die Franzosen sie dann folglich auch in ihrem Land wählen? Nichts ist weniger sicher.

 

Zur Person: Pascale Hugues

Pascale Hugues lebt seit mehr als 20 Jahren in Berlin und schreibt unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“ und den „Tagesspiegel“. Zuvor war die gebürtige Straßburgerin Korrespondentin des Magazins „Le Point“, der Zeitung „Libération“ und des Radiosenders BBC World Service. Für „Ruhige Straße in guter Wohnlage. Die Geschichte meiner Nachbarn“ erhielt sie 2014 den Preis des europäischen Buches.

 

ARTE Highlight

Angela Merkel: Die Unerwartete
Dokumentarfilm
Dienstag, 6.12. | 20.15 Uhr

Kategorien: Dezember 2016