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„Auf der Bühne will ich frei sein“

Er lebt für die Musik und begeistert durch Gefühl und Authentizität. Der serbische Geiger Nemanja Radulović ist vor allem eines: offen für Inspirationen aus allen Genres. Ein Gespräch.

Deutsche Grammophon © Charlotte Abramow

Deutsche Grammophon © Charlotte Abramow

Statt in Frack und Fliege tritt der Geiger Nemanja Radulović lieber in Lederhose und Springerstiefeln auf die Bühne. Die Verwirrung, die er dadurch bei manchen auslöst, wandelt sich schnell in Begeisterung. Mit Leichtigkeit, Elan und Gefühl zieht der 31-Jährige seine Zuhörer in den Bann. In Frankreich zählt Radulović längst zu den ganz Großen. Beim deutschen Publikum wurde er 2014 unter anderem durch „Stars von morgen präsentiert von Rolando Villazón“ bekannt. In einer Spezial-Sendung der Reihe zeigt ARTE, wie sich der Musiker inzwischen weiterentwickelt hat. Mit dem ARTE Magazin spricht er über seinen Stil, seine künstlerische Freiheit – und David Garrett.

Arte: Herr Radulović, sind Sie ein Star?

Nemanja Radulović: Ich würde mich niemals als Star bezeichnen. Für mich gibt es Stars und Sternchen nur am Himmel.

Arte: Sie sehen jedenfalls aus wie ein Star – eher ein Rockstar als ein Klassik-Star. Wollen Sie durch Ihren Look provozieren?

Nemanja Radulović: Jeder sollte sich so kleiden dürfen, wie er oder sie sich wohlfühlt. Ich lebe mein Leben nicht für andere, sondern für mich. Auf der Bühne will ich frei sein. Der Kleidungsstil ist wichtig, aber nicht wichtiger als die Musik.

Arte: Viele Leute vergleichen Sie mit David Garrett. Ist das ein Kompliment?

Nemanja Radulović: Ich selbst sehe keinerlei Ähnlichkeiten zwischen mir und David Garrett. Er hat seinen eigenen Stil – was sowohl seine Kleidung angeht als auch die Art und Weise zu spielen. Was uns vielleicht verbindet, ist die Freiheit und Offenheit gegenüber anderen Stilen, musikalisch und auch optisch.

Arte: Sie selbst lieben die Bühne. Warum?

Nemanja Radulović: Die Bühne ist für mich ein magischer Ort. Meine Geige ist genau genommen nur ein Stück Holz, das mir hilft, Gefühle auszudrücken, die ich mit Worten nicht beschreiben kann. Auf der Bühne kann ich diese Emotionen mit dem Publikum und anderen Musikern teilen. Durch diese Kommunikation fühle ich mich lebendig.

Arte: Wie viele Stunden üben Sie täglich?

Nemanja Radulović: Ich brauche mindestens zwei Stunden am Tag, in denen ich alleine bin und konzentriert übe. Die restliche Zeit über bin ich bei Proben, auf Reisen oder gebe Konzerte.

Arte: Stimmt es, dass Sie jeden Tag ein bisschen Mozart und ein bisschen Bach spielen?

Nemanja Radulović: Ja. Ich brauche beide. Mozart ist für mich Freude pur. Seine Werke versetzen mich beim Spielen zurück in meine Kindheit und somit zu einer Einfachheit, die man als Erwachsener manchmal vergisst, weil man zu viel nachdenkt.

Arte: Und was passiert bei Bach?

Nemanja Radulović: Wenn ich Bach spiele, habe ich das Gefühl, zu mir zu finden und zu meinen Wurzeln zurückzukehren. Als würde ich meine Seele reinigen. Seine Musik bringt mich wieder auf den Boden – ganz egal, was ich vorher gespielt habe.

Arte: Hassen Sie Ihre Geige auch manchmal?

Nemanja Radulović: Natürlich, ich bin auch nur ein Mensch. Manchmal braucht man eine Pause, auch von der klassischen Musik.

Arte: Bis zu Ihrem 14. Lebensjahr wuchsen Sie in Serbien auf, erlebten den Jugoslawienkrieg mit. Wie hat Sie das geprägt?

Nemanja Radulović: Man ist auf einmal Teil eines Krieges, ohne zu wissen, warum. Ich erinnere mich, wie verbunden die Menschen waren. Alle waren gleich, denn es ging ums Überleben. Ich habe vieles in dieser Zeit gelernt – auch, nicht voreilig über Personen zu urteilen und erst einmal zu versuchen, eine Situation zu verstehen. In der Musik ist das ähnlich: Es ist egal, für welche Art von Menschen im Publikum man spielt. Man spielt einfach für alle.

Arte: Treten Sie mit Ihrem Ensemble Les Trilles du Diable wirklich in Nachtclubs auf?

Nemanja Radulović: Es kommt vor, dass wir an ungewöhnlichen Orten spielen, nicht nur in klassischen Konzertsälen. Unsere Stücke variieren dann von Barock bis Pop.

Arte: Mögen Sie auch Heavy Metal?

Nemanja Radulović: Ich mag Musik! Und unterscheide nicht nach Genres, sondern danach, was mir gefällt und mich inspiriert. Ich liebe Muse und Amy Winehouse, aber auch eine Sängerin wie Celine Dion gefällt mir – Künstler mit einzigartigen Stimmen.

Arte: Stört Sie Ihre lange, lockige Mähne eigentlich manchmal beim Geigen?

Nemanja Radulović: Das kommt schon vor, aber mit Klammern und Pflegeprodukten habe ich sie meist ganz gut im Griff. Nur nach dem Aufstehen sehe ich manchmal so aus, als hätte ich einen Afro.

Arte: Sie sagten einmal, Ihr Haar sei eine Art Schutz, wenn Sie auf der Bühne stehen.

Nemanja Radulović: Das stimmt. Bei einem Konzert sind alle Augen auf den Solisten gerichtet. Und obwohl ich es liebe, mit dem Publikum zu kommunizieren, muss ich im tiefsten Innern bei mir selbst bleiben. Meine Haare helfen mir dabei. Ich glaube, von Zeit zu Zeit braucht jeder Mensch so eine Art Schutz – ganz egal, ob Star oder nicht.

Lydia Evers

Zur Person

Nemanja Radulović
Der 1985 im serbischen Niš geborene Geiger studierte zunächst in Belgrad und Saarbrücken, bevor er im Alter von 14 Jahren am Pariser Konservatorium angenommen wurde und mit seiner Familie nach Frankreich zog. 2015 wurde er mit dem Echo Klassik als Nachwuchskünstler des Jahres ausgezeichnet.

Diskografie (Auswahl)

Bach, Miletic, Paganini & Ysaye (2005), Les Trilles du Diable (2009), Les 5 saisons (2011), Paganini Fantasy (2013), Journey East (2015), Bach (2016)

 

ARTE Highlights

Stars von morgen präsentiert von Rolando Villazón
Konzerte
ab Sonntag, 6.11. | 18.30

„Stars von morgen“ revisited
Musikdoku
Sonntag, 27.11. | 23.35

arte.tv/starsvonmorgen

Kategorien: November 2016