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Die erste Frau im Staat

Bürgerrechtlerin, Feministin, fast Präsidentin: Kaum eine andere First Lady ist heute gegenwärtiger als Eleanor Roosevelt.

© Getty Images

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Gerade zwei Tage hatten Eleanor und Franklin D. Roosevelt das Weiße Haus bezogen, da sorgte die neue First Lady für den ersten Tumult: Sie wolle regelmäßig eine eigene Pressekonferenz abhalten – und dazu nur weibliche Journalisten zulassen. Im Washington der 1930er Jahre eine regelrechte Herausforderung, saßen Mitarbeiterinnen doch, wenn überhaupt, nur in den Vorzimmern. Um „Frauensachen“, „Mädchenthemen“ und die Speiseliste des Weißen Hauses ginge es, war man unter den Männern zunächst überzeugt. Die neu eingestellten Redakteurinnen kamen alsbald jedoch mit Details zu Vorhaben des Präsidenten zurück. Mit Informationen, „an die die Männer nicht herankommen können“, wollte Eleanor Roosevelt sie versorgen, schrieb sie darüber in ihrer Biografie.

60 Jahre später ist es Hillary Clinton, die als Präsidentengattin die Pennsylvania Avenue bezieht. Ihre ersten Momente dort widmet sie dem großen Vorbild: Eleanor Roosevelt. Lebhaft erzählt Clinton in „Living History“, wie sie mit ihrem Idol imaginäre Gespräche geführt, sie in Zeiten von Niederlagen um Rat gefragt habe. Clinton war nicht die erste First Lady, die sich auf die Frauen- und Bürgerrechtlerin bezog. Auch für Betty Ford war Roosevelt viel zitiertes Vorbild gewesen. Und Michelle Obama bezeichnete die große First Lady als Inspiration ihrer Kampagne für gesundes Essen und Bewegung. Wobei: Was die First Kitchen anging, herrschte zu Zeiten Eleanor Roosevelts eher Missmut. Wer eingeladen war, solle sich vorher bereits satt essen, hieß es. Denn: Amerika ächzte unter der Großen Depression und die Hausherrin ließ regional und vor allem günstig servieren – wenn sie da war. Eleanor Roosevelt verfolgte ihre eigene Agenda. Bereits 1921 war der aufstrebende Demokrat Franklin Delano Roosevelt an Polio erkrankt, musste fortan seine Lähmung verheimlichen. Sie war es, die den Namen Roosevelt im Gespräch hielt. Der Nichte des beliebten Ex-Präsidenten Theodore Roosevelt gewährte Washington ohnehin einen Sonderstatuts, selbst als Frau. Ihre Unabhängigkeit speiste sich auch aus einem Deal, den das Paar geschlossen haben soll: Sie willigte trotz seiner Untreue ein, die Ehe aufrechtzuerhalten. Als „Augen und Ohren“ ihres Mannes ließ die gebürtige New Yorkerin sich bezeichnen, wurde für ihn jedoch eine unverzichtbare Beraterin. Sie bereiste das Land, stets mit einer Gruppe von Frauen – Sozialarbeiterinnen, Journalistinnen, Akademikerinnen –, von denen einige gar ihre Geliebten gewesen sein sollen. Die First Lady schrieb eine tägliche Zeitungskolumne, moderierte eine Radioshow. Sie setzte sich für die Belange von Frauen und die Rechte der Schwarzen ein, forderte bessere Arbeitsbedingungen – und eine allgemeine Krankenversicherung, ein Unterfangen, das sich auch Hillary Clinton 1993 als First Lady auf die Fahnen schrieb.

„This is the end“, sagte Eleanor Roosevelt nach dem Tod ihres Mannes. Doch zu Ende war lediglich die Zeit im Weißen Haus. Unter ihrem Mitwirken gelingt der diplomatische Coup: Die Vereinten Nationen verabschieden die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Jedes politisches Amt lehnt Roosevelt jedoch ab: „Lieber würde ich choloroformiert werden.“ Die Partei hatte sie zur Kandidatur gedrängt – als erste Präsidentin der Vereinigten Staaten.

Shila Meyer-Behjat

 

 

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Kategorien: November 2016