Die Grenzenlose

In Olivier Assayas’ „Die Wolken von Sils Maria“ spielt Juliette Binoche eine Filmdiva, die sich zwischen Spiel und Wirklichkeit verliert. Ein Porträt.

© Frank Perrin

© Frank Perrin

Juliette Binoche hat zwei Gesichter. Und in der Regel zeigt sie beide während eines Interviews. Das erste wirkt eingeschüchtert, melancholisch, ihre braunen Augen verlieren ihren Glanz. Sie setzt dann schon mal eine Sonnenbrille auf, auch wenn das Tageslicht nicht besonders grell ist, oder sie zieht den Kragen eines Rollkragenpullovers hoch bis zum Kinn. Diese Variante von Juliette Binoche steht auch am Anfang von „Die Wolken von Sils Maria“. Die 52-Jährige war es selbst, die die Idee für das versponnene Drama über eine alternde Schauspielerin hatte. Sie kontaktierte Regisseur Olivier Assayas, weil sie einen Film über den „emotionalen und mentalen Preis“ machen wollte, den ein Schauspieler zu zahlen hat.

Verzweiflung im Repertoire

So wirkt die Pariserin auch in solchen Momenten – wie jemand, der sich zutiefst verausgabt hat. Das ist beinahe Programm bei ihr: „Als Schauspielerin möchtest du immer Bereiche betreten, die du noch nie zuvor erlebt hast. Du willst wissen, wie sich das anfühlt. Und wenn du dich in deine eigenen Ängste vorwagst, ist das eine enorm befreiende Erfahrung.“

Leicht ironisch spricht sie über ihr Rollenrepertoire, in dem „verzweifelte Frauen“ eine Konstante darstellen – ob in ihrer oscargekrönten Rolle als Krankenschwester in „Der englische Patient“, die geliebte Menschen verliert, ob als psychisch zerrüttete Bildhauerin Camille Claudel oder als Chilenin, die in „69 Tage Hoffnung“ erlebt, wie ihr Bruder bei einem Minenunglück verschüttet wird, oder eben auch in „Die Wolken von Sils Maria“, wo ihre Figur von den Ansichten ihrer jungen Assistentin (Kristen Stewart) und von denen ihrer Ko-Darstellerin (Chloe Moretz) in den Grundfesten erschüttert wird. Die Präferenz für solche Rollen spiegelt eine grundsätzliche Philosophie wider: „Wir sind alle verzweifelt, nur nicht jeder erkennt das. Wir wissen nicht, warum wir hier sind. Wir werden eines Tages sterben. Wir sind die ganze Zeit damit beschäftigt, zu überleben.“ Und damit fällt ein anderes Stichwort, das Juliette Binoche immer wieder gebraucht. „Wir sind alle Überlebende. Jeder von uns muss sich innerlich verwandeln und seine alten Gewohnheiten abwerfen. Dazu ist es notwendig, einen Punkt zu erreichen, von dem es keine Rückkehr mehr gibt. Das Einzige, was dir dann noch bleibt, ist das Vertrauen, dass es weitergeht. Nur auf diese Weise kannst du dich weiterentwickeln.“

Das ist für sie auch kein bloßes Lippenbekenntnis, sondern wurde schon früh zur konkreten Erfahrung. Als sie vier war, ließen sich ihre Eltern scheiden – sie und ihre Schwester wurden aufs Internat geschickt. Und mit dieser „Welt aus festen Regeln“ kam sie nicht zurecht: „Ich fühlte mich isoliert, musste mir einen Ausweg suchen. Und so entdeckte ich das Reich meiner Fantasie für mich. In den Pausen im Schulhof begann ich, imaginäre Rollen zu spielen. So habe ich überlebt.“

Dieses private Rollenspiel führte schließlich zu Auftritten in Amateurproduktionen. Als sie dann mit 17 auf die Schauspielschule ging, fand sie sich prompt in den rigiden Strukturen nicht zurecht. Denn ihre wahre Schule war der Bereich zwischen Kunst und Leben – auch wenn sie das bis an ihre physischen Grenzen führen sollte. Ihren Durchbruch feierte sie 21-jährig in André Téchinés „Rendez-Vous“ (1985). In dem erotischen Melodram spielt sie eine Schauspielerin, die sich in einer Reihe von Männerbeziehungen selbst zu finden versucht. Ihr selbst hätte der Film fast den Tod gebracht: „Wir drehten bei 20 Grad unter Null, und ich hatte nur einen dünnen Regenmantel an. Erst dachte ich, ich stecke das locker weg. Aber danach bekam ich hohes Fieber, das zwei Wochen lang andauerte.“

