Neid. Ehrgeiz und die Kunst

Schöpferische Höhenflüge und menschliche Triebkräfte – Die großen Künstlerduelle zeigen das Zusammenspiel kreativer Widersacher.

© 3B-Produktion / WENDEVARGA

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Zwei schöpferische Geister, eng verbunden und doch getrieben von erbitterter Rivalität – das ist weit mehr als der Stoff für gute Geschichten. Sehr wahrscheinlich ist: Ohne ihre Gegenspieler hätten große Künstler einige ihrer Schlüsselwerke nicht vollbracht, die Geschichte wäre eine andere gewesen. Dieses brisante Wechselspiel kreativer Widersacher zieht sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Epochen.

ARTE beleuchtet in einer aufwendigen Dokureihe, wie kreative Zeitgenossen sich stritten, sabotierten und beharkten – und damit gegenseitig schöpferische Höhenflüge auslösten. So die Renaissance-Genies Michelangelo Buonarroti (1475–1564) und Leonardo da Vinci (1452–1519), die exzentrischen Expressionisten Vincent van Gogh (1853–1890) und Paul Gauguin (1848–1903) sowie Emil Nolde (1857–1956) und Max Liebermann (1847–1935), die ausdrucksstarken Wegbereiter zur Moderne. Ihre Auseinandersetzungen werden zu einem Schaufenster für Geschichten, in denen sich gesellschaftliche Entwicklungen wie unter einem Brennglas verdichten. Durch diese Psychogramme lässt sich die Kunst mit anderen Augen betrachten: Im Fokus stehen Psychodramen und Krisen von Malern, deren Leben nicht isoliert nur vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund, sondern im Kontext ihrer ärgsten Konkurrenten erzählt werden müssen. Drei Zeitreisen in das Seelenleben großer Künstler – und ihrer größten Konkurrenten.

Michelangelo &  da Vinci

Florenz, 1503: Leonardo da Vinci beherrscht die städtische Kunstszene. Für die wohlhabende und aufstrebende Republik soll er den Palazzo Vecchio, Sitz des Stadtparlaments, ausgestalten. Doch der Großmeister lässt sich in den Augen der Auftraggeber zuviel Zeit. Ein paar Monate später wird deshalb der 23 Jahre jüngere Michelangelo Buonarroti – der gerade mit seiner imposanten David-Skulptur für Aufsehen sorgte – ebenfalls für das Projekt engagiert. Der junge Überflieger soll Leonardo anspornen und im Zweifel ersetzen. Das epochenspezifische Phänomen dazu lautete „Paragone“, Wettstreit der Künste – ein Merkmal der Renaissance und besonders der Republik Florenz, in der sich letztendlich alles um Macht und Politik drehte. Zwei der besten Künstler werden mit dem Doppelauftrag aufeinandergehetzt. Leonardo soll die „Anghiari-Schlacht“, Michelangelo die „Schlacht von Cascina“ als Wandgemälde umsetzen. Leonardo galt schon zu Lebzeiten als berühmtester Universalgelehrter seiner Zeit. Er war außer als Maler auch als Bildhauer, Architekt, Anatom, Mechaniker, Ingenieur und Naturphilosoph tätig. Was passiert also, wenn zwei Multitalente aufeinandertreffen, beide geltungssüchtig und auf den Rang als bester Künstler bedacht? Mit dem Großauftrag im Palazzo Vecchio beginnt ein öffentlich inszeniertes Kopf-an-Kopf-Rennen rivalisierender Giganten. Am Ende gibt es jedoch keinen Gewinner: Das Auftragswerk im Palast bleibt unvollendet, wobei Michelangelo dazu den größeren Anteil lieferte.

Unter dem Strich ist das künstlerische Kräftemessen nach zwei Jahren gescheitert. Leonardo widmet sich vor den Toren von Florenz wieder verstärkt wissenschaftlichen Experimenten, arbeitet weiter an seinen Flugapparaten. Michelangelo folgt höheren Weihen. Er wird von Papst Julius II. nach Rom berufen, um die Sixtinische Kapelle neu zu gestalten. Die Vorstellung der zwei gegeneinander antretenden Maler-Matadore eröffnet auch heute noch neue Perspektiven auf die vermeintlich autonomen Künstler. Für sich genommen schufen sie zeitlose Meisterwerke, doch an einem Gemeinschaftsprojekt versagten sie. Sie waren sich viel ähnlicher als sie selbst dachten und womöglich genau deshalb solch große Konkurrenten.

