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Pleased to meet you

Die Rolling Stones gibt es beinahe so lange wie die kubanische Revolution: seit 1962. Am 25. März 2016 spielte die Band ihr erstes Konzert in Havanna. Regisseur Paul Dugdale hat darüber einen Film gemacht, der nun auf ARTE läuft. Hier erzählt er die Geschichte von „Havana Moon“.

© ddp

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Wer als Filmemacher die Chance bekommt, mit den Rolling Stones zu drehen, dem muss bewusst sein, dass die eigene Arbeit damit in einer Reihe von Werken ausgezeichneter Kollegen stehen wird. Es gibt so viele umwerfende Filme über und mit dieser Band. Natürlich ist das eine Auszeichnung. Aber noch viel mehr eine Herausforderung. Die Sache musst du dann auch bitteschön hinbekommen! Als ich hörte, was die Rolling Stones in Kuba vorhatten, war klar: Dies ist ein einzigartiger, historischer Moment.

Für den Film „Sweet Summer Sun“ über ein Konzert live aus dem Hyde Park hatte ich die Stones 2013 auf gut Glück angeschrieben. Sie meldeten sich tatsächlich, weil ihnen die Idee gefiel. Ich schrieb also ein Konzept und flog zu ihnen nach Philadelphia. Von da an war die Verbindung zu den Stones da, zwar vorwiegend professionell, aber doch eng.

Als wir 2015 dann mit dem Vorschlag kamen, sie nach Kuba zu begleiten, waren sie sofort an Bord. Nach „Sweet Summer Sun“ hatte ich einen weiteren, bislang unveröffentlichten Film mit ihnen gemacht, „90028“ live aus dem Fonda Theatre in Hollywood. Wir hatten also eine gute Basis miteinander.

März 2016: Nur wenige Tage nachdem Barack Obama als erster US-Präsident seit 88 Jahren auf Kuba war, kündigt sich eine der wohl legendärsten Bands der Welt an. Und mit ihr das größte Rockkonzert der Geschichte des Landes.

Die ursprüngliche Idee war, die gesamte Lateinamerika-Tournee im Rahmen der Doku „Olé, Olé, Olé“ zu filmen – mit dem Konzert in Havanna als großem Höhepunkt am Ende. Doch schon bald merkten wir, wie bedeutsam dieses Ereignis auf Kuba werden würde. Das erste Konzert der Rolling Stones auf der Insel. Die erste westliche Rockband auf Kuba. Wir beschlossen, darüber einen eigenen, einen weiteren Film zu machen. Damit war „Havana Moon“ geboren.

Der Auftritt in Havanna war nichts weniger als ein historischer Moment, der sich für mich auch genau so anfühlte. Wie viel mehr noch war er das für die Kubaner, die uns erzählten, wie sehr sie diesem Konzert entgegengefiebert hatten. Es ist kaum vorstellbar, dass für viele die Musik der Stones ihr ganzes Leben lang verboten gewesen ist. Die Band dann in Fleisch und Blut auf kubanischem Boden zu sehen, ist wirklich ein bezeichnendes Erlebnis. Nicht nur für sie persönlich, sondern auch politisch.

Das Equipment der Rolling Stones erreicht Kuba: in 61 Schiffscontainern und einem Flugzeug. Über 100 Menschen sind in die Organisation des Auftritts eingebunden.

Es muss ziemlich nervig sein, auf Schritt und Tritt von einer Kamera verfolgt zu werden. Wir hatten die Rolling Stones auf ihrer gesamten Tour durch Lateinamerika begleitet und nun auch noch nach Kuba. Unsere Aufgabe war es, die ganze Zeit möglichst unsichtbar zu werden und Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ron Wood genau so sein zu lassen, wie sie tatsächlich sind. Und ja, sie sind privat genauso wie auf der Bühne. Das fühlte sich beinahe wie eine Erleichterung für mich an.

Das Zutrauen, das die ganze Band zu unserem Team aufbaute, die Zeit, die sie dem Projekt widmete, war gewaltig. Je größer das Vertrauen zwischen Protagonisten und dem Filmemacher ist, desto intimer werden die Momente, die er einfangen kann.

Einmal traf ich Keith Richards hinter der Bühne. Er spielte auf einem äußerst merkwürdigen Instrument, halb Violine, halb Horn. „So kann ich sowohl bei den Bläsern als auch bei den Streichern mithalteten“, erklärte er mir. Er ist ein echtes Original.

Es ist der 25. März 2016. Rund 450.000 Zuschauer versammeln sich in der Sportanlage Ciudad Deportiva von Havanna. Der Eintritt ist frei. Vor ihnen bauen sich eine 80-Meter-Bühne und sieben Großbildschirme auf. Circa 700.000 weitere Fans verfolgen das Konzert, teils von den Dächern der umliegenden Häuser.

Als die Tore an diesem Abend geöffnet wurden und die Massen einströmten, herrschte eine unglaubliche Atmosphäre. Eine politische Party! Menschen, die gekommen waren, um gute Musik zu hören, aber damit auch Freiheit zu erleben. Es war einfach unglaublich, das aufzusaugen. Das ganze Konzert über blieb die Stimmung wie elektrisiert.

Was mir besonders auffiel, war das Verhalten der Bandmitglieder schon vor dem Auftritt. Da ich nun schon mehrere Wochen mit ihnen unterwegs war, konnte ich einen echten Unterschied ausmachen. Stadt um Stadt hatten sie hinter sich gelassen, Gig für Gig. In Havanna aber machten sie selbst Fotos von sich und von den Fans, um dieses besondere Erlebnis auch für sich festzuhalten.

Keith Richards, Charlie Watts und Ron Wood betreten die Bühne. Dann kommt Mick Jagger. Auf Spanisch ruft er: „Viele Jahre war es schwer, uns hier in Kuba zu hören. Jetzt sind wir da. Die Zeiten ändern sich.“ Der erste Song: „Jumpin’ Jack Flash“. 17 weitere der größten Stones-Hits folgen. Bei „Satisfaction“ drehen alle auf: die Band, aber das Publikum erst recht.

Dieses monumentale Erlebnis dann auch mit Kameras einzufangen, hielt uns mit unseren Kamera- und Soundsystemen ziemlich auf Trab. Meine Monitore hatten wir unterhalb der Bühne aufgebaut – direkt unter Charlie Watts’ Schlagzeug. Was für eine Power! Wenn ich daran zurückdenke, klingeln mir immer noch die Ohren.

Die Stones haben mir oft gesagt, dass sie durchaus stolz sind, so spät in ihrer Karriere noch für derartige Coups zu sorgen, solche Begeisterung auszulösen. „Wer etwas verbietet, macht es eben nur noch verlockender“, scherzen sie. Sie sind Pioniere. Niemand vor ihnen hat jemals eine Rockshow dieser Größe in Kuba hingelegt! Wer weiß, ob das wirklich der Beginn einer neuen Ära dort ist – das wird die Zeit wohl zeigen. Es war zwar nur Rock ’n’ Roll, aber die Kubaner haben es definitiv geliebt!

Protokoll: Shila Meyer-Behjat

 

Arte Highlight

The Rolling Stones: Havana Moon
Konzertfilm
Freitag, 30.12. | 21.50

concert.arte.tv

Kategorien: Dezember 2016