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Mensch, Maschine

Profit und Effizienz bestimmen die Arbeitswelt. Trotz aller Vorkehrungen wird das Individuum dafür weiterhin verbraucht, schreibt die Schauspielerin Isabelle Adjani.

© Jean Jullien für Arte Magazin / Handsome Frank

© Jean Jullien für Arte Magazin / Handsome Frank

Es ist vielleicht der einzig wahre Sinn des Kinos: Es enthüllt und bringt Dinge ans Licht, die ohne es unsichtbar blieben. So auch bei „Rechenschaft“. Der Film konfrontiert uns mit einer dunklen Seite der Realität, die – auch wenn sie sich kaum noch vor den Augen der Öffentlichkeit verstecken kann – monströs bleibt.

Tragödien wie die der France Télécom, bei der zwischen 2008 und 2009 um die 30 Angestellten den Freitod suchten, verstören mich sehr. Ich habe einige Zeit gebraucht, um die Funktionsweise dieses Systems zu verstehen. Es mag drastisch klingen, aber es erinnert mich an ein Arbeitslager in seiner schlimmsten Form. Sei es dokumentarisch oder in der Fiktion: Wir müssen dringend darüber reden!

„Rechenschaft“ ist einer der ersten Spielfilme, der einen Fuß in diese Schlammgrube, diese inakzeptable soziale Realität stellt. Der Film, der auf dem Roman „Les visages écrasés“ von Marin Ledun basiert, thematisiert die Missstände der modernen Arbeitswelt und zeigt, wie die Betriebsärztin Carole Matthieu letztlich selbst unter dem Gewicht von Verantwortung und Machtlosigkeit zusammenbricht.

Unrecht im Recht

Das Phänomen des menschenverachtenden und rein profitorientierten Managements beschränkt sich nicht auf die Geschichten, die wir bereits kennen, wie jene von France Télécom (das heute unter dem Namen „Orange“ firmiert, Anm. der Red.). Es betrifft auch andere Unternehmen, und das nicht nur in Frankreich. Viele Menschen haben uns von harten Managementmethoden berichtet. Die Erfahrungen von Betriebsärztinnen, die wir zusammengetragen haben, waren wie ein Nährboden für die Rolle der Carole Matthieu. Diese Frauen haben fast keine Macht, sie können nichts anderes tun, als die betroffenen Mitarbeiter zu ihrem Allgemeinmediziner zu schicken.

Mit dem Film wollen wir zum Sprachrohr der Betroffenen werden. Und wir wollen die Sensibilität der Menschen wecken. Für ein Problem, das bisweilen als übertrieben abgestempelt wird, das jedoch so, wie wir es darstellen, noch fernab der Realität ist. „Rechenschaft“ enthüllt ein gesichtsloses Monster, eine Welt, die den Einzelnen unsichtbar werden lässt, eine Welt, in der Menschen unter dem Vorwand der Wirtschaftlichkeit ihrer Existenz beraubt werden.

Es ist nahezu verrückt, dass solche Geschichten in einem Land auftreten, in dem es derart viele fundamentale Rechte zum Schutz der Arbeitnehmer gibt. Seien es Vorkehrungen wie Betriebsärzte oder die 35-Stunden-Woche, der Kündigungsschutz oder die Macht der Gewerkschaften: In Frankreich sind Arbeitnehmer besser gestellt als in vielen anderen Ländern, selbst im Vergleich zu den europäischen Nachbarn.

Schmerzhafte Aspekte

Die Rolle der Carole Matthieu ist deshalb interessant, weil sie durch ihr Einfühlungsvermögen selbst auf die Seite der Opfer wechselt. Sie ist halb Erlöserin, halb Todesengel. Um die Situation ertragen zu können, muss sie sich zerreißen. Während sie denkt, den Arbeitern zu helfen, verliert sie sich selbst. Carole ist eine tragische Figur – ein verwundeter Ritter, in einem großen roten Mantel, die blutige Rüstung darunter verhüllt. Genau das ist es, was ein Arbeitnehmer durchleben muss: Er kann noch so sehr kämpfen, er weiß doch um seine Niederlage.

Solche Rollen wirken fast wie eine Zumutung in der Schauspielerei. Aber es geht nicht ohne sie. Mit meiner Arbeit kann ich mich für Menschen einsetzen, egal ob für eine Gruppe oder für einen Einzelnen. Und das schaffe ich nur, wenn ich auch unangenehme Facetten des Lebens interpretiere: die Falle, in der wir stecken. Ich habe es bereits gesagt und sage es wieder: Die Schauspielerei ist nicht nur ein Beruf, sie ist für mich ein Bekenntnis. Die Freude und der Spaß an der Arbeit allein reichen nicht. Ich muss glauben können – ob Illusion oder nicht –, dass meine Arbeit einen Sinn hat.

Isabelle Adjani zählt zu den bekanntesten französischen Schauspielerinnen und wurde mehrfach ausgezeichnet. Allein den César, den wichtigsten Filmpreis Frankreichs, erhielt sie als bisher einzige Darstellerin fünf Mal. Sie stand unter anderem für Roman Polanski, Werner Herzog und François Truffaut vor der Kamera. Für den Film „Rechenschaft“ (Originaltitel „Carole Matthieu“) wirkte Adjani als Hauptdarstellerin und Produzentin.

 

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Freitag, 18.11. | 20.15 Uhr

Kategorien: November 2016