Van Gogh & Gauguin

Arles, 1888: Vincent van Gogh ist der Erfüllung seines großen Lebenstraums ganz nah: Er mietet das berühmte Gelbe Haus, ein Atelier in Südfrankreich, in dem er mit Gauguin eine zukunftsweisende Künstlerkolonie begründen möchte. Beide wollen die Kunst revolutionieren. Doch es kommt ganz anders: Schon nach neun Wochen endet das Unterfangen katastrophal. Van Goghs sehr idealistische Intention war: das Haus zu einem Refugium für Künstler zu machen, die nicht im lauten, geschäftigen Paris arbeiten, sondern im Licht des Südens neue kreative Ansätze entwickeln wollen. Gauguin, dessen Martinique-Bilder van Gogh bewundert, soll der Erste sein, der ihm Gesellschaft leistet. Van Goghs Bruder Theo ist Kunsthändler und fördert junge Malertalente, darunter Paul Gauguin. Vincent überzeugt seinen Bruder, Gauguin vor Ort in Südfrankreich mit zu finanzieren, dafür soll der Maler ein Bild pro Monat liefern – aufgrund des attraktiven Angebots willigt Gauguin ein. Schließlich will er bald wieder nach Martinique, um sich ein Atelier in den Tropen einzurichten. Für van Gogh ist die Angelegenheit viel emotionaler und nicht nur ein Deal. Van Goghs Malerkollege Paul Gauguin kommt in die Provence, in das Atelier des Südens: 110 Quadratmeter auf zwei Etagen mit zwei Schlafkammern und einem großen Arbeitsraum. Doch wie in anderen Wohngemeinschaften auch kommt es zu Problemen: Van Gogh ist chaotisch, bringt die Arbeitsmaterialien durcheinander und kann keinen Haushalt führen. Gauguin reagiert entsetzt über das Durcheinander, versucht, Ordnung und Struktur in das Gelbe Haus zu bringen. Neben den unterschiedlichen Arbeitsauffassungen diskutieren und streiten die beiden Männer. Es geht um künstlerische Techniken und Vorbilder – und, wie fast immer, um Frauen. Hinzu kommen die unterschiedlichen Arbeitsweisen: Van Gogh will seine Sujets vor Augen haben, draußen sein, für mehr Realismus im Bild. Gauguin hingegen bezieht sich lieber auf seine Erinnerung, arbeitet im Studio, abstrahiert bei der Entwicklung seiner Bildsprache.

Ihre gemeinsame Zeit zählt am Ende zu den produktivsten der Kunstgeschichte: In zwei Monaten gelingen Gauguin 16, van Gogh über 30 Gemälde. Dennoch steigern sich die Spannungen, was auch dadurch befördert wird, dass van Gogh den Abschied Gauguins fürchtet. Inzwischen machen sich bei van Gogh die ersten Anzeichen seiner Krankheit – vermutlich einer Depression – bemerkbar. Die Lage in der klaustrophobischen Künstler-WG eskaliert. Kurze Zeit später hat van Gogh ein Ohr weniger und ein Mythos ist geboren. Was ist geschehen in der Nacht zum 24. Dezember 1888? Darüber streiten sich die Kunsthistoriker noch heute. Hat sich van Gogh selbst verstümmelt oder wurde Gauguin aggressiv? Die fesselnde Geschichte der neun Wochen von Arles ist eine Psychostudie zweier avantgardistischer Autodidakten, die darin vereint waren, sich gegen den damaligen Mainstream zu stellen. 

