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Der Traum vom Titel

Bisher ging es an dieser Stelle stets um unsere französischen Nachbarn. Ab November nimmt sich das ARTE Magazin zum Ausgleich nun auch typisch deutsche Eigenarten vor, etwa: den Doktortitel.

© Martin Haake

© Martin Haake

Statussymbole sind ein faszinierendes Thema. Noch vor wenigen Jahrzehnten war es üblich, das eigene Gebiss mit einem Goldzahn aufzuwerten. Es folgten teure Autos, große Häuser, Reisen in die Ferne. Die wichtigste Prestigeware der Deutschen ist jedoch immateriell, lässt sich nicht bar bezahlen, sondern nur nach jahrelangem Streben erlangen: der Doktortitel.

Streng genommen ist ein Doktorgrad zwar kein Gegenstand wie ein Goldzahn oder ein teures Auto, unsichtbar ist er trotzdem nicht – nicht bei den Deutschen. Ein Spaziergang durch eine deutsche Innenstadt zeigt es ganz schnell: Auf den Klingeltableaus der sanierten, bunt gestrichenen und hochherrschaftlichen Altbauten lassen sich „Dr.“, nicht selten auch „Dr. Dr.“, oft und gern finden. Wahlplakate teilen den Bürgern mit, wer von den Kandidaten promoviert hat. Und auch Personalausweis und Kreditkarte erzählen die Geschichte vom hart erarbeiteten Doktortitel. Doch das ist noch nichts, wirklich: noch gar nichts. Denn selbstverständlich möchte, wer über ein derart beschriftetes poliertes Klingelschild verfügt, auch ganz besonders angesprochen werden. Da setzt sich der ausländische Journalist in Deutschland auch schnell mal in die – wie sagt man hier so schön – Nesseln, wenn er einen „Prof.Dr. Klugmann“ nicht korrekt anspricht. Was amüsant ist. Denn sobald der gleiche Herr Professor den Rhein überquert hat, wird er zum üblichen „Monsieur Klugmann“ degradiert, akademisch unter Beweis gestelltes Streben hin oder her. Für die stolzen Titelträger muss eine Reise ins Ausland doch einiges an Selbstüberwindung kosten. Vielleicht ist das auch der Grund, warum man beim Kauf eines Flugtickets auf vielen deutschen Webseiten „Frau Prof.“ oder „Frau Dr.“ als Anrede wählen darf. So wissen Flugpersonal und Mitreisende, die einen Blick auf das vor sich her getragene Ticket werfen, mit wem sie es zu tun haben. Google bietet in Deutschland übrigens als ersten Ergänzungsvorschlag zum Doktortitel: „kaufen“. Einige Webseiten versprechen, das „leicht“ zu machen. Ob das stimmt? Vermutlich ist das auch eine gründliche akademische Recherche wert. Und nur hierzulande hat sich so eine Leidenschaft für die sogenannten „Plagiatsaffären“ entwickelt, nur hier wurde dadurch eine spektakuläre Rücktrittswelle von Ministern und anderen Amtsinhabern ausgelöst.

Kein Wunder, ist doch ein Doktortitel ein echtes Pfund im Namen, sorgt für mehr Ansehen, mehr Einfluss, sogar mehr Geld. Und nicht zuletzt birgt der „Dr.“ einen echten Flirt-Faktor: Manche Partnerbörsen versprechen „Singles mit Niveau“ zu verkuppeln. Was fehlt denn noch? Hauptsache mit Niveau. Und promoviert sollte er sein.

Jean-Michel Hauteville

 

ARTE Programmhinweis

Karambolage

Sonntags, um 19.30 Uhr und auf arte.tv/karambolage

DVD-TIPP: „Karambolage“ erscheint in der ARTE EDITION. Weitere Informationen

unter arte.tv/edition

Kategorien: November 2016