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Ode an die Melancholie

Alain Platel setzt in Gardenia neun alternde Travestiekünstler perfekt in Szene. Ein Glanzstück des Theaters.

ZDF © Axel Schneppat

ZDF © Axel Schneppat

Tränensäcke, Falten und aus der Form geratene Körper: Schmucklos sind sie gealtert und stehen doch auf der Bühne. Die Darsteller aus Alain Platels Stück „Gardenia“. Gemeinsam mit Regisseur Frank Van Laecke hat der belgische Choreograf darin eine Gruppe von Travestiekünstlern und Transsexuellen versammelt – alle zwischen 60 und 70. Ein letztes Mal, so der theatrale Rahmen, treten die in die Jahre gekommenen Darsteller in einer großen Revue auf. Mit Schminke und Seidenstrümpfen, Pumps und Perücken verwandeln sich neun unauffällige ältere Herren im Stückverlauf in schillernde Diven: glamourös und sexy, selbstbewusst und stolz. Getragen von der schlichten Melodie aus Ravels „Bolero“, verweisen sie nur mit Gesten und Posen auf ihr (Bühnen-)Leben, ihre schillernde Vergangenheit. „Gardenia“ erzählt von Geschlechteridentitäten, dem persönlichen Recht, ganz man (oder frau) selbst zu sein, und vor allem vom Alter und Älterwerden. Es ist ein nachdenkliches, melancholisches und zugleich heiteres Stück. Eines, das die Kunst zum Thema macht und die Prostitution, das Leben und die allgegenwärtige Vergänglichkeit. Nach seiner Premiere am 25. Juni 2010 im belgischen Gent war es mit mehr als 200 Vorstellungen in 25 Ländern zu sehen.

In der Regie des außergewöhnlichen Theatermanns Alain Platel bleibt dieses Stück fern von Klischees, obwohl es sie benutzt – und benutzen muss. Seine Darsteller sind authentisch, verletzlich, liebenswert. Er stellt sie auf die Bühne, ohne sie auszustellen, ohne den Kitsch der Betroffenheit, ohne die gierige Jagd nach dem Exotischen. „In ‚Gardenia‘ spiele ich nicht, ich bin ich selbst“, bemerkt einer der Männer in Thomas Wallners Dokumentarfilm über das Stück. Ein Satz, der viel über Platels Arbeitsweise aussagt. Denn kaum einem Choreografen gelingt es, die Authentizität und Würde seiner Performer so achtsam zu bewahren, wie ihm.

Die Realität ist Teil des Spiels

Auf Umwegen, als Autodidakt kam der Belgier zum Theater. Nach einer Ausbildung zum Heilpädagogen gründete er 1984 die „Compagnie Les Ballets C. de la B.“ in Gent. Seither vereint er in seinen vielfach ausgezeichneten Arbeiten Theater, Tanz und Musik zu berührenden Gesellschaftsstudien, beschäftigt sich oftmals mit Menschen am Rande der Gesellschaft. Für ihn sind es „ganz ,normale‘ Menschen, die zu Zeugen von Grenzsituationen werden, die eigentlich jeder kennt und erlebt“.

Die Verbindung von Schönem und Hässlichem, genauso wie die Musik als Ausgangspunkt, sind wiederkehrende Motive in Platels Arbeiten: ob in „Wolf“ (2003), dem Mozart-Projekt, das sich in einer Vorort-Shoppingmall voller Hunde, Sex und Karaoke abspielt, in „Tauberbach“ (2014), das – basierend auf einem Chorprojekt mit Gehörlosen – eine Müllhalde voller animalischer Menschenwesen zum Schauplatz hat, oder in seiner aktuellen Arbeit „Nicht schlafen“, einer losen Szenenfolge zur Krise einer Epoche, basierend auf der Musik von Gustav Mahler – Pferdekadaver inklusive. Immer ist es sehr körperliches (Tanz-)Theater, rau und zärtlich zugleich. Die herbe Realität ist selbstverständlich Teil des Spiels.

Mit seinem Dokumentarfilm „Gardenia – Bevor der letzte Vorhang fällt“ öffnet Thomas Wallner den Raum hinter Platels Inszenierung. Der Filmemacher trifft die Darsteller nach ihrer Rückkehr von der zweijährigen, glamourösen Welttournee, porträtiert ihr privates, weit stilleres Leben und ergänzt so die Theaterperformance um ihren realen Kontext. „Auf manchmal schmerzhafte Weise legt der Dokumentarfilm jene Details offen“, bemerkt Platel, „die wir während der mehr als 200 Theateraufführungen nicht zeigen konnten. Ich liebe den Film, weil er – zusammen mit der Performance selbst – das Bild einiger Darsteller vervollständigt. Aber der Film ist zugleich auch ein eigenständiges, ganz wunderbares Kunstwerk.“

Katrin Ullmann

 

Zur Person

Alain Platel

Der Choreograf und Regisseur Alain Platel wurde 1956 in Gent geboren. Er arbeitete zunächst als Therapeut und Heilpädagoge mit behinderten Kindern am Krankenhaus von Armentières, bevor er Theaterwissenschaften und Schauspiel studierte. 1984 gründete er die Kompanie „Les Ballets C. de la B.“ in Gent. Platels Arbeiten sind weltweit zu sehen und wurden vielfach ausgezeichnet.

 

ARTE Highlight

GARDENIA – bevor der letzte Vorhang fällt
Dokumentarfilm
Donnerstag, 3.11. | 23.45

Kategorien: November 2016