Sechs Jahre später sollte die nächste Grenzerfahrung folgen – Leos Carax’ Drama „Die Liebenden von Pont-Neuf“: „Zweieinhalb Jahre lang arbeiteten wir daran, obwohl wir kein Geld hatten. Ich lebte auf der Straße, hätte vergewaltigt oder ermordet werden können. Danach dachte ich mir, ich werde nie wieder einen Film drehen. Ich spielte ernsthaft mit dem Gedanken, nur noch Theater zu machen. Aber mein alter Schauspiellehrer meinte: ‚Das Kino braucht dich.‘“

Die körperlichen Risiken meidet sie seither, aber die extremen emotionalen Erlebnisse sind geblieben. Es ist auch symptomatisch, dass sie sich für „Die Wolken von Sils Maria“ Olivier Assayas auswählte, der seinerzeit das Drehbuch von „Rendez-Vous“ mitverfasst hatte. Juliette Binoches Credo ist es, „Wahrheiten aufzuzeigen, Fragen zu unserer Existenz zu stellen. Und wenn du dich in solche Grenzbereiche vorwagst, dann entdeckst du ganz neue Schichten deines Selbst.“

Das ist für sie zugleich eine spirituelle Erfahrung. Die Schauspielerin glaubt daran, dass der Mensch „eine Beziehung zum Unsichtbaren, zum Kosmos“ braucht, die man nur „über das Herz“ erreicht. Aus diesem Grund interessiert sie sich auch sehr für chinesische Tradition, in der „das Herz und nicht der Verstand“ bestimmend ist.

Aber gerade weil Juliette Binoche eine so enge Beziehung zu ihren eigenen Emotionen hat, ist sie auch imstande, souverän damit umzugehen. Deshalb hat sie eben auch das zweite Gesicht, von dem eingangs die Rede war. Sie mag zunächst hypersensibel wirken, aber dann richtet sie sich auf einmal auf, der Blick leuchtet schelmisch, und in ihr Gesicht tritt ein leichtes Strahlen. Sobald sich ein passender Anlass bietet, bricht sie in ein herzhaftes, erdiges Lachen aus – und das mehrfach im Lauf des Gesprächs. Sie mag sich in „furchterregende Bereiche der Psyche“ vorwagen, aber: „Ich kann das ertragen, weil ich weiß, dass am Schluss ein Gefühl der Erlösung auf mich wartet.“ Der Trip ins Unbekannte ist gleichermaßen ein genussvolles Abenteuer. Dazu passt es, dass sie vor drei Jahren spontan mit einem Freund eine Fahrt in die Antarktis unternahm. Zwar hörte sie Warnungen von gefährlichen Stürmen, aber sie schickte einfach bei der Umrundung von Kap Horn „alle guten Gedanken los“. Ein beschauliches Schweizer Bergidyll wie Sils Maria wäre dagegen nicht ihr Fall, wie sie gesteht.

Ein Unkonventionelles Leben

Kreativ lässt sie sich ebenfalls auf abenteuerliche Projekte ein, die man ihr nicht zutrauen möchte – ob Gareth Edwards’ Monsterfilm „Godzilla“ oder die 2017 startende Manga-Adaption „Ghost in the Shell“ unter der Regie von Rupert Sanders.

Mit ihrer Entdeckungslust lässt sie sich auch nicht von den Konventionen eines bürgerlichen Lebens vereinnahmen. Ihre beiden Kinder von zwei verschiedenen Vätern zog sie alleine auf, ohne sich aber dafür in ihrer kreativen Arbeit einzuschränken: „Ich gebe zu, dass ich Schuldgefühle hatte, weil ich nicht immer für sie da war. Aber ich war nun mal eine Mutter, mit der sie viele Begegnungen mit spannenden Leuten erleben durften. Und ich habe ihnen Freiraum gegeben.“ Klassischen Beziehungen, konservativen Strukturen wie etwa einer Heirat, steht Juliette Binoche eher skeptisch gegenüber: „Das Gefühl, festzustecken, kann ich nicht ertragen. Wobei ich nichts gegen ein gemeinsames Leben voller Ehrlichkeit und Liebe habe, aber das erfordert dann Weisheit und Erfahrung.“

Rüdiger Sturm

 

Arte Soirée

Ein Abend mit Olivier Assayas

Die Wolken von Sils Maria
Drama
Mittwoch, 21.12. | 20.15

Irma Vep
Drama
Mittwoch, 21.12. | 22.15

cinema.arte.tv

Kategorien: Dezember 2016