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Ein kleiner Großer

Muttersohn, Moralist und Modernisierer: Schriftsteller Erich Kästner war als facettenreicher Virtuose im Spiel mit neuen Medien seiner Zeit weit voraus. Heute würde er wohl Snapchat nutzen.

Keystone Hedwig © Roslavlev

Keystone Hedwig © Roslavlev

Erich Kästner galt stets als Gebrauchs-, ja Unterhaltungsschriftsteller: eher Gershwin als Bruckner, schrieb Marcel Reich-Ranicki. Ein Autor, der aus Familiengeschichte, Kindheit, dem symbiotischen Verhältnis zu Mutter Ida und dem Leben als Journalist vom Kaiserreich bis zum Ausgang des Zweiten Weltkriegs schöpfte. Mit seinen Kinderbüchern, Unterhaltungsromanen, Gedichten und dem satirischen Roman „Fabian“ (1931) bot Kästner ein als sentimental beschriebenes Register – ein Kinderonkel und Moralist in schwerer Zeit.

Seit der Nachlass für die Forschung offensteht, hat das Werk einige Hürden der Kanonisierung genommen. Dass Kästner nicht nur die Welt der Literatur verändert hat, versteht sich von selbst – anhand der andauernden Auflagen, der Lebendigkeit seiner Kinderliteratur im Druck und im Kino, seiner populärsten Sätze, die sich vom Verfasser gelöst haben („Es gibt nichts Gutes …“).

In der Literaturkritik spielt Kästner nicht in der Liga Brecht, Kafka, Mann, Musil, Proust oder Joyce (obwohl Joyce gegenüber dem ersten „Ulysses“-Übersetzer meinte: „Scheint ein netter Kerl zu sein“). Auch wenn kaum jemand in Kästner den Avantgardisten sehen wird, gehört er doch mehr als oft wahrgenommen zur frühen Moderne. Das ist nicht nur eine Frage der Motive – Angestellte, Tippfräuleins, die bunten Oberflächen der Städte und ihrer Vergnügungsviertel finden sich ähnlich bei anderen Vertretern der Neuen Sachlichkeit. Bei keinem aber gibt es eine vergleichbare Virtuosität im Umgang mit den Neuen Medien der Zeit. Kästner war stets ein Autor der Multimedialität: Er begann als produktiver Journalist, schrieb eines der ersten Hörspiele („Leben in dieser Zeit“, 1929), für das er bereits veröffentlichte Lyrik einsetzte. Und: Kästner war einer der wenigen, die ihre Stoffe für die Kinoleinwand selbst adaptierten, Originaldrehbücher entwickelten und Drehbücher auf der Grundlage fremder Stoffe schrieben – schon seit der Weimarer Republik. Kästner blieb medial in Bewegung und würde heute, als 117-Jähriger, seine Stoffe wohl für neue Online-Medien adaptieren, Twitter oder Snapchat nutzen.

Selbstreflexive Momente

Wie sehr er sich von seinen Alterskollegen gelöst hatte, zeigt auch die Internationalisierung der letzten Bücher. Hier hatte jemand aus dem Alltag in der Diktatur gelernt und wollte um jeden Preis eine bessere politische Zukunft für Kinder – und Erwachsene. Die Artisten in „Der Kleine Mann“ tingeln selbstverständlich durch ganz Europa, der winzige Protagonist geht in italienische, französische, deutsche und norwegische Schulen, spricht bald auch noch Holländisch, Schwedisch und Dänisch.

Kästners Werk ist voller Spiegel, Doppelgängerfiguren, verschachtelter Erzählerpositionen und direkter Leser-Anreden. Ein Spiel auch mit autobiografischen Anteilen: Neben den bekannten Kästner tritt eine Kunstfigur voller Untiefen und Risse. Die Texte kommen aber so entspannt daher, dass sie für ein großes Publikum zugänglich bleiben. Eine offensichtlich autobiografische Ebene gibt es in den beiden letzten Kinderromanen, den „Kleiner Mann“-Büchern. Neben vielen empirischen Details stecken sie voller Alter Egos zu verschiedenen Lebensphasen; Kästner schrieb sich als Autor der Gegenwart, der 1960er Jahre, ein, als jüngeren, aber schon lebensweisen Jokus, als den Schüler-Musterknabe Jakob Hurtig und als den kleinen Außenseiter Mäxchen Pichelsteiner. Er war bekanntlich ein „kleiner Mann“, was die Körpergröße angeht; vom „kleinen Erich“ ist in seinen Erinnerungen die Rede. Er stilisierte sich stets zum Kleinbürger, seine Protagonisten entsprechend als Durchschnittsbürger, angefangen mit Kurt Schmidt im Hörwerk „Leben in dieser Zeit“. Tatsächlich haderte er jedoch als Bohemien ein Leben lang mit seiner Herkunft.

Das Staunen und Lachen funktioniert bis in die späten Kinderromane Kästners, in denen er zum Teil offen, zum Teil versteckt auf seine Zeit, seine Umwelt und auch auf die Literatur Jüngerer reagierte. Die beiden letzten Romane führen vor, wie ein Individuum, das „anders“ ist, sich selbst annehmen kann – und damit sogar besonderen Erfolg hat: „Lernt schwimmen!“ war schon im „Fabian“ seine Aufforderung an die Menschheit.

Sven Hanuschek

 

Arte Highlights

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Komödie
Freitag, 30.12. | 20.15

Erich Kästner – das andere ich
Porträt
Samstag, 31.12. | 16.50

Kategorien: Dezember 2016