Schreiben, um zu leben

Er war zerrissen, süchtig nach Morphium und Alkohol. Doch die größte Sucht, das Schreiben, hielt Hans Fallada zusammen. Bis zum letzten Buch.

© Antonia Hrastar

© Antonia Hrastar

„Alles in meinem Leben endet in einem Buch“, sagte Hans Fallada einst. Und so beschloss der große deutsche Schriftsteller sein Leben auch mit einem fulminanten Werk, einem Akt der Schreibwut und des Exzesses: In nur knapp vier Wochen schrieb Hans Fallada, mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen, die 866 Typoskriptseiten seines letzten Romans „Jeder stirbt für sich allein“.

Die Geschichte des Ehepaars Quangel, das im Berlin der 1940er Jahre anonym Flugblätter mit antifaschistischen Botschaften verteilte, beruht auf der wahren Begebenheit rund um Otto und Elise Hampel, die für ihren stillen Protest mit dem Leben bezahlen mussten. Fallada hatte die Prozessakten zu dem Fall vom Präsidenten des Kulturbundes der DDR, Johannes R. Becher, erhalten. Am 24. November 1946 schickte Fallada die Abschrift seines Manuskripts an den Berliner Aufbau Verlag. Nur zwei Monate später starb der vom Leben gezeichnete Schriftsteller an Herzversagen – allein, in Berlin.

Ungehobelt, ungeschliffen

Wie kein anderer Autor dieser Zeit verstand es Fallada, die Lebens- und Mundart der damaligen Bewohner Berlins einzufangen. Und auch wenn er nicht immer faktentreu war, gelang es ihm, stets beobachtend, seine Umwelt authentisch abzubilden. Das rasante Tempo, mit dem Fallada sein Leben lebte, seine Sucht nach Alkohol und Morphium, die bedrohte Existenz in Zeiten der Weltwirtschaftskrise, seine Aufenthalte in Nervenheilanstalten und Gefängnissen – all das findet sich in seinen Romanen wie „Kleiner Mann – was nun?“, „Der Trinker“ oder „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ wieder.

Im Deutschland der Nachkriegszeit wollten Persönlichkeiten wie Johannes R. Becher, der geistige Gründer des Aufbau Verlags, das Land mit Autoren, die nicht ins Exil gegangen waren, „kulturell erneuern“. Doch Fallada lehnte zunächst ab: „Er selbst habe sich im großen Strom mittreiben lassen und wolle nicht besser erscheinen, als er gewesen war“, heißt es im Nachwort der Neuausgabe von „Jeder stirbt für sich allein“ aus dem Jahr 2011. Dann entschied er sich, doch zu schreiben, und lieferte den ersten in Deutschland verfassten Widerstandsroman der Nachkriegszeit ab. Paul Wiegler, der damalige Lektor des Aufbau Verlags, bearbeitete den Text jedoch an einigen Stellen laut Nachwort „im Sinne kulturpolitischer Korrektheit“. Diese Änderungen erlebte Hans Fallada nicht mehr.

Erst 60 Jahre später fand der Roman weltweit Anerkennung: 2009 erschien der Text erstmals in der englischen Übersetzung des Dichters Michael Hofmann mit dem Titel „Alone in Berlin“. In Großbritannien wurden über 300.000 Exemplare verkauft. Es folgten Auflagen in mehr als 20 Ländern, zeitweise führte das Buch die Bestsellerliste Israels an. Angesichts dieses späten Erfolgs entschied sich der Aufbau Verlag für eine deutsche Neuauflage und forschte im Archiv nach. Die Überraschung: „Die Urfassung selbst tauchte auf, obwohl sie in keinem Findbuch verzeichnet war“, erzählt die heutige Lektorin Nele Holdack. „Dass das Urtyposkript noch existierte, war bis dahin schlicht nicht bekannt.“

Aus diesem Dokument gingen die handschriftlichen Änderungen Wieglers hervor. Der Lektor hatte aus den Figuren Helden im politischen Sinne gemacht, die nicht mehr die Tiefe hatten, die Fallada für sie vorgesehen hatte. Der ungeschliffene Fallada wurde auf diese Weise sichtbar, das Original. „Seine Botschaft trifft einen in der direkten, sprachlich auch mal ungehobelten oder historisch nicht bis ins Letzte exakten Version umso unmittelbarer“, sagt Holdack.

So schließt Fallada auch dieses letzte Kapitel seines Lebens. Und auch wenn das Schreiben ihn Kraft kostete, war es doch das Einzige, was ihn im Innersten zusammenhielt: „Es muss so sein, es kann nicht anders sein, weil ich der bin, der ich wurde.“

Karoline Nuckel

 

ARTE Highlight

Gelebt für zwei: 1893 in Greifswald geboren, sollte Rudolf Ditzen wie sein Vater Wilhelm Jurist werden. Doch er wollte schreiben und feierte 1932 mit dem Roman „Kleiner Mann – was nun?“ seinen Durchbruch. Das Dokudrama folgt Falladas kreativem Schaffen bis zu seinen letzten Stunden in einer Berliner Klinik, in der der alkohol- und drogenabhängige Autor am 5. Februar 1947 starb.

 

Fallada: Im Rausch des Schreibens
Dokudrama
Mittwoch, 23.11. | 22.30

Kategorien: November 2016