Liebermann & Nolde

Berlin, 1911: Das Bild, mit dem Emil Nolde die expressionistischen Gemüter erregt, heißt „Pfingsten“ und ist absurd bunt und voll wilder Gesichter. Sogleich urteilt der die zeitgenössische Malerszene dominierende Impressionist Max Liebermann darüber: Dies sei keine Kunst, sondern Schmiererei. Liebermann sorgt als Präsident der Künstlergruppe Berliner Secession dafür, dass Noldes Werk nicht in die Frühjahrsausstellung 1910 gelangt. Noldes Farben und Formen, die völlig widernatürlich sind und nicht der Realität entsprechen, kann er nicht akzeptieren. Impressionist und generell Künstler zu sein, heißt für Liebermann, das malerische Handwerk vom kompositorischen Bildaufbau bis hin zum Mischen der Farben zu beherrschen. Und schon längst hat er begriffen, dass ihm der unangepasste Nolde zur Gefahr werden könnte.

Liebermann stammt aus wohlhabenden Verhältnissen, baut seine Vormachtstellung kontinuierlich aus. Er lehnt alles ab, was nicht seiner Malrichtung entspricht: er, der Alleinherrscher, der über Aufstieg und Fall von Künstlern entscheiden konnte. Emil Nolde initiiert nach seinem Ausschluss aus der Ausstellung einen öffentlichen Streit: Er verfasst einen Brief, eine Brandschrift, die in der renommierten Kunstzeitschrift „Kunst und Künstler“ veröffentlicht wird. Die „ganze junge Generation“ sei übersatt von Liebermanns Arbeiten, außerdem sei seine Kunst „schwach“ und „kitschig“, schreibt er darin aufgebracht. Liebermann wertet den Brief als offene Kampfansage. Er schließt den aufsässigen Kontrahenten aus der Berliner Secession aus.

Ihren Streit legen die beiden nicht bei, Emil Nolde setzte seinen Stil fort – mit Erfolg. Dabei hätte Liebermann durchaus Sympathien für den 20 Jahre jüngeren Konkurrenten hegen können. Er selbst hatte sich als junger Maler gegen so manche Vorverurteilung behaupten müssen, war härtester Kritik ausgesetzt. Gegen den vom Kaiser geförderten und allgemein verbreiteten Kunstgeschmack des 19. Jahrhunderts, der sich auf edle Heroenbilder eingeschossen hatte, hatte er einige Zeit ebenso unverdrossen wie aussichtslos angemalt. Liebermann verfolgte seine eigene Sicht der Dinge und wandte sich vom Akademismus und von der Kriegsdarstellung ab; konzentrierte sich auf die Darstellung einfacher bäuerlicher Lebens- und Arbeitsweisen und verzichtete auf Bezüge zu Literatur und Geschichte. Das Publikum war schockiert, die Presse nannte ihn einen „Maler des Hässlichen“. Heute gilt Liebermann als Wegbereiter der Moderne. Sein erstes großformatiges Ölgemälde „Die Gänserupferinnen“ hängt als zentrales Werk in der Alten Nationalgalerie Berlin. Auf dem Kunstmarkt ist sein Kontrahent Nolde heute ein Superstar, Auktionshäuser erzielen Höchstpreise für den Einzelkämpfer, der Zeit seines Lebens an sich glaubte. Er beschritt auch dann noch seinen Weg, als im Dritten Reich über 1.000 seiner Werke als „entartete Kunst“ beschlagnahmt wurden. Die Größe, die Genialität und den Stil des jeweils anderen anzuerkennen, hatten weder Max Liebermann noch Emil Nolde. Am Ende ging es bei beiden wohl doch um Stolz und Eitelkeiten.

Carla Susanne Erdmann

 

Hintergrund

Über die Produktion

Aufwendige Animationen im Collagenstil und innovative Kameraführung mit überraschenden visuellen Effekten – die Reihe über die größten Künstlerduelle ist ein echtes Erlebnis. Hinzu kommt die weitreichende Recherche im Austausch mit Forschern und Experten. So kommen spannende neue Erkenntnisse über die Protagonisten der Kunstgeschichte auf den Bildschirm. 

ARTE Highlight

Psychodramen der Kunst: Michelangelo vs. Leonardo, van Gogh vs. Gauguin, Nolde vs. Liebermann – ARTE stellt an drei Sonntagen in Folge die größten Konflikte der Kreativen vor.

 

Die großen Künstlerduelle
Dokureihe
ab Sonntag, 13.11. | 17.35

Kategorien: November 2016