Lasset uns tanzen

Nach „Woyzeck“ und „Anna Karenina“ inszeniert Choreograf Christian Spuck jetzt Verdis Requiem in Zürich. Ein Gespräch.

13 Photo © Anne Gabriel-Jürgens

13 Photo © Anne Gabriel-Jürgens

Eine Stunde hat Christian Spuck Zeit, bevor er wieder losmuss. Der Choreograf steckt mitten in den Proben zu seinem neuesten Projekt: eine große Ballett-Inszenierung von Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“ am Opernhaus Zürich, die am 18.12. auf ARTE ausgestrahlt wird. Über 100 Chorsänger, vier Solisten, 36 Tänzer und etwa 100 Musiker wirken an der Produktion mit. Bis ins kleinste Detail plant Christian Spuck trotzdem nicht. Ein Gespräch über tänzerische Freiheiten, die Suche nach Bildern und seine erste Begegnung mit Verdis Requiem.

Arte: Herr Spuck, wie passen Tanz und Totenmesse zusammen?

Christian Spuck: Wir sind gerade dabei herauszufinden, ob und wie das zusammenpasst

Arte: Sie sind sich nicht sicher?

Christian Spuck: Ich bin mir nie sicher. Man darf sich in meinem Beruf auch nie sicher sein, sonst wird es langweilig. Aber noch einmal zu Ihrer Frage: Tod und Tanz haben ja schon immer miteinander zu tun gehabt, angefangen beim berühmten Totentanz im Mittelalter. Zudem glaube ich, dass der Tanz Emotionen oft viel direkter vermitteln kann als das gesprochene Wort – auch Gefühle, die wir mit dem Tod assoziieren, wie Angst, Trauer oder Schmerz. Hier besteht also durchaus eine enge Verbindung.

Arte: Warum wollten Sie ausgerechnet das Requiem von Giuseppe Verdi inszenieren?

Christian Spuck: Das Werk ist mir zum ersten Mal mit 17 oder 18 Jahren begegnet. Es lief im Radio und ich nahm es mit meinem Kassettenrekorder auf. Damals wusste ich nicht einmal, um welches Stück es sich handelte, aber es hat mich unglaublich beeindruckt. Ich hörte es immer und immer wieder, bis sich die Musik so richtig in mich eingebrannt hatte. Die Idee, das Requiem zu inszenieren, kam aber erst 2013 auf, anlässlich Verdis 200. Geburtstag.

Arte: Sie sagten einmal, Ihr Beruf als Choreograf sei hauptsächlich Mittel zum Zweck, Bilder zu bauen und Geschichten zu erzählen.

Christian Spuck: Für manche Choreografen steht im Vordergrund, Bewegungsabläufe neu zu erfinden oder zu konstruieren. Bei ihnen hat die Form Vorrang vor dem Inhalt. Mich interessiert es, mit Bewegungen und Körpern im Raum Geschichten und Bilder zu erzählen – den Tanz erzählerisch einzusetzen.

Arte: Welche Geschichte erzählen Sie denn mit Verdis Requiem?

Christian Spuck: Beim Requiem war die entscheidende Frage: Wollen wir überhaupt eine Geschichte erzählen, also eine Art Drehbuch schreiben? Darin hätte es beispielsweise um den Tod einer Person gehen können, deren Vergangenheit in getanzten Bildern immer wieder auftaucht. Aber obwohl mich das Geschichtenerzählen normalerweise sehr interessiert, war mir schnell klar, dass ich hier anders an die Sache herangehen wollte.

Arte: Und wie?

Christian Spuck: Für mich ist das Requiem ein bisschen zwiespältig. Einerseits ist die lateinische Liturgie, die Verdi vertonte, sehr angstbehaftet. Die meiste Zeit geht es darum, sich vor dem strafenden Gott zu fürchten. Andererseits hat das Werk etwas unglaublich Menschliches und Tröstendes. Sei das im finalen „Libera Me“, in dem eigentlich schon wieder das Leben gefeiert wird. Oder im „Lacrimosa“, in dem der Mensch von allen vier Solisten musikalisch aufgefangen wird. Das Requiem erzählt von grundlegenden Fragen unseres Daseins: der Angst vor dem Tod, der Angst vor Verlust, der Suche nach Trost und Halt. Und diese Aspekte sollten auch Thema meiner Choreografie sein, losgelöst von einem festen Drehbuch.

Arte: Wie setzt man das tänzerisch um?

Christian Spuck: Letztendlich müssen sich die Tänzer auf der Bühne selbst tanzen. Wir haben lange darüber gesprochen, was ihnen die Themen des Requiems bedeuten, wie sie die Musik wahrnehmen, welche Assoziationen sie in ihnen auslöst. Und je mehr die Tänzer – sei das in Pas de deux oder in Solos – diese Aggregatzustände ihrer Gefühle vermitteln, desto authentischer ist das Ergebnis. Und desto besser funktioniert die Choreografie.

Arte: Das klingt, als sei der individuelle Spielraum der Tänzer sehr groß.

Christian Spuck: Er wird immer größer. Ich poche während der Proben immer wieder darauf, dass mir die Tänzer sagen, was sie mit ihren Bewegungen erzählen und ausdrücken wollen. Ganz viele fangen dann an, das Material zu verändern, es weiterzudenken und zu phrasieren. Es gibt Choreografen, die nicht so arbeiten. Ich gebe den Tänzern gerne diese Freiheit. Würden sie vorgegebenes Schrittmaterial einfach nur wiedergeben, dann wäre die Choreografie schnell dekorativ, ornamental und inhaltsleer.

Arte: Stimmt es eigentlich, dass Sie Ihr Publikum gerne irritieren?

Christian Spuck: Es kommt mir bei einer Inszenierung nicht darauf an, absichtlich zu provozieren oder zu irritieren. Ich suche nach Bildern, die für mich zur Musik passen. Manchmal entstehen dann Momente, in denen Bewegungsabläufe und Musik nicht gleichförmig oder sogar gegeneinander laufen. Und das wiederum kann zu einem unerwarteten Bruch führen, der möglicherweise irritiert. Aber so entsteht eben auch Spannung. Und die erzählt etwas.

Arte: Ist dann eine „freie“ Inszenierung des Requiems schwieriger umzusetzen als beispielsweise „Romeo und Julia“?

Christian Spuck: Bei einem Handlungsballett wie „Romeo und Julia“ gibt es klare Figuren, die im Laufe des Stücks eine Wandlung durchmachen. Ich habe also Anhaltspunkte, um das passende Bewegungsmaterial zu finden. Beim Requiem gibt es das alles nicht. Die Tänzer und ich müssen herausfinden, was die Musik erzählt. Und dieser Prozess ist für mich eine einzige Suche. Jeden Tag stellen sich mehr Fragen als Antworten. Das bringt einerseits immer Zweifel mit sich, andererseits ist es auch wunderschön: Bilder und Bewegungen für diese fantastische Musik zu finden

Lydia Evers

 

Zur Person: Christian Spuck

Der 1969 in Marburg geborene Choreograf absolvierte eine Ausbildung zum klassischen und modernen Tänzer und ist seit 1996 als Choreograf tätig. Seit Beginn der Spielzeit 2012/13 agiert Spuck als Direktor des Balletts Zürich und inszenierte dort unter anderem „Romeo und Julia“ und „Woyzeck“.

 

Arte Highlight

Libera me
Tanz
Sonntag, 18.12. | 23.05

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Kategorien: Dezember 2016