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Kapriolen im Kopf

Wissenschaftler entschlüsseln immer mehr, wie der Mensch sich erinnert. Sie entdecken, wie sehr wir uns dabei irren – und manipulieren lassen.

© Julian Geiser

© Julia Geiser

Samstagnachmittag in einer Fußgängerzone. Es ist voll, es wimmelt. In meinem Blickfeld: bunte Einkaufstüten, Beine in Jeans oder Strumpfhosen, manche schlendern, viele hetzen. Ich bin zu diesem Zeitpunkt viereinhalb Jahre alt und werde im nächsten Moment meine Eltern verlieren. Erst Stunden später sehe ich sie wieder. Auf der Polizeiwache. Was sich wie eine Furche in meine Erinnerung gefräst hat, bringt nun, Jahrzehnte später, ein Gespräch mit Elizabeth Loftus ins Wanken. Die Psychologin an der University of California ist Expertin auf dem Gebiet der Erinnerung – oder besser: der falschen Erinnerung. Für ein Experiment hatte sie Probanden nach genau einem solchen Nachmittag befragt, an dem sie ihren Eltern verloren gegangen waren. Tatsächlich war jedoch keinem der Anwesenden Derartiges passiert. Trotzdem erzählte ein Viertel ausführlich davon. Loftus versuchte es auch mit weniger traumatischen Vorfällen: Sie zeigte Studienteilnehmern Fotos einer Ballonfahrt. Mehr als die Hälfte führte in schillernden Farben aus, wie sich der Flug ereignete. Nur: Die Fahrt hatte es so nie gegeben, die Fotos waren von Loftus und ihrem Team zusammenmontiert worden. „Wir können eigentlich bei keiner unserer Erinnerungen davon ausgehen, dass sie sich genauso zugetragen hat, wie wir sie hervorholen“, resümiert Loftus. Die Erinnerung, die uns formt, uns ausmacht – eine einzige Erfindung? Zumindest ist sie nicht verlässlich und kann zum Opfer von Manipulationen werden, meint Loftus, die seit den 1970er Jahren daran forscht. „Die Erinnerung ist eben kein Videorekorder, sondern eher vergleichbar mit dem Online-Lexikon Wikipedia“, erklärt sie. „Wir können Erinnerungen anlegen und editieren. Das können andere allerdings auch.“

Umschlagplatz im Kopf

Im Gehirn ist der Prozess des Erinnerns hochkomplex – und ebenso faszinierend. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es jenes autobiografische oder episodische Gedächtnis ist, das nur der Mensch aufweisen kann. Es ist die höchste Form der Gehirnleistung und entwickelt sich als allerletzte, ab circa drei Jahren. Bei der Erinnerung strömen Eindrücke der Sinne gemeinsam mit Gefühlen auf uns ein. Wie alle Informationen werden sie im Hippocampus, einem regelrechten Umschlagplatz im Kopf, aufgefangen und zur Verarbeitung weitergeleitet. Die emotionale Färbung eines Erlebnisses „glücklich“, „ängstlich“, „erstaunt“ setzt sich im Mandelkern fest, der Amygdala, die auf jeder Seite des Gehirns vorhanden ist. Zwischen diesem Speicherort und dem Hippocampus gibt es eine direkte Verbindung. Doch nicht nur die Gefühle sind entscheidend. „Einfluss auf die Realitätstreue einer Erinnerung haben auch frühere Erlebnisse sowie unsere individuelle Persönlichkeit“, erklärt Hans Markowitsch von der Universität Bielefeld. Erleben zwei Menschen denselben Unfall, kann die Erinnerung daran später völlig unterschiedlich sein. Wer stressresistent ist, wird anders daran zurückdenken als jemand, der bereits Traumatisches erlebt hat.

Der Authentizität der Erinnerung schadet später dann auch das mehrfache Abrufen. „Weil die persönlichen Erinnerungen eben immer mit Emotionen verbunden sind, wurden sie komplex abgespeichert. Und natürlich verlangen sie auch mehr Hirn, um sie wieder hervorzuholen. Das macht sie dann jedoch labil,“ erklärt Markowitsch, der häufig hinzugezogen wird, um Zeugenaussagen vor Gericht zu überprüfen. Die ständige Wiedergabe macht Berichte – von Augenzeugen etwa – nicht glaubwürdiger, im Gegenteil: Wer sich erinnert, holt die Information wieder hervor, macht sie in diesem Moment jedoch angreifbar. Denn das Gehirn muss sie danach wieder neu abspeichern. Je nach hinzugewonnenen Details, einem anderen Gemütszustand oder dem Einfluss anderer Personen kann sich die Erinnerung so verändern. „Bisweilen wissen wir zwar, dass sich etwas verändert hat. Wenn wir zum Beispiel bei einer Erzählung übertrieben haben. Aber was, das gerät immer mehr in den Hintergrund, bis es ganz verschwindet.“

Dass Erinnerungen nicht nur abwandelbar sind, sondern komplett erfunden werden können, hat Elizabeth Loftus aufgezeigt. Jedes Mal hatte sie mit den Teilnehmern erst über wahre Begebenheiten aus der Vergangenheit gesprochen, dann die falsche Erinnerung eingeschleust. „Besonders störanfällig sind natürlich Kindheitserinnerungen. Aber ich könnte auch etwas abändern, was Sie letzte Woche erlebt haben.“ Eine verstörende Erkenntnis. Warum lassen wir uns so manipulieren? „Das Ergebnis der Evolution: Für unser Selbstbild ist es wichtig, dass alles zusammenpasst“, so Hans Markowitsch. „Das Gehirn macht insofern nur seine Arbeit.“ Die Entdeckung der Fragilität der Erinnerung haben sich Wissenschaftler bereits zunutze gemacht, um Traumapatienten zu behandeln. Im Moment des schmerzhaften Rückblicks bekamen diese einen Betablocker verabreicht, um das Aufkommen von Angst oder Panik zu verhindern. Erlebnis und Emotion werden so entkoppelt – und die Information neutral neu abgespeichert. Elizabeth Loftus nennt Erinnerungen „kostbar, aber besonders zerbrechlich“. Um ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, brauche es faktische Bezugsquellen. Ein Tagebuch etwa. Loftus hat es immer geführt. Es überstand sogar einen Brand ihres Elternhauses. Und liefert ihr bis heute Unschätzbares: wahre Erinnerungen.

Shila Meyer-Behjat

 

Arte Highlight

Erinnerungen: Wie wir uns irren
Wissenschaftsdoku
Samstag, 10.12. | 22.00

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Kategorien: Dezember